Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1900-02-03 · Heft 5 (3.2.1900) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1900
Issue
Heft 5 (3.2.1900)
Date
1900-02-03
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3062972-3063013-3063018--00622-3067143
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Serie -t. Die LDayryen. Nr. 5. zutreffend ist, aber von den 190 Gemeinden Böhmens kann man sicher annehmen, dass in 90 höchst desolate Zustande herrschen, wosür ja schliesslich die täglich und täglich wiederkehrenden „Concurse" in den Tagesblättern den besten Beweis liesern. Unseren Feinden ist dies natürlich ein Vergnügen. Äus der Lcmberger ijr. Cultusgemeinde. ii. Das epochale Ereignis der Einweihung eines eigenen Gemeindeverwaltungshauses ließ an Einfachheit nichts zu wünschen übrig. Bescheiden war die Zahl der Eingeladenen der jüdischen Steuerzahler, noch bescheidener die der erschienenen polnischen Honoratioren, am bescheidensten aber das Gepräge j der Feierlichkeit. Wir thun unserem geehrten Leserkreise keinen Abbruch, wenn wir die religiöse Eiuweihungsformel beider! Rabbiner nicht im Wortlaute wiedergeben, und was der Ober- - kantor Herr Halpern vorträgl, will gehört werden; denn in i ihm singt sein echtjüdisches G esühl, gehoben durch das edle Metall seiner schönen Stimme. Unser ganzes Interesse concentrirt sich aus den Festredner, welcher diesmal wohl kräftigere Accente für die Gefühle, die ihn beseelten, anschlug. | Herr Doctor E. Byk feierte in der Einweihung des > herrlichen Gemeindehauses nicht blos dieses monumentale Werk j als Merksteiu des scheidenden neunzehnten und des heraufj dämmernden zwanzigsten Jahrhunderts (nach nichtjüdischer Aera) und als Verkünder einer bessern und glücklichern Zeit für Israel, sondern er feierte sein politisches und religiöses Ensemble, , wie es im Redner so harmonisch verkörpert, seiner Partei als Folie dient. Dieser Partei stimmte er einen Hymnus an, da sie so mächtig, ja überwältigend die Geschicke unserer Brüder in Galizien lenkt. Herr Doctor Byk prüft auch das Mittel, den Talisman, welcher dieses Wunder vollzieht, respective vollziehen hilft. Man muss gestehen, dass der Redner gerade diesen feier-! lichen Moment sich ziemlich schwierig gestaltete dadurch, dass er j mehr sprach, als ihm auferlegt war. Er sprach nämlich über j das Znlhun des modernen Judenthums zur Herstellung der so trefflichen Beziehungen zwischen den Polen und den Juden. Er macht den Polen einen tiefen Kniefall, und wie einst Vater- Jakob dem Laban beim Steinhaufen als ewiges Wahrzeichen brüderlicher Gesinnung zufchwor, so erhebt sich das jüdische Geme'ndehaus auf polnisch nn Boden als Symbol der Treue und der Eintracht. Es versteht sich, dass Herr Tr. Byk der ganzen Gemeinde die Richtungslinie abgesteckt hat, die sie für alle kommenden Zeiten zu beobachten und einzuhalten haben wird. 'Wir verargen nicht dem Herrn Redner dieses entente cordiale, befindet sich ja derselbe seit seinem Frontwechsel in illustrer Gesellschaft — ob aber auch unsere 800000 Juden einschließlich der Boryslawer, der Neusandezer, ja selbst der Lemberger sich in gleich guter Gesellschaft befinden seit jenem Sojusz mit den Polen und seit der politischen Bevormundung, das zu konstatiren, laden wir die Enquete der Wiener Juden über die Lage der galizischen Juden ein. Der Honigseim dieser Lockrufe versiegt aber in den nächsten Absätzen, wo Dr. Byk als Jude zu seinen .. jüdischen Mandataren redet. Seine bewundernswerthe GabeHals parlamentarischer Gentleman seinen grimmigsten Gegnern entgegen zu treten, hat diesmal auf dieser neuen parlamentarischen Estrade theilweise versagt. Herr Dr. Byk vergisst über den hartgesottenen Assimilanten den Präsidenten der ganzen jüdischen Gemeinde Lembergs und leistet sich das Kunststückchen, unser altehrwürdiges Judenthum mit dem neuen Messer des Assimilanten zu anatomisiren. Er zerlegt nämlich das Jndenthum in Form- und Jnhaltsjudenthum, verwirft mit dem Eifer, welcher einer besseren Ueberzeugung Werth wäre, das Um- und Auf desselben in unbarmherziger Weise, während er-en krystallreinen Kern des Judenthums mit sich trägt. Bei den denkenden Juden, welche des Glückes theilhastig wurden, diesen vNDv.1 vv», dieses große Wort aus den Lippen unseres Großaugurs fließen zu sehen und zu vernehmen, stieg eine bemerkenswerthe Frage auf und drängte sich ihnen dieselbe förmlich auf die Zunge. Die Frage: wie schwer an Gewicht, und wie groß an Volumen mag dieses kryftallkernige Jndenthum sein, wenn der verehrte Präsident bei seinen Reisen zwischen Wien und Lemberg dasselbe als Personalbagage mit sich tragen, richtiger mitschleppen kann? Wir wollen bei alldem mit Herrn Dr. Byk nicht rechten über seine Herzenspflichten' und seine Liäson, welche zwischen dem Juden und seinem Gotte besteht. ’nb rmnon. Herr Doctor Byk, welcher im parlamentarischen Fegefeuer ohnehin von den verderbenden Geistern zum Inden geröstet wird, bekennt' gar oft sein leidiuid wehklingeudes Jndenthum, nimmt dasselbe in reichsräthlicher Treuherzigkeit mehr als andere Stammesgenossen in Schutz, und das gibt ihm sein Relief und macht ihn uns werthvoll. Im Allgemeinen müssen wir alle Herren von der alleinfreimachenden Assimilation darauf verweisen, dass ihr so geistreiches Spiel mit Gedanken nur den Fehler besitze, dass sie einen Wideripruch statt eines Wahrspruches bieten. Bekanntlich geht es mit der Anatomisirung des Judenthums, wie mit der eines Individuums, dass erst mit dem Tode die Section vorgenommen werden kann, die Vivisection aber in den allermeisten Fällen zum Tode führt. Unser Judenthum besteht aus dem in Gesetzen und Vorschriften gekleideten Geist, welcher das jüdische Leben organisch ansgestaltet. Wer dem Judenthum diese Formen abreißen und abtrennen will, der verstümmelt oder ertödtet dasselbe, oder er zertrümmert es in unbrauchbare Splitter, wobei es nicht darauf ankömmt, welchen Theil ein Jude von diesem modernen Splitterjudenthnm für sich occnpirt. Im Verlaufe seiner weiteren Rede hielt der Redner das einmal von ihm verkündete Deminntivum des Judenthums nicht blos aufrecht, sondern er erklärte dasselbe auch als das alleinseligmachende. Was Wunder, dass auch der Zionismus schlech t wegkömmt, denn der Zionismus als integrirender Theil des jüdischnationalen Fühlens, Denkens, Höffens und Flehens, umgibt den Byk'schen religiösen Krystallkern mit unnöthigem Ballast und weitet ihn aus, daher lautet das Dr. Byk'sche religiöse Eredo : Fort mit dem Zionismus! Die Assimilation scheint sein höchstes Ideal, welches seiner Spezialgemeinde zu erhalten, er sich mit allen Kräften bestreben wird. Man hat dar Gefühl von der verzehrenden Gluth eines fanatischen Assimilationspriesters, ja Erzpriesters, der die Söhne und Töchter dem Moloch überliefert. Es klingt wie eine Drohung gegenüber der conservativen Partei, wenn der Redner das Nolime tangere ihr zuruft, seine assimilatorischen Kreise nicht zu stören, da der Eultusvorsteher die conservativen Institutionen aufrecht hält. Diese so einfache Redewendung scheint uns nicht recht am Platze, da wir blos den Tempel als die alleinige Institution für die assimilatorische Gemeinde kennen, alle übrigen Anstalten haben die Bestimmung, allen Gemeindemitgliedern zur Verfügung zu stehen, und diese werden ja alle in conservativer Richtung geleitet, wie das Kranken-, das Siechenhaus, das Frauenbad etc. — Aber auch die Erziehungsanstalten, die Schulen müssen dem Jndenthumszur verlässlichen Heimstätte und zur sicheren Basis dienen; denn rip mc D'pJVi ü'hhiy 'Bö nur aus dem Munde der Säuglinge und der Zöglinge hat sich der Herr seine Veste gegründet. Die unzähligen Fahnenflüchte, dieser charakterlose Handel mit seiner Religion und Nation weisen den rechten Weg auf den verschlungenen Pfaden der Diaspora. Man wird somit den Schreckschuss des Herrn Präsidenten der jüdischen Gemeinde Lemberg nicht gar ernstlich nehmen, und doch nahm man diese so feierliche Enunciation fast tragisch auf. Im Saale selbst hörte man Widerspruch unter den geladenen Gästen, der sich hinaus verpflanzte in die weiten Kreise der Gemeinde, die ihrem Mißfallen auch > unverhohlen Ausduck gab. Doch hievon in einem folgenden Briefe.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.