Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1900
- Issue
- Heft 4 (26.1.1900)
- Date
- 1900-01-26
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seüe 10. Die Wahrheit. Nr. 4. „Awodass-Jisroel.“ „Der israelitische Vorbeterdienst. Traditionelle Synagogengesänge des süddeutschen Ritus, gesammelt und bearbeitet von I. L achm a n n, Cantor in Hürden" lautet der Titel des ersten Theiles eines süugst im Selbstverläge des Verfassers erschienenen Werkes. Wohl zum ersten Male erfahren die Tonweisen des süddeutschen synagogalen und häuslichen Ritus eine so vollständige, erschöpfende Behandlung, wie dies in vorliegender Arbeit der Fall ist. Finden sich auch schon schätzbare Beiträge in den Veröffentlichungen von Maier Cohn, S u l z e r, N a u m b u r g, Rosen Haupt und namentlich Baer, so treten sie doch dort entweder gegenüber den Chören bedeutend in den Hintergrund wie bei Cohn, Sülze r und N a u m b u r g, oder sie umfassen nicht das gesammte liturgische Material wie bei R o s e u h a u p t, oder sie sind nicht übersichtlich und auch nicht immer zuverlässig genug verzeichnet wie bei Baer. Herr Lachmann hat somit durch die begonnene Herausgabe seines Werkes einen oft recht fühlbaren Mangel beseitigt, und die Art, wie er es that, verdient nicht nur hohes Lob, sondern noch mehr den Dank uiiö die thatklästigste Förderung aller derjenigen Kreise, welche ein Interesse daran haben, dass endlich einmal die traditionellen Synagogeugesäuge des süddeutschen Ritus in ihrer Totalität Jedermann zugänglich gemacht werden. Waren doch diese schon so oft Gegenstand eingehender Erörterung, ist doch schon von namhaften Gelehrten und Fachgenossen mit Recht darauf hingewiesen worden, dass der Grundcharakter derjenigen Gesänge, welche auf ein hohes, ja sehrhohes Alter Anspruch erheben dürfen, im süddeutschen Ritus sich relativ reiner erhalten hat als in den anderen Riten. In Hinsicht aui diese Thatsache dürste für die vortreffliche, vorliegende Arbeit der Interessentenkreis sich nicht nur erstrecken auf angehende nnd amtireude Cautoren Süddeutschlands, sondern auch die strebsamen Collegen allerorten werden aus dem Studium derselben reichen Nutzen ziehen, ganz besonders aber die Musiksorscher, welche bei ihren vergleichenden Studien authentische Auszeichnungen der traditionellen Synagogengesänge des süddeutschen Ritus in ihrer Vollständigkeit bisher schwer vermissten. Der zur Veröffentlichung gelangte erste Theil umfasst den vollständigen Wochentags-Gottesdiens in vier Abschnitten. I. Abschnitt: Abendgebet a) Maariw, b) N’ginoss limgillass Esster, e) ITginoss limgillass Echoh. II. Abschnitt: Morgengebet a) von Adon olom bis b) Scb’monoh essreh, c) S’sliclioss, d) Kinnoss, e) Mussaf Frosch cliodesch. III. Abschnitt: Besondere Gelegenheiten a) Seder hammiloh, b) Seder kidduschin, c) Tepkillass hacholim. IY. Abschnitt: Nachmittagsgeber a) Jom kippur koton. Mehr als man unter dem bescheidenen Titel „Wochentags-Gottesdienst" erwarten könnte, bietet der Inhalt des hundert Seiten umfasseitdeit Bandes, und rückhaltslos darf dem Autor zuerkannt werden, dass er seine schwierige Ausgabe in der Hauptsache überaus glücklich gelöst hat. Freilich werden einer auf mündlicher Ueberlieserung basirenden Tradition, selbst innerhalb eines und desselben Ritus, nicht allzu wesentliche Verschiedenheiten in der Wiedergabe der^ Ritualgesänge immer nachgewiesen werden köitnen. Trotzdem aber wird der unbefangene Beurtheiler Herrn L a ch m a n n die Anerkennung nicht versagen, dass er in den zum größten Theil so einsacheri, innigen rezitativischen Tonweisen den synagogalen Charakter sestgehalten und zum Ausdruck gebracht hat, Bei der Erreichung dieses Zieles war er unterstützt von umfassender fachmännischer Kenntnis, welche er sich in Hürben, einer der ältesten jüdischen Gemeinden Bayerns, durch 28jährige Amtsthätigkeil erworben, war er geleitet von gutem musikalischem Geschmack und erfüllt von Pietät gegen althergebrachte, von "Geschlecht zu Geschlecht sortgeerbte Singlveisen. Für die in die Praxis gehenden und die in ihr stehenden Collegen bietet daher das Lach m a n n'sche Synagogengesangswerk einerseits einen geradezu unentbehrlichen Leitfaden, andererseits ein durchaus zuverlässiges Nachschlagewerk, dessen Anschaffung auch namentlich denjenigen Anstalten, welche die Heranbildung von Cautoren zum Zwecke haben, nicht eindringlich genug empfohlen werden kann. München, 21. Januar 1900. E. K irschne r. Verschiedene Nachrichten. Wie«. Se. Majestät der Kaiser hat den Vicepräsidenten des Patentamtes, Sectionsrath Dr. ^Paul Schulz, zum Ministerialrath ernannt. Wien. Aus Anlass der Gedenkfeier für Salomon Sulzer sind der Gesellschaft des „Jüdischen Museums" zahlreiche Glückwunsch-Schreiben und Sympathie-Kundgebungen von Cantoren in österreichischen und ungarischen Gemeinden zugegangen. Das wertvolle Material, welches durch die darin enthaltenen künstlerischen und statistischen Mittheilungen und Daten gebildet wird, und welches durch weitere, bereits in Aussicht gestellte Mittheilungen ergänzt werden. soll, wird einer gründlichen Bearbeitung unterzogen werden. — Donnerstag, den 1. Februar 1900, 7J/2 Uhr Abends präcise, findet im Festsaale des Nieder-Oesterr. Gewerbe-Vereines, I, Eschenbachgasse 11, folgender Vortrag statt: Rabbiner Dr. Aron Tänzer aus Hohenems: „Aus Sulzer's Heimat", Beitrag zur Geschichte der Juden in Vorarlberg. Wegen Bezug der (kostenfreien) Karten wolle man sich an das Bureau der Gesellschaft, l., Rathhausstraße i3, wenden. Wien. Wie wir vernehmen, hat der Kaiser der Frau Annica Benvenisti das goldene Verdienstkreuz mit der Krone verliehen. Frau Benvenisti hat sich um das israelitische Taubstummen-Jnstitut in Wien und um den Verein zur Errichtung von Volksküchen nach israelitischem Ritus bedeutende Verdienste erworben. Im Verein zur Errichtung von Volksküchen besorgt die Dame seit Jahren die oberste Leitung der Haus¬ und Küchenwirthschaft. Seit 25 Jahren ist sie Küchenvorsteherin des Vereins für Volksküchen nach israelitischem Ritus. Hunderte von Armen werden allmonatlich auf ihre Kosten ausgespeist. Sie steht gegenwärtig im 65. Lebensjahre. Wie». (Verlobung.) Se. Ehrwürden Herr Dr. Julius Max Bach. Rabbiner der isr. Cultusgemeinde in Wien, hat sich mit Fräulein Adele Fuchs, Tochter des pädagogischen Schriftstellers Rudolf Fuchs verlobt. Wien. Freitag, den 26. Jänner, Abends, und Samstag, den 27. Jänner, Früh, wird der I. Cantor vom Gemeindetempel in Währing, Herr L. Serebrenik, im Leopoldstädter Tempel Probevorträge halten. Beginn des Gottesdienstes: Freitag Abends um 5 Uhr, Samstag Früh um 8 Uhr. Wie«. Herr Albert Krause aus Essegg, der Generalvertreter einer Münchener Fabrik, erhielt von Sr. Majestät dem Kaiser als Anj erkennung für seine vielfachen Verdienste um die Mitglieder der dortigen! österreichisch-ungarischen Colonie und des Hilssvereines das goldene j Verdienstkreuz mit der Krone. Wien. Der Herausgeber der „Oest. Versicherungs-Zeitung", Herr Adolf Ehrenzweig, ist vorige Woche im Alter von 63 Jahren gestorben. Er war ein Lalkwaäwan in des Wortes bester Bedeutung und , brachte es durch seine Tüchtigkeit und Intelligenz zu einer sehr angei sehenen Stellung in der heimischen, wie in der ausländischen Versiche-! rungswelt. Als tüchtiger Fachmann und ehrenhafter Charakter wurde j der Verblichene persönlich in den weitesten Kreisen hochgeschätzt und! geehrt. Dies zeigte sich auch bei der imposanten Beerdigung, die am; 21. d. bei zahlreichen Betheilung der Verwandten und Freunde stattfand, i Wien. Der Verein „Kinderschutz", dieser durch die jüngsten j Vorgänge im Gerichtssaale und die darnach sich entfaltende humanitäre; Strömung plötzlich so actuell gewordene Verein veranstaltete am 16. d.; seinen Saisonball, dem eine höchst gelungene Academie im Großen j Musik-Vereinssaale voranging. Das interessante Programm war fast zu reichhaltig, so dass die Anhänger Terpsichorens erst nach 1 Uhr Nachts zu ihrem Rechte gelangten. Nach Eröffnung der ersten Abtheilung durch die beliebte Capelle C. M. Ziehrer mit der „Fledermaus"-Ouverture j von Strauß hielt Schriftsteller V. Chiavacci eine humoristische Vorlesung. Es folgten Productionen der Concert- und Liedersängerin Frl. Aurelie Revy, ferner von Frl. Josefine Glöckner vom Deutschen Volkstheater und Mila Thein vom Raimund-Theater, die sämmtlich ungetheilten Beifall fanden, nicht minder die Herren Will). Hesch von der Hosoper mit dem „Waffenschmied", Burgschauspieler Carl v. Zeska mit der „Bescheidenheit" von Baron Meysenburg und anderen - Gedichten und Geschichten. Auch die Declamationen des Herrn Leop. Kramer vom Deutschen Volkstheater und Herrn Natzler vom Raimund-Theater wurden lebhaft acclamirt. Von den anderen Vorträgen gilt, wie gesagt, das Wort: Weniger wäre mehr gewesen. Blumenzelte und Blumen- und Damenspenden waren reichlich ausgestatte!, hoffentlich war es auch der Reinertrag des schönen Abends. 43T \ )