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Die Wahrheit · 1900-01-26 · Heft 4 (26.1.1900) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1900
Issue
Heft 4 (26.1.1900)
Date
1900-01-26
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 8. Die Wahrheit. Nr. 4. Men. Der humanitäle Geselligkeits-Verein „Freundschastsbund" zur Bekleidung armer Schulkinder ohne Unterschied der Confession, versendet soeben seinen 4. Jahresbericht, aus welchem die überaus rührige Thätigkeit des Ausschusses, an dessen Spitze Herr Leopold Weiß steht, zu entnehmen ist. Der Verein, welcher im letzten Jahre 42 Schulkinder mit guten und dauerhasten vollständigen Winterkleidern bekleidet hat, verdient die wärmste Unterstützung edler Menschenfreunde. Arüu«. „Lidove Noviny" melden: Obwohl bereits im verflossenen Monate wegen der Excesse in Ws et in gegen 32 Angeklagte beim Kreisgerichte in Nentitschein die Verhandlung stattfand und die meisten verurtheilt wurden, sind nunmehr neuerlich gerichtliche Erhebungen gegen weitere 40 den besten Kreisen in Wsetin angehörige Personen im Zuge. Dieselben werden beschuldigt, gleichfalls bei diesen Excefsen betheiligt gewesen zu sein. Wikolsburg Der langjährige verdienstvolle Bürgermeister der isr. Gemeinde Herr Ad. Frankfurter, verlässt die hiesige Stadt uttd überfiedelt nach Znaim. Sein Scheiden wird in der hiesigen Gemeinde und in der Stadt allgemein bedauert. Wrag. Der Prager Stadtratb bewilligte den Bau einer Jubiliänms-Synagoge' in der Jerusalemsgasse nach den umgearbeiteten Plänen. Der Bau wird bald beginnen. Wrag. (Indischer V o l k s v e r e i n.) Sonntag, am 14. d. fand hier ein massenhaft besuchter Debattenabend dieses neugegründeten zionistischen Vereines statt. Das Ausschußmitglied Frau Sophie Robitschek, Jnftitntsinhaberin, hielt eine begeisternde Ansprache: „Der Zionismus und die Frauen". Sodann sprach Herr Stnd phil. H. Wiesel über: „Die Frau in der jüdischen Geschichte". Reicher Beifall folgte den gediegenen Ausführungen der Vortragenden. Die Debatte gestaltete sich sehr anregend und iitteressant. Am selben Abend meldeten über 100 Frauen und Mädchen dem Vereine ihren Beitritt an. — Der Verein zählt bereits an 600 Mitglieder und wird demnächst größere Localitäten beziehen müssen, um das Vereinsleben anregender gestalten zu können. Wadnih. Der neugewählte Vorstand der hiesigen Cultusgemeinde constitnirte sich wie folgt: Der bisherige Vorsteher Herr Jul. Popper wurde wieder einstimmig gewählt, Stell- Vertreter und Bcthausvorsteher Carl Katz, Cassier H. Wollner, Schriftführer Leov. Kohn, Beirätbe die Herrett Sal Treulich, Ad. Fischl, Markus Lederer und N. Tausek. Warieubad. Eine wichtige, principielle Entscheidung der hohen k. k. Statthalterei in Prag gelangte dieser Tage an den hiesigen Restaurateur Lettner. Derselbe strebte schon lange Zeit an, wie es iu anderen böhmischen Cnrorten der Fall ist, orthodoxen Gottesdienst privatim zu veranstalten, was jedoch von der dortigen Cultusgemeinde nicht concedirt wurde. Nun erhielt endlich Herr Lettner die behördliche Befugnis, in seinem Privathau'e einen conservativen Gottesdienst abhalten zu dürfen. Uroppair Der Schriftsteller Dr. Adqls Ko Hut sprach gestern Abend um J/28 Uhr im jüdisch-literarischen Vereine über „Friedrich den Großen und Kaiser Joseph II. in ihren Beziehungen zu Inden und Judenthum". Der Vortrag ward mit großem Beifall ausgenommen und dem Vortragenden am Schlüsse vom Obmann des Vereines Herrn Dr. Singer die vollste Anerkennung und der Dank der Anwesenden ausgesprochen. Budapest. Die Budapefter israelitische literarische Gesellschaft veranstaltet' bekantttlich jeden zweiten Dienstag im Prunksaale der isralitischen Cultusgemeinde einen Vorlese- Abeud. Heute hielt Herr Dr. Simon Händler, Rabbiner in L u g o s, einen Vortrag über das Buch Hiob; der Vortrag knlminirte in dem Schlüsse, dass dieses Buch eigentlich dasselbe Thema behandle, wie Goethe's „Faust" und Madach's „Tragödie des Menschen", nämlich ben ewigen Kamps des Bösen mit dem moralischen Selbstbewusstsein des Menschen. Sowohl dieser Vortrag, wie derjenige des Budapefter . Gerichtsrathes Dr. Armin Fodor über die zivilrechtliche Gesetzgebnng Moses, in welchem besonders der Liberalismus und die Toleranz der mosaischen Gesetze beleuchtet wurde», fanden uugetheilten Beifall. Heimweh. Erzählung von Eduard Kulke. (24. Fortsetzung.) Kein Mädel aus dem Tanzplatz hat schönere Bänder aufzuweisen, und Du kannst Dich damit auch in der Kirche sehen lassen! — Du, Christel, bist ein naschhaftes Ding, drum Hab ich Dir diese Aepsel da vergolden lassen, damit Du nicht gleich hineinbeißen sollst. Aber dass Du Dich nicht zu beklagen brauchst, so hängt für Dich auch das schöne Fürtuch da, es ist auch echter Stoff, der die Färb hält und in der Wäsch nicht ausgeht— für ein' Burschen, wie Du bist, Honza, der viel aus den Beinen sein und tüchtig austreten muß, gebührt sich auch etwas tüchtiges, und darum Hab ich Dir dies paar Stiefel machen lassen, die Du da stehn siehst. Der Schuster hat Dein Maß und ich Hab sie deshalb ganz gut ohne Dein Wissen bestellen können. Jetzt schau Dir sie nur einmal recht an, was da ans den Sohlen für schöne Sachen draus gemalt sind! — Unsere alte Brigitte wird für diesmal mit diesem Kopftuch da vorlieb nehmen, welches ich erst anhängen muß; denn sie selber hat den Weihnachtsbaum Hergericht und hat wahrscheinlich sich selber vergessen! — Doch Sapperment! hat denn das Weihnachtskindel unserem Joses gar nichts gebracht? He Brigitte! ist denn für unfern Joses keilt Weihnachtsgeschenk da? — Leicht möglich — sagte Brigitte und hob einen Schleier zurück, der über einen Gegenstand ausgebreitet lag. Und siehe da, unter dem Schleier war Marie verborgen, Marie, die man den ganzen Abend vermisst, gesucht und nicht gesunden hatte. In ihrem Brautkleide angethan, saß sie da mit einem goldenen Kettlein an einem Zweige des Weihnachtsbatlmes angebunden. Ei der Tausend, — rief der alte Niederhuber. — Marie! — ries Joses voll entzücken. — Das haben die Weