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Die Wahrheit · 1900-02-23 · Heft 7 (23.2.1900) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1900
Issue
Heft 7 (23.2.1900)
Date
1900-02-23
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6. Die Wahrheit. mv.?. ordinem so dringlich schien. Der Mann selbst hat freilich an seinem Ruse nicht viel verloren, ihm ist jedenfalls die „Ehre" zu Theil geworden, im Leopoldstädter Tempel, wenn auch nicht öffentlich zur Probe zu singen, was ihm gewiss auch schriftlich bestätigt wurde, aber das Ansehen der Wiener Gemeinde und auch die Achtung vor dem Cantorate wird durch derartige Experimente schwer geschädigt. Solche Wandervögel müssen a priori ausgeschlossen sein, gleich jenen Elementen, die sich in ewigen Pendelbewegungen zwischen Theater und Synagoge besinden und sich gut genug dünken, falls ihnen im Reiche Thaliens Schiffbruch droht, ohne vorhergegangene sachliche Ausbildung und berufliches Wirken ihre Aspirarionen aus den geheiligten Boden des jüdischen Gottesdienstes auszudehuen. Es wird vielleicht von Gegnern unserer Anschauungen daraus verwiesen werden, dass auch in! früheren Zeiten nachher zu großem Ruse gelangte Cantoren! auf dem Gebiete der profanen Kunst thätig waren oder für dieselbe sich vorbereiteten, und ganz besonders von Joses Goldftein wird erzählt, dass er, im Begriffe eine Kunstreiie nach Italien anzutreten, als Cantor der Wiener Cnltusgemeinde angestellt wurde. Aber da darf wohl nicht vergessen werden, dass Josef Goldstein keine alltägliche Erscheinung war, dass Go.dstein damals trotz seiner Jugend eine vieljährige ausgezeichnete Thätigkeit als Chasen hinter sich hatte und durch seine phänomenale Stimme viele Bedenken niederschlug. Diese beiden Momente konnten wohl den seinerzeitigen Vorstand der Wiener Cultusgemeinde bestimmen, das geniale Chasendl anzustellen und für seine weitere Ausbildung als moderner Cantor Sorge zu tragen. Ganz anders aber liegt der Fall, wenn Leute, die nur mit Müh und Roth den Freitag- und Samstag- Gottesdienst einstudirt und vom Chasonus für das ganze Jahr nicht den geringsten Dunst haben, eben nur pochend aus ihre das Mittelmaß nicht überschreitenden Stimmmittel sich uni die Obercantorstelle in einer Synagoge der Wiener Cultusgemeinde als Nachfolger Goldstein's bewerben, wobei von ihren Gönnern und Förderern betont wird, dass sie noch jung sind und das Fehlende im Lause der Jahre nachholen werden. Ja, ist denn die Wiener Cultusgemeinde dazu da, Cantoratseleven auszubilden und Leute, die aus der untersten Stufe ihrer beruflichen Laufbahn stehen, zu großen Cantoren heranzuziehen? Diese mögen erst in kleineren Stellungen ihre Ausbildung vollenden und bann erst, wenn ihre Kräfte gestählt sind und ihr Wissen vervollkommnet ist, ihre Blicke zu hervorragenden Stellungen erheben. Die große Zahl der Anmeldungen und manche traurige, bisher gemachte Erfahrungen haben in neuester Zeit den Vorstand veranlasst, von nun ab das Gros der Bewerber, nicht einzelr. sondern mehrere gleichzeitig, vor einer Commission einer Vorprüfung zu unterziehen, und letztere wird von nächster Woche augefangen gewiffermaßen Massenabschlachtuugen vornehmen, um die öffentlichen Probevorträge einzuschränken. Auch diesen Vorgang halten wir nicht für den richtigen, glauben vielmehr, dass eine strenge Sichtung der Bewerbungsqesuche manchen comperirenden Cantor vor Enttäuschung und Schaden und die Gemeinde vor unnöthigen Ausgaben bewahren würde. Die zahlreichen, von Woche zu Woche wiederkehreuden Probevorträge, bei welchen jeder Vortragende die Zuhörer nach seiner Fa^on selig zu machen sucht, haben noch die weitere schädliche Wirkung, dass sich die Gemeinde daran gewöhnt, in der Synagoge nicht andächtig zu beten, sondern neugierig auf musikalische Produetionen zu lauschen. Das Gotteshaus sei eine Stätte der Andacht und nicht ein Tempel der Kunst, an welcher man dem Beifall und Missfallen uneingeschränkt Ausdruck geben darf. Dass aber ein Theil des Publikums bereits den letzteren Standpunkt einnimmt, bewiesen am schlagendsten dle kürzlich bei einem Proberortrage lautgewordenen Bravorufe. Leider wurden auch von manchen Probecandidaten Produktionen geleistet, die weder vor dem Forum musikalischer Kritik