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Die Wahrheit · 1900-02-03 · Heft 5 (3.2.1900) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1900
Issue
Heft 5 (3.2.1900)
Date
1900-02-03
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Hesterr.-Ungar. Hantoren-Aeitung. Mr. 5. Beilage zur Zeitschrift „Die Wahrheit." 2V. Iahrg. Cm Ruf nach Organisation. Seit einigen Jahren verfolge ich mit großer Aufmerksamkeit die Concurse in diesem geschätzten Blatte und habe leider sehr oft die Cultnsgemeinde Szabadka mit ihrem Concurse bewundert. Ein Jahr hat sich nun auch diese ehrenwerthe Gemeinde tapfer gehalten, aber das war schon des Guten zuviel, und siehe! in Szabadka sind wieder zwei Concurse ausgeschrieben. Ein Tenorist und Bassist, selbstredend Musiker ersten Ranges, finden ans die Dauer - eines halben oder höchstens eines ganzen Jahres gnadenvolle Ausnahme. Warum sind aber zwei arme Familienväter gekündigt worden? Etwa wegen Chillnl Schabbos, oder haben sie ihre Pflichten nicht erfüllt? Nein, nicht deshalb, sondern nur aus dem ganz einfachen Grunde, weil die ehrenwerthe Gemeinde in Szabadka;wei frische Menschen haben will. Unbegreiflich und beschämend ist es, dass eine Gemeinde so grausam gegen ihre Angestellten handelt und nur deswegen Familienväter brodlos macht, weil sie die Abwechslung liebt und an den bisherigen Functionären nicht mehr Gefallen findet. Oder glaubt die ehrenwerthe Gemeinde in Szabadka, dass sie für ihre 500 fl. jährlich Opernsänger bekommt? Es lväre wahrhaftig schon an der Zeit, dass wir uns organisiren und uns vor allem gegenseitig verpflichten, ohne Zusicherung der Reisespesen aus keine Berufung zu reflectiren und aus eine Acceptation unter 3 Jahren nicht einzugehen. Vielen Gemeinden würde dann der Appetit vergehen, jedes Jahr einen Concurs ausznschreiben und wenigstens 20 Cantoren zur Probe zu berufen. Vielleicht genügt dieser Wink, den hoffentlich jeder von uns, der nur ein bischen Ehrgefühl hat, beherzigen wird. Die löbl. Redaction dieses Blattes, das immer die Interessen unseres Standes vertreten hat, wird gewiss unsere Sache fördern, nur müssen auch wir Alle wie ein Mann uns an Sie wenden und dürfen nicht so indolent wie bisher sein. Halten wir uns immer vor Augen, dass die Gemeinden unsere jungen Jahre nur zu ihrem Vortheile ansbeuten und für unsere armen Familien absolut nicht sorgen wollen. Sie wollen nur jedes Jahr frische Opernsänger hören. Daher, Collegen, richte ich an Euch den eindringlichen Appell: Wir haben ein Fachblatt, organisiren wir uns und unterstützen wir unser Blatt, dann können wir mit der Zeit unsere Stellung ans ein höheres Niveau bringen! Schließlich noch ein collegialer Rathschlag. Die Cnltusgemeinde Szabadka hat zwei Familienväter ohne jeden Grund brodlos gemacht; wenn Ihr nach einem Jahr nicht wandern wollt, so haltet Euch von dieser ehrenwerthe» Gemeinde fern." Tr.r. Suher-Feier im Rombach-Tempel ju Budapest. Dass man sich in unseren Tagen, wo alles Ideale zu schwinden beginnt, noch für jüdische Sangeskunst erwärmen kann, beweist am unzweideutigsten die große, unübersehbare Schaar der Tempelbesucher, die am verflossenen Freitag Abends in der Rombach-Synagoge sich eingesuuden hatte, um den ^ulzer'schen Melodien zu lauschen, die Obercantor B a ch m a n n zum Andenken an den zehnten Todestag des Meisters in würdiger, solenner Weise vortrug. Durch diese Feier hat die Budapester Religionsgemeinde wieder einmal bewiesen, dass sie für alles Große und Herrliche aus dem Gebiete des Cultus sich in würdevoller Weise zu begeistern weiß. Wenn auch die sociale Stellung der Cantoren zum weitaus größeren Theile eine tiestraurige ist, wenn ihnen nur in den seltesten Fällen Würdigung und Ehrung zu Theil wird, so müssen derartige Feierlichkeiten doch einige Befriedigung bei ihnen Hervorrusen, weil sie in Erwartung einer besseren Zukunft ihr Los mit Ergebenheit ertragen werden, so den Würdigen unter ihnen die gebührende Achtung gezollt wird. Es ist aber auch endlich schon die höchste Zeit, dass die Cantoren nicht die Parias der jüdischen Beamten seien. Der religiöse Sinn ist tu steler Abnahme begriffen, die Religion! wird im Hause nur äußerst selten geübt, die jüngere Generation! weiß kaum mehr, welchem Glauben sie angebört, und wenn der; unsanfte Hieb von Außen sie nicht nur zu oft aus ihrem tiefen j Schlummer erweckte, es wäre gar traurig um unsere Zukunft j bestellt. Darum sollte man das Hauptgewicht der Religiosität! in das Gotteshaus versetzen. Dort, wodie gekränkte Seele Erleichterung sucht für die Unbilden des Lebens, wo der Trauernde Beruhigung, der hart Geprüfte Balsam für seine Wunde findet, schwindet allsogleich die harte Kruste von dem Gemüthe. Dort sucht man auch lieber seinen Allvater zu besänftigen, dort gesteht man auch reuevoll seine Fehltritte, und ans den Flügeln des jüdischen Gesanges werden wir von diesem! Erdenwallen, das so viel Elend und Noth in sich birgt, hin-! weggetragen in höhere Regionen, wo keine Schmach und Er-! niedrignng zu finden ist, wo die Seele ihrer schweren Bürde! entlastet wird. j Es ist wohl wahr, dass unsere Gebete nicht Jedermann! verständlich sind, dass sie so Manchen kalt lassen; doch wer ein j warmes, empfindsames Her; ins Gotteshaus bringt, wer seine! Religion nicht als Brandmal betrachtet und nicht dieses Kains-! zeichen, wie er es nennt, gar häufig verdammt, wer mit Liebe an! seinem Gotte hängt; der wird und muss an dem jüdischen? Gesang, wenn er auch in hebräischer Sprache vorgetragen wird,! sich begeistern miD erwärmen.! Wie verständnisvoll wusste nun der verewigte Meister! Sulzer die Herzensstimmung zu wecken, wie wusste er ^der i Trauer mib der Freude den wahrhaften Ausdruck zu verleihen ' Das konnten Alle aufs Neue erfahren, die da gekommen waren, sein Andenken zu ehren. Gewiss wird diese Feier noch Allen lang in Erinnerung bleiben, gewiss wird so mancher schlaffe Sinn geweckt, so manch trübes Gemüth erheitert worden sein; der Löwenankheil hiefür gebührt Obercantor Bachmann, der sein ganzes Können eingesetzt, um dem Hingeschiedenen Sanges-! meister ein dauerndes Andenken tu der Pester Gemeinde zu bewahren. Dr. S. P. Zum 85. Geburtstag des Direktors Jt. Stoch. Der im Studium der Thora ergraute Rabbiner M. B l o ch, Director der Rabbineranstalt in Budapest, feierte am 21. Jänner in voller Rüstigkeit und mit ungeschwächter Kraft seinen, 85. Geburtstag. Gleich einer mächtigen Säule, uubekümmert um die stürmischen Zeiten, steht unser geliebter Meister noch jetzt wetterhart aufrecht, wenn er seine Tagesarbeit zu vollenden hat. Wie lauschen noch jetzt seine Schüler, wenn er aus dem großen Talmudfolianten täglich zwei Stunden hindurch seine Vorträge hält,! auf die Weisheiten, die er ihnen erschließt, und wie müssen sie! mit ungebrochenem Fleiße ihrem Studium obliegen; denn der j greise Lehrer kennt keine Nachsicht, wenn die Zeit der Prüfung > herannaht. Gilt doch die Arbeit für die Zukunft Israels, da > darf keiner wanken und schwanken. Und trotz dieser Mühselig-! feiten, die ein solcher Vortrag im Gefolge hat, geht der ruhml gekrönte Gelehrte unverdrossen an sein Katheder, ohne sich Zeit zu gönnen, das Leben anders zu genießen, als in der Vertiefung | im Studium der heiligeu Thora. Die Aufmerksamkeit der Schüler weiß keiner besser zu fesseln als unser verehrter Meister.

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