Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1900
- Issue
- Heft 4 (26.1.1900)
- Date
- 1900-01-26
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 4. Die Wahrheit. Seite 11. ZSien. Im Mädchen-Vereine „Hadassah“ sollte vorige Woche Schriftsteller Heinrich Glücksmann sprechen, war aber durch Krankheit verhindert, und so sprang Prediger Grün aus Gefälligkeit ein. Das behandelte Thema war höchst interessant, und zwar verbreitete sich der Redner über den Einfluß der aristotelischen Philosophie auf Maimonides, bezw. Plato's auf Philo, der bekanntlich an der Spitze einer Deputation von Alexandrien nach Rom ging, um die unbegründeten Anwürfe und Anschuldigungen der damaligen Antisemiten zu entkräften. Nach dem Vortrage entspann sich eine lebhafte Discussion, in der Präses Lederer von der „Jordania" sich klipp und klar auf den rein nationalen Standpunkt stellte, um nicht zu sagen, auf den streng materialistischen oder spinozistischen, der ja mit dem Zionismus sich gut verträgt, doch demselben, officiell verlautbart, sehr schaden würde, wie tdcoi. cand. Margulies mit Recht betonte. 2-ien. (Eine 14jährige Vorleserin.) Es gibt Familien, die gleichsam gottbegnadet erscheinen, in der Kunst Hervorragendes zu leisten. So war es bei den Geschwistern Frank und Link l jetzige Frau Banquier Dessauer), und in ähnlicher Weise hat Herr Spielmann das Glück, dass fast seine sämmtlichen Kinder künstlerisch veranlagt, ja besonders begabt in ihrem Fache sind. Davon uns zu überzeugen hatten wir gestern, den 22. d., im Saale Ehrbar günstige Gelegenheit. — Derselbe war von einem höchst distingunten Audotorium trotz des ungünstigen Wetters säst bis aufs letzte Plätzchen voll, und es reute sicherlich Niemanden der etwas weite Weg. Fräulein Melanie Spielmann, . die | Schülerin der berühmten Tragödin Charlotte Wolter, welche sie auch im j Burgtheater austreten ließ, ist derzeit Mitglied des Deutschen Volkstheaters und zeichnet sich durch ein kräftiges, sympathisches Organ aus. | das jeder Stimmung gewachsen ist. Von dem reichen Programm sei! das Märchen: „Freundschaft" von Frl. Hermine v. Sonnenthal in erster! Linie hervorgehoben, das sich besonderen Beifalles erfreute. - Der junge j Clavier-Virtuose Poldi Spielmann, welcher am 31. d. im kleinen Musik-! Vereinssaale mit Herrn Jul. Deutsch (Violine) ein selbstständiges Concerr j veranstaltete, trug auch an diesem Abende mit seiner Schwester das Seine! bei, denselben zu einem gelungenen zu gestalten, und Beide errangen! wohlverdienten Beifall. l r.flifößaö Die Beerdigung des Herrn Berthold Benedict, Procuristen der Karlsbader Filiale der k. k. priv. Oesterreichischeu Creditanstalt für Handel- und Gewerbe, fand hier am 14. d. statt. Au dem Leichenbegängnisse betheiligteu sich der Bürgermeister Herr Schäffler mit an-; deren hervorragenden Persönlichkeiten der Stadt, Herr Director Englän-! der und .Herr Directvr-Stellvertreler Wagner aus Prag mit den Beaiuten j der Karlsbader Creditanstaltsfiliale, die Vertreter der anderen öffent- , lichen Institute in Karlsbad, die Beamten und Arbeiter der Porcellanj fabrik Meyerhöfen und eine sehr große Zahl von Trauergästen. Viele j Verwandte aus Wien, Prag und Teplitz gaben dem leider so früh verj