Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1900
- Issue
- Heft 5 (3.2.1900)
- Date
- 1900-02-03
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6. Die Wahrheit. Nr. 5. imgarischen Ministers bewährt? Keine Spur! Nach wie vor hält das Gros der ungarischen Judenschaft an ihren Traditionen fest und scheidet nur einen verschwindend kleinen Prozentsatz von ihrer Mitte aus, und zwar vom Abfalle, der ihr eher-schadet als nützt, um dem Moloch der Assimilation beizusteuern. Die Mauern der Jeschibolh in Preßburg dröhnen von dem tausendstimmigen Echo der eifrigen Talmidim, das Rabbinerseminar in Budapest erzieht Rabbiner und Religionslehrer im Geiste des historischen Judenthums, Werke religiösen und jüdisch-litterarischen Inhalts erscheine,! dort in zahlreichen Auslagen, kurz das Gespenst der Assimilation,, das 'hinter dem Rücken des Ministers Tisza stand, hat sich verflüchtigt und brachte den optimistischen Religionsschacherern eine furchtbare Enttäuschung bei. Fürwahr, es gehört viel Mnth und Anmaßung dazu, um die vage Behauptung auszustellen, dass die Juden leichten Herzens ihre Jahrtausende alte Cultur ansgeben würden, um in dem erst vor wenigen Jahrhunderten ausgetauchten uud durch fremde Hilfe aus die Beine verholfenen Ungarn auszugehen, weil die wilden, verthierten, jedes humanen Gefühles baren, raublustigen und blutdürstigen Hunnen in den Germanen ausgegangeu sind! Minister Tisza kannte das Juoenthnm nicht, wie eS heute viele Juden verkennen! Als Culturvolk sind wir vor schädlichen äußeren Einflüssen geschützt. Unsere geistigen Schätze bilden eine undurchdringliche Mauer, die unser einheitliches Volkswesen umgiebt und vordem Verfalle bewahrt nbT vh yby un* ''bl bl. Jedes Werkzeug, welches zur Zerstörung deines Volksthums in Verwendung kommt, muß seinen Zweck verfehlen. Wir sind ein.Culturvolk und deshalb, nur deshalb können wir nicht aufgehen. Die Geschichte weiß zwar von vielen Völkern zu erzählen, die nach mehr oder minder langem Bestände verschwanden oöev in anderen Völkern ausgegangeu sind. Unter diesen Todten gibt es aber kein einziges Culturvolk. Uud die Römer? Hier muß ich einen gewagten Schritt machen, auf die Gefahr hin, mich dadurch dem Gespötte und dem Uebeltvollen mancher auszusetzen. Ich behaupte, dass die Römer kein Culturvolk waren. Was? Die Römer kein Culturvolk? Die Römer des Tacitus, des Cicero kein Culturvolk? Die Römer, deren Rechtslehre von fämmklichen civilisirten Völkern der Erde zur Basis ihrer Staats- und Rechtswissenschaften gemacht wurve, kein Culturvolk? Zur genauen, erschöpfenden Definition des Begriffes Cultur gehören unbestreitbar, wie dies von allen Culturgeschichtsschreibern hervorgehoben wird, zwei Hauptattribute: Intellekt und Moral. Nach diesen zwei Maßstaben wird die Höhe der Cultur eines jeden Volkes gemessen. Diese zwei Factoren gehen aber nicht immer Hand in Hand, sie haben Miteinander nichts gemein, sind von einander völlig unabhängig, gehen ein jeder seinen Weg und — wie sonderbar dies auch erscheinen mag — sic durchkreuzen sich sehr oft. Honnegger sagt in seiner berühmten Geschichte der Cultur: „... Aber da stoßen wir gleich auf die^von allen Perioden der Weltgeschichte mit unerbitterlicher Schärfe beglaubigte Erscheinung, dass die Entwicklung dieser drei Gebiete menschlicher Wesensthätigkeit (Intellekt, Moral und Technik) sich in keiner Weise deckt, nichts weniger als parallel läuft, sondern eher sich widerstrebt. Das ist ein für die Größe u,id Bedeutung unseres Geschlechtes verhängnisvolles Naturgesetz". Ein anderer Geschichtsforscher nennt diese Erscheinung „einen Missgriff der Schöpfung". (Fortsetzung folgt). Moses Montefiore und Adolf Cremieur. Von Dr« M. H. Ariedländer. Nicht nur das Leben und Wirken der hervorragendsten, verdienstvollsten Gelehrten, sondern auch das der Männer der! Thal verdient von der Geschichte besonders gewürdigt zu wer-! den; denn während jene sich um die geistige und moralische,! haben diese sich um die leibliche Existenz des Judenthums un-; verwüstliche und unzerstörbare Verdienste erworben.! Schon im Talmud wird erzählt, dass einst in einer Gelehrtenversammlung die Frage aufgeworfen wurde, was in der Religion am wichtigsten sei, ob die Ideen und Glaubenslehren, oder die Thaten und Handlangen, .zu denen sie auffordert. R. Tarfon meinte, die Hauptsache bleibe die That, die Verwirklichung des Glaubens durch edle,, humanitäre, menschenfreundliche Haudlungen; R. Akiba aber behauptete, das Studium der Gotteslehre sei das Wichtigste in der Religion. Nach langen Debatten wurde endlich von allen Anwesenden der vermittelnde Ansspruch gethan: ,,Talmud gadol sch’mebi lyde maasse“. Das Studium der Thora, die Förderung der Wissenschaft des Judenthums ist nur dann von hoher.Wichtigkeit und Bedeutung , wenn sie zur segensreichen That und zur edlen Wirksamkeit führt und an spornt. Hieraus kann also mit Fug und Recht gefolgert werdendass die Männer der Thatkraft,- die ^U8oli6 hamaasse, wie sie im Talmud genannt werden, den hochverdienten Männern der Weisheit würdig an die Seite gestellt zu werden verdienen. Und von solchen edlen Biedermännern wollen wir hier sprechen. Moses Montefiore, der einer achtbaren, angesehenen, streng religiösen Familie entstammte, wurde am 24. Oktober 1784 in London geboren. Seine Eltern ließen ihn frühzeitig eine in jeder Beziehung ausgezeichnete Erziehung angedeihen. Wahrhafte Frömmigkeit, innige Religiosität, unvergleichliche Herzensgüte, tiefes Mitgefühl für jedes Leid und Weh und seltene Bescheidenheit waren die schönsten Tugenden, die er in sich vereinigte. Moses Montefiore widmete sich dem Geschäftsleben und wurde vom Glücke so sehr begünstigt, dass er bald einer der reichsten uud vornehmsten Inden Englands wurde. Wie einst der große unsterbliche Lehrer Moses mit Hintanhaltung aller Privatinteressen in edelster und uneigennützigster Weise das Heil und Wohl seines Volkes nach jeder Richtung hin zu fördern aus allen Kräften bestrebt uud bemüht war, ebenso sehr hat stch's. auch dieser Moses zur Lebensaufgabe gestellt, sich seiner bedrückten und verfolgten Glanbensbrüder in hochherzigster Weise anzunehmen und ihnen Hilfe und Rettung zu bringen, so oft sie deren bedurften. Von demselben Geiste der Humanität und Philantropie war auch seine edle, fromme, mit den schönsten weiblichen Tugenden reichgeschmückte Gattin Judith Montefiore geb. Cohen (eine Verwandte der hochachtbaren Familie Rothschild), die er im Jahre 1812 geheiratet, beseelt und durchdrungen. Sie stand ihm in allen Verhältnissen seines Lebens als treue, opferwillige Lebensgefährtin mit Rath und That hilfreich zur Seite und nahm stets den innigsten und lebhaftesten Antheil an allen seinen edlen, menschenfreundlichen Bestrebungen. So oft er sich veranlasst sah, eine, wenn auch mit vieleu unsäglichen Strapazen und Mühseligkeiten verbundene Reise zu unternehmen, um seinen von wilden Horden und Barbaren verfolgten und bedrängten Glaubens- und Stainmesgenossen Hilfe zu bringen, begleitete sie ihn auf Schritt und Tritt, ohne die großen Anstrengungen und Unannehmlichkeiten einer weiten Reise nur im Entferntesten zu scheuen. Besonders theilnahmsvoll nahmen sie sich der nothleidenden Juden Syriens und Palästina's an, welche Länder sie zu wiederholtenmalen besuchten, um aus eigener Anschauung das Elend ihrer Glaubensbrüder kennen zu lernen und zur Milderung und Linderung ihrer Leiden und Qualen beitragen zu können. Als sie 1827 Palästina zum erstenmale besuchten, schrieb Mylady Montefiore unter Anderem in ihrem Tagebuche über Jerusalem: „Keine Stadt in der Welt hält in Beziehung auf Theilnahme einen Vergleich aus mit Jerusalem — so verfallen, öde und traurig die Stadt auch erscheint, so verändert sie auch ist seit den Tagen ihres Glanzes. Die Hauptstädte der alten Welt flößen uns, wenn wir ihre verfallenen Denkmäler betrachten, Gedanken ein, welche uns weit in die frühere Geschichte unseres Geschlechtes zurückführen, und Gefühle, welche