Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1900
- Issue
- Heft 6 (13.2.1900)
- Date
- 1900-02-13
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3062972-3063013-3063019--00636-3067158- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 6. Die Wahrheit. Seite 5. königliche Paläste zu erstürmen, despotische Minister zu verjagen — da sie nie Könige und Minister: hatten — um sich die freiheitlichen, humanen, gerechten Gesetze auszubauen, die sie so friedlich, so vergnügt, so sorglos machen. Sie hatten keinen Tolstoi, der ihnen die Wonne der Arbeit schildern, keinen Ibsen, der ihnen das Wesen des Volkes klarlegen soll. Und doch wie gründlich verstehen sie es, sich im Schoße der Natur ihres Daseins zu erfreuen, in der fleißigen Arbeit ihre robusten Glieder zu stärken und ihren Muth zu heben. Dieses Volk also, welches ohne jede.theoretische Vorbereitung, ohne von all den mannigfachen philosophischen Systemen, die in Europa und Amerika so zahlreich entstehen und vergehen, Kenntnis zu haben, von' selbst ans eigenem Impulse ein Sittensystem geschaffen hat. welches bei den civilisierten Völkern seinesgleichen sucht, dieses Volk verdient es unbestreitbar, unter die Culturvölker eingereiht zu werden. Ein derartiger ethischer Zustand muß aber auch im Laufe der Zeit einen Fortschritt auf den anderen Gebieten der Cultur herbeisühren. Die Boers werden früher oder später auch in intellektueller Beziehung fortschreiten, jedoch wird bei ihnen stets das ethische Princip vorangehen. Die Folge davon ist, dass das Entstehen'von geistigen Anomalien, wie dies bei den' civilisierten Völkern so häufig der Fall ist, ausgeschlossen ist. Das Auftauchen von Deckerts, Lnegers, Baxas u. s. w. ist in Transvaal unmöglich. Es wird häufig und mit Recht geklagt, dass die Amerikaner, bei all ihrem unbestreitbaren Fortschritte, in moralischer Beziehung vieles zu wünschen übrig lassen, dass der Segen, den man dort erwartete, bei weitem noch nicht eingetreten ist, dass die Menschen in diesem Lande in ihrer überwiegenden Mehrheit nichts weniger als glücklich sind. Diese bedauerliche Erscheinung ist nach dem Gesagten vollkommen erklärlich. Dort, in Amerika, geht der einmal von den Banden der Sklaverei befreite Geist seine eigenen Wege, ohne sich um die Moral zu kümmern. Diese schleicht langsam uni> lässig nach und vermag nicht all die Lücken anszufüllen, die jener bei seinem raschen Fluge znrücklässt. Deshalb war die erste Sorge unseres Gesetzgebers, dem vom Sklavenjoche befreiten. Volke eine Sittenlehre zu geben, wonach er seine Schritte lenken soll. Dem neugeborenen Volke wurde die Ethik in die Wiege gesungen. Sein späteres Thun und Lassen musste sich nach dieser Ethik richten; seine Philosophie musste sich an die Moral anlehnen. Jedes den Principien der Torah widersprechende System musste als falsch angesehen werden. So wurde die Ethik mit der Philosophie verwachsen, woraus derjenige gesunde Kern entstand, der das Wesen des Judenthums ausmacht. Nach diesen Betrachtungen ist es nun leicht, die Frage zu beantworten, ob die Römer ein Culturvolk waren. Bei all seiner unbestreitbaren Größe mangelt diesem Volke das ethische Moment ganz und gar. Ja, gerade in seinen Glanz- und Ruhmespochen zeigte sich dieser Mangel mit besonderer Deutlichkeit. Ein Blick in die Geschichte der Römer genügt, um die Ueberzeugung zu gewinnen, dass dieses große Volk in ethischer Beziehung ein Barbarenvolk geblieben ist. Man sucht die Ursachen der Dekadenz der Römer in allen möglichen geschichtlichen Vorgängen; man mird sie aber nur dort finden, wo die Belege für die Unverwüstlichkeit des jüdischen Volkes verborgen sind. Wo die Moral vorangeht und dem nach Wissen und Vervollkommnung stürmenden Geiste den Weg weist, dort ist Leben und Licht, Freiheit und Unverwüstlichkeit; wo die Moral dem von Leidenschaften getriebenen Geiste ohnmächtig nachschleicht, dort ist Tod und Finsternis, Mangel und Verkommenheit. Das erstere war bei den Juden, das letztere bei den Römern der Fall. Das erstere gebar den Juden den Saadias und den Mäimonides, das letztere den Römern die Pseudophilosophen. Die Rechtslehre der Römer hat als solche mit der Moral nichts zu thun. Sie entspringt dem instinktiven Bedürfnisse jedes lebenden Wesons, sein Eigenthum zu wahren. Daher gilt in der Rechtsphilosophie der Satz als unumstößlich: „Die Rechtslehre ist keine der Sittenlehre untergeordnete oder aus ihr abgeleitete Lehre, sondern sie erscheint schon im Principe als eine davon unabhängige Lehre". „Was die Sittenlehre verbietet, ist nicht alles auch durch die Rechtslehre verboten." (Droste-Hülshoff.) Moses beschränkt sich daher nicht darauf, seinem Volke Gesetze gegeben zu haben, sondern er hebt hervor 2^X7 2'jANX D'öatPöl, auf Gerechtigkeit und Sittlichkeit beruhende Gesetze. Gesetze der Billigkeit, der Nachsicht, der Nächstenliebe vermag der römische Codex nicht aufzuweisen. Es erhellt aus diesen Betrachtungen, dass das ethische Princip das Hauptmerkmal ist für die Culturfähigkeit eines Volkes und dass dem römischen Volke d'eses Merkmal gänzlich fehlte. Der Untergang des römischen Volkes kann also den Satz nicht umstoßen, dass die Lebensfähigkeit eines Volkes von seiner Culturfähigkeit abhängig ist. Bei dieser Auffassung des Culturbegriffes, die mir die richtige scheint, rvird kaum jemand wagen — und mag er zu den verbissensten Feinden des Judenthums zählen — unserem Volke den wohlverdienten und historisch berechtigten Titel „Culturvolk" abzusprechen. Gesetzgebung, Geschichte, Familien- und gesellschaftliches Leben der Juden zeugen unwiderlegbar, dass die Juden ein Culturvolk sind. Dass die Inden auch durch ihre Leistungen auf anderen Gebieten des geistigen Lebens den Titel „Culturvolk" verdienen, wird in dem folgenden Capitel nachgewiesen werden. II. Wenn auch aus den bisherigen Betrachtungen hervorgeht, dass die Juden unbestreitbar ein Culturvolk sind, so bleibt trotzdem die zweite Frage, ob es eine specifisch-jüdische Cultur überhaupt giebt, noch immer offen. Giebt es eine feststehende, abgeschlossene, von den Juden begonnene und vollendete, vom Geiste dieses Volkes durchdrungene und durch bestimmte Merkmale zu bezeichnende Cultur, und worin besteht dieselbe? Man beantwortet gewöhnlich diese Fragen verneinend. Die Jahrtausende währende Diaspora, das ewige Wandern von Volk zu Volk, von Land zu Land, die inneren Zerwürfnisse, die nie im Judenthume aufhörten, das fortwährende Einsaugen fremder Culturen, die starke Mischung von fremden Elementen in der jüdischen Rasse, — all diese Erscheinungen wären geeignet, das specifisch Jüdische auszumerzen und zu verwischen. Wir wollen auf diese Einwendungen im Weiteren näher eingehen. (Fortsetzung folgt.) Jüdische Mtiothekeu. Ein soeben erschienenes höchst verdienstvolles Werk*), das sich als erster Versuch bezeichnet, die Bibliotheksverhältniße Oesterreich-Ungarns klarzustellen und ein, wenn auch nicht vollkommenes Bild des geistigen Lebens unserer Monarchie zu! bieten, lenkt die öffentliche Aufmerksamkeit auch auf die jüdischen! Bibliotheken, resp. Fachbibliotheken für „Hebraica", von welchen in dem Adreßbuche nachstehende erwähnt sind: Kokkescha« I Israelitische Cu l t u s g e m e i n d e. — 1450 Bde. •v— Jahresdotation 150 Gulden. — Obmannn: Dr. Jakob Freimaun, Rabbiner; Bibliothekar: Ignaz Baumgarten; Cassier: Abraham Gratzer; Schriftführer: Leopold Zwillinger; Emanuel Lampel Beisitzer. Protektoren: Albert Löw, Donat Zifferer, Gemeinderath, Wien, Salomon Zwillinger, Bürgermeister. — Unentgeltlich benützbar Sonntag von 2—3 Uhr. — Entlehnungen, aber keine Versendungen. — Gegründet 1897 über Anregung des Herrn Albert Löw in Budapest. — Abtheilung A: Jüdische Geschichte und Literatur. Abtheilung B : Allgemeine Weltliteratur^ *) Adreßbuch für Bibkiotheken der österreich-ungarischen Monarchie Von Bobatta Dr. I. und Holzmann Dr. M., Wien, k. u. k. Hofbuchdruckerei und Hofverlagsbuchhandlung C. Fromme 1900.