noch vor dem Gewissen eines von der Würde seines Amtes durchdrungenem Cantors verantwortet werden können. Unter den mannigfachen Absonderlichkeiten fei namentlich die vom Publicum geradezu gezüchtete Geschmacklosigkeit erwähnt, die mit der Stelle im Nogsn owaus: „lefonow naawod bejiroh wofachad“ getrieben wird. Diejenigen, die mit aller Gewalt dabei den verstorbenen Goldstein copiren wollen, mögen sich das alte Sprichwort: „Eines schickt sich nicht für Alle" vor Augen halten und bedenken, dass sie nicht mit dem Herausstoßen einiger hoher Töne, sondern durch die Würde und Weihe des Vortrages und durch die gediegene Reife der gesammten Leistung ihre Fähigkeiten in das beste Licht stellen werden. Aus all den angeführten Gründen möchten wir dem Vorstande der Wiener Cultusgemeinde dringendst rathen, die weiteren Berufungen nur aus solche Persönlichkeiten zu beschränken, die wirklich würdig und berufen sind, die vacante Stelle voll und ganz auszusüllen, und hiebei auch jene hohen Gesichtspunkte nicht aus den Augen zu verlieren, die wir eingangs dieser Zeilen als Vermächtnis Snlzer's citirt haben. --— - —y Der Antisemitismus im ungarischen Parlamente. Selbst große Gelehrte, wie Renan, der mit seinem durchdringenden, kritischen Geiste das alte und neue Testament bis auf den Grund auswühlte, war über das Judenthum und seine Religion nicht ganz im Reinen. Einmal ist er voll Lobes, wenn er über die humanen socialen Gesetze der jüdischen Religion spricht, das auderemal zerrt er es bis in den Koth hinab, so dass man gezwungen ist zu glauben, man habe es mit einem Zwitterding zu thutl, das stündlich die Farben wechselt. Joel hat bereits in seinem trefflichen Buche: „Blicke in die Religionsgeschichte," II. Theil, Seite 10 und 11, aus diesen crassen Widerspruch hingewiesen. In der Kritik der Apostelgeschichte ist Renan bemüht, die Juden in Schutz zu nehmen, dass sie nicht im Mindesten zur Kreuzigung Christi beigetragen; der Verfasser der Apostelgeschichte hat sich über historische Treue ganz hinweggesetzt, ihm war es hauptsächlich darum zu thun, Alles hervorzuheben und ins beste Lichte zu stellen, was den Römern günstig war, die Juden hingegen anznschwärzen, um ihnen den Tod Christi aufzubürden. Dagegen im „L’Antichrist“ (S. 11) nimmt Renan den Apostelgeschichtsschreiber als treuen,, verlässlichen Gewährsmann an, schenkt seiner tendenziösen Verdrehung Glauben und schreibt daher: „Die Juden waren vor der Zerstörung Jerusalems die wahren Verfolger der Christen lind vernachlässigsten Nichts, sie verschwinden zu machen." Wie ersichtlich, war es immer das Schicksal der Juden, wenn sie noch so treu und hingebungsvoll dem Vaterlan^e dienten, dass ihre Arbeit willkürlich falsch ausgelegt, oder was noch häufiger vorkam, mit Unglimps und Schande belegt wurde. In den frühesten Zeiten war es die Verschiedenheit der Religion, die hiezu Anlass bot, heute jedoch sind es die verwerflichsten Absichten, mit denen gegen das Judenthum operirt wird, ohne dass man die Glaubensverschiedenheit im Auge hätte. Der clericale Geist, der im Nachtdunkel auf Unheil brütet, wagt sich zuweilen ans Tageslicht hervor, weil er der Meinung ist, dass es ihm in seiner Wühlarbeit gelungen ist, den Glanz des Firmamentes mit schwarzen Wolken zu überziehen. Herr Zmeskal nahm dieser Tage einen Anlauf, um eine rechte Judendebatte im ungarischen Abgeordnetenhanse zu provociren, die ihm jedoch nicht ganz gelungen ist, trotzdem er von seinen Kläffern aus der Volkspartei tüchtigen Succurs erhielt. Er sei zwar kein Antisemit, wünsche den Juden das Beste, kann aber doch nicht umhin, den Justizminister aus die Möglichkeit eines Ritualmordes hinzuweisen, der sich vor kurzer Zeit in Ungarn abgespielt hat. Er selbst wäre mit solchen Anschuldigungen nicht hervorgetreten, wenn nicht die Aussage eii:es Rabbiners ihn in der Annahme, dass dort ein Ritualmord geschehen sei, bestärkt hätte. Ein Rabbiner soll vor ihm geäußert haben: „Die Juden brauchen zwar Blut, aber deshalb tödtet man keine Menschen." Glauben Sie denn wirklich, Herr Zmeskal, dass Sie es mit Tollhäuslern zu thun haben, die solchen bodenlosen Lügen Glauben schenken werden. Warum haben Sie uns den Namen dieses

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