blichenen begabten jungen Manne das letzte Geleite Der Rabbiner Herr > Dr. Ziegler hielt eine ergreifende Grabrede. j Kratz»». Vor Kurzem wurde einem unserer besten Mitbürger, der j seine ganze Thätigkeit seinem Humanitären Berufe und den Wohlfahrts-; einrichtungen unserer Stadt widmete, Herrn Dr. med. Adolf Neustadtl, das ihm vom Kaiser verliehene goldene Verdienstkreuz mit der Krone * überreicht. Die Feier fand im festlich geschmückten Saale „Zur Kaiser-! kröne" statt, wozu sich die Honoratioren unserer Stadt in großer Anzahl . eingefnnden hatten. Der k. k. Bezirkshauptmann aus Reichenberg, Herr! Dr. Victor Ritter von Steffek, pries in einer längeren Ansprache die; Verdienste des Gefeierten und heftete ihm die Auszeichnung an die Brust, l Der Decorirte dankte in herzlichen Worten und ließ seine Rede in einem Hoch auf den Kaiser ausklingen. Bei dem an diese Feier sich anschließenden Festmahle beleuchtete in zündenden Worten Herr Oberbezirksarzt Dr. Müller aus Reichenberg die großen Verdienste des Gefeierten als , Arzt und ^Bürger und dessen edle Charaktereigenschaften. Der Director der Sparcasse, Herr Gustuv Leutelt, verlas einen statistischen Bericht < über die fruchtbringende Thätigkeit der städtischen Sparcasse seit deren Bestehen (Herr Dr Neustadtl ist Mitbegründer unserer Sparcasse und! langjähriger Kanzleidirector derselben). Der Sparcasfa-Ausschuss hat - beschlossen, 300 Kronen zur Gründung einer Stiftung für einen armen * Studenten zu widmen, welche den Namen „Dr. Adolf Neustadtl-Snftung" > führen wird. Diese Feier bewies deutlich, welche allseitige Liebe und j Hochachtung Herrn Dr. Neustadtl seisens unserer Bevölkerung entgegen- > gebracht lvird.! Hr.-Kanizsa. Der Dirigent der hier einst bestandenen jüdischen! Musikcapelle, Herr Josef Grün bäum, ist vor einigen Tagen im Alter 1 von 74 Jahren gestorben. Nachdem die Mitglieder seiner Musikcapelle l allmälig ausgestorben waren, trat Grünbaum als Geiger in die Zigeunercapelle des Horvath Laczi ein, welcher er bis knapp vor seinem Tode; angehörte. Unter großer Theilnahme der ganzen Bevölkerung Nagyj Kanizsas wurde Grünbaum zu Grabe getragen. j Sacanzen. Güns. Die Stelle des Cantors, Schocket und; Secretärs zu besetzen. Gehalt 1600 Kr., 200 Kr. Wohnungsbeitrag. , Ung. Staatsbürger. Offerte bis lö.Febr. — K o j e te i n. Rabbinerstelle > bis 1. April zu besetzen. Gehalt 1600 Kr., 300 Kr. Stiftungsbezüge, - freie Wohnung, Emolumente. Anmeld, bis 10. Februar. — Posen, Brüdergemeinde. Cantorstelle. Gehalt 3000 M., Nebeneinkommen 3000 M., sofort zu besetzen. Gottesdienst mit Orgel und Chor. Deutsche Reichsungehörige. Offerte zu Händen des Herrn David Peltesohn. Der Nihilist. Ein Zeitroman aus dem russisch-jüdischen Leben Von Moritz Scherbeil. (Nachdruck verboten.) <27. Fvltsetzung.» „Es sreut mich sehr. Ihnen gefällig sein zu können, mein Fräulein", und als er sah, wie ihr Blick fragend auch auf ihm ruhte, fügte er, sich verbeugend, hinzu: „Mein Namen ist Alexander Wandelowicz 8tud. msd." „Und diese Dame ist meine Freundin, Fräulein Clara Glanzberg, die sich gegenwärtig bei uns aufhält, denn ich bin die Tochter des Besitzers dieses Gutes Nikolaus Winizew", vollzog mit einem gewiffen Humor Paulowna den nöthigen Act der gegenseitigen Vorstellung. „Es kann mir, meine Damen", erwiderte Alexander „nur zur besonderen Ehre gereichen, Ihre werthe Bekanntschaft gemacht zu haben, und ich preise dieses zufällige Zusammentreffen umsomehr, als mir dabei Gelegenheit wird, dem so hochachtbaren Namen Glanzberg zu begegnen, der in meinem Gedächtnisse bereits einen hervorragenden Platz einnimmt." Clara hatte sich bereits von der Ueberraschung erholt, die sie ergriffen, als sie den Namen des Studenten hörte, der eine so verhängnisvolle Rolle in ihrer Familie zu spielen berufen war. Sie erkannte in der Begegnung mit ihm einen Fingerzeig Gottes, einen Wink für sie, für das Glück ihrer Schwester in Action zu treten. Aber sie fand zugleich heraus, dass der jetzige Augenblick noch nicht geeignet sei, irgend welche Andeutungen auf jenes geheime Verhältnis fallen zu lassen, sie begriff, dass sie zuvor noch mit ihrer Freundin darüber Rücksprache nehmen müffe, und sie antwortete daher auf die letzte Bemerkung Alexanders: „Also, Sie kennen den Namen Glanzberg, vielleicht auch unsere Familie näher?" „Ja, ich habe die Ehre sie zu kennen." „Sie waren also schon in Gomel?" „Ich war vor einigen Monaten dort —" „So ist es ja ganz merkwürdig, dass gerade Sie mir zu diesem verlorenen Gegenstand wieder verhelfen mussten, ich wüsste ^nicht, womit ich Ihnen dafür danken könnte." „Ganz einfach, mein Fräulein, damit, dass Sie mir die Bitte einer zweiten Begegnung mit Ihnen gewähren, und zwar an einem Orte und zu einer Zeit, die mehr geeignet sind, mich des Näheren über das Ergehen Ihrer Familie bei Ihnen zu erkundigen. Würden Sie mir gestatten. Sie in Ihrem gegenwärtigen Heiin aufzusuchen?" „Das wird sich schwer macken, da ich selbst nur Gast in dem Hause des Herrn Winizew bin - " „Dafür lass mich sorgen," nahm jetzt Paulowna das Wort. „Der Zufall hat hier wunderbar gespielt, indem er Euch zusammengesührt. Ich möchte nicht minder gefällig als dieser Zufall erscheinen und erbiete mich zur Fürsprache bei meinem Vater, der hoffentlich einem Besuche von Ihnen, mein Herr, nichts entgegenzusetzen haben wird, wenn ich sage, dass meine liebe Clara Ihnen wenigstens dem Namen nach nicht ganz fremd ist. Darf ich wohl fragen, mein Herr, wie Ihre 'Adresse ist, um Ihnen eventuell den nöthigen Bescheid zukommen zu lassen? Sie sind doch jedenfalls hier in der Nähe wohnhaft, darauf deuten Ihre Spaziergänge hier hin." „So ist es. Jndeß würden Sie sehr nach meinem Wunsche handeln, wenn Sie mir den gefälligen Bericht nach Minsk postlagernd unter Chiffre B.u senden möchten." „Gut, das soll geschehen," erwiderte Paulowna, ergriff den Arm der Freundin und nickte Alexander freundlich zu. Dieser grüßte und entfernte sich nach der entgegengesetzten Seite. Die beiden Freundinnen gingen schweigend neben einander her. „Was ist mit Dir, Clara?" begann Paulowna endlich — „seit wir mit dem Studenten zusammengetroffen, scheint Dich ein Ernst erfasst zu haben, den ich sonst an Dir nicht kenne?" „Ernst — gewiss, Paula. Jndeß, wenn Du wüsstest, welche Erinnerung der Name derselben :-n mir wach gerufen hat." „Und darf die Freundin, ohne indiscret zu erscheinen, den Wunsch aussprechen, von dieser Erinnerung Kenntnis zu erhalten?" (Fortsetzung folgt.»