Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1900
- Issue
- Heft 5 (3.2.1900)
- Date
- 1900-02-03
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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reMayvysu r~ Redaction u. Administraiion: Wien, II/l, Novaragasse 27. AnabHängige Aeiischnst für Msche Bezugspreis: Ganzjährig . . . . St. 18.— Halbjährig . ... St. Für Lultusbeamte: St l. österr. Postsparcaffa Check-Conto Nr. 846.251. Iniere^en. Inserate: 2ü Heller per Nonpareille-Zeile. Erscheint jeden achten Tag. Ganzjährig .... St. 10.— Für Ausland:! Abonnements- und Jnsertionsbetrage sind in Wien zahlbar. Atoll»: ..Das Siegel Gottes ist Wahrheit Ganzjährig .... 2 Mark i 6 Rubel oder 16 Frcs. j 1 ----- — ■ i Nr. 5. Wien, 3. Februar 1900. Inhalt: Modernes Judenthum auf dem Flachlands. — Aus der Leinberger isr. Cultusgemeinde. — Zur jüdischen Culturfrage. — Moses Montefiore und Adolf Cremieux. — Gemeinde- und Vereinsbote. — Ein Ruf nach Organisation. — Sulzer-Feier im Rombach-Tempel zu Budapest. — Zum 85. Geburtstag des Directors M. Bloch. — Litteratur. — Verschiedene Nachrichten. — Feuilleton: Nihilist. Modernes Iudenlhmn auf dem Flachlande. In der ersten Nummer dieser Zeitschrift vom heurigen Jahrgänge wurden unter dem Titel „Modernes Judenthum" dem Leser diverse Thpen vorgeführt, wie sie eben nur die Großstadtluft hervorzubringen vermag. Derlei Charactere können jedoch dem internen Leben und Weben des Judenthums in der Residenz nicht so großen Schaden zufügen, da sie in der Maffe verschwinden. Weit schlimmer ist es in der Provinz bestellt, speciell in jenen kleinen Gemeinden, wo Leute dieses Schlages oft die ganze Macht in Händen haben und ihren verderblichen Einfluss rücksichtslos geltend machen. Um diese Verhältnisse begreifen und schildern zu können, muss man sie miterlebt haben. Es steigt einem zwar die Schamröthe ins Antlitz allein die Zeit der Scham ist vorbei, nur die offene, ungeschminkte „Wahrbeit" ist imstande, hier Remedur zu schaffen, und diejenigen, die so schamlos handeln, sollen im reinen Spiegel der Wahrheit, die sie einzig und allein noch fürchten, ihr Bild erblicken. Was im Nachfolgenden geschildert wird, ist keineswegs Fantasie, sondern leider alles selbsterlebt, und indem der Schreiber dieser Zeilen für die angeführten Thatsachen jederzeit einzutreten bereit ist, übt er an derselben keinerlei Kritik, sondern überlässt dies der Oeffentlichkeit und jenen Kreisen, die hiezu berufen sind. In der böhmischen Gemeinde E.z *) hat der Vorsteher Herr O.a, der vom Judenthum nicht die blässeste Idee hat, in seinem Bureau (er ist nämlich Wagmeister in der B.. .'scheu Zuckerfabrik) die Bilder von }an j-his und Zizka hängen, dazwischen den Spruch: Pochvälem pan jezis Kristus," Misrach oder Mesusah sind ihm spanische Dörfer./ Dass der älteste Sohn, 18 Jahre alt, am Roschhaschonoh eine Bycicle- Wettfahrt unternimmt, hiebei fast Hände und Füße bricht, nichtsdestoweniger am nächsten Jomkipur dasselbe thnt, sei nur nebenbei bemerkt, aber jedenfalls dient es zur Vervollständigung der Illustration, dass dieses vielversprechende Früchterl bereits ein „Verhältnis" mit einer Andersgläubigen hat und sich offen seines bevorstehenden Uebertrittes rühmt. Der Obmann der Chewra Kadischa führt zum Trotz des Rabbiners am Samstag „eigenhändig" den Heuwagen vor dem Tempel vorüber, wenn man aus der Synagoge geht, und der Kaplan wird von *) Die Namen der Orte und Personen sind der Redaction bekannt. j diesem sauberen „Gabbe" mit den Worten begrüßt: „l^onizens ruku libäm jemnospana“ (Ich küsse die Hände gnädigster! Herr!) — In P.n gibt der Cultusvorsteher, Herr! G.g, anlässlich seines Geburtstages an einem Sabbath i Chason ein solennes „Schweinefest". In P.w erklären sich! 19 Mitglieder wegen angeblich zu hoher Cultussteuer (20 fl. pr. Mann) — confessionslos. In W... u wird der Rabbiner von den Balbatim gründlich durchgehaul und ans dem Tempel geworfen, wobei ihm drei Rippen gebrochen wurden. Warum? Weil er zu glaubenseifrig war und die Gemeinde aufforderte, ' den Sabbath nicht zu entweihen und den Hallshalt „koscher" zu führen. Er liegt noch heute reconvalescent in Prag. Wollen Sie noch mehr? Im nahen W._n entflieht dem reichen Juden O....M; der Canarievogel. Die ganze Ortschaft wird in grüßten Aufruhr versetzt, Ortspolizei, Arbeiter, ja selbst die Gendarmerie. — : Endlich findet man, dass sich der Hauskater au dem lieben Thierchen delectirt hat. Anlässlich der „Sprachenverordnungen" : wurden bei* diversen Israeliten und im Tempel mit 5 Kilo! schweren Steinen die Scheiben eingeschlagen. Als man aber ob-! genannten Fabrikanten ersuchte, seinen Einfluss geltend zu : machen, dass diesem Unfug .gesteuert werde, erhielt man zur! Antwort: „Lassen Sie mich in Ruh mit dieserr Dummheiten." So geht es ins Unendliche. Wer ist aber der Schuld-; tragende an diesen Zuständen? \ Man hört jetzt von lauter Verbänden. Israel. Gemeindel bund, Rabbinerverband, Lehrerverband rc., auch Proteste, Re- | solutioneu, Versammlungen n. v. a. wird abgehalten. — Was; sind aber die Folgen? Wo ist eine Besserung zu sehen? Worte, j nichts als Worte! Den Herren in den Großstädten ist am grünen! Tisch leicht zu reden, aber gehet hinaus auf das flache Laild und i blicket in den Topf hinein, wie es da drinnen brodelt und zifcht.'; Was das End - sein wird — weiß Gott! Und dann will man von geregeltem Gottesdienst und Re-! ligionsunterricht sprechen, dann wundert man sich, wenn solche j Gemeinden in 6 Jahren 8 Fnnctionäre verbrauchen, trotzdem jeder? „definitiv"auf 3 Jahre aceeptirt wird. Das Letztere ist ein befon- > ders wunder Punkt im jüdischen Gemeindeleben. Hier wäre der i erste Hebel anzusetzen, und die Klage, dass die Jugend verrohe! und in religiöser Beziehung eine furchtbare Indolenz aufweist, j würde aufhören. Es ist selbstverständlich, dass dies nicht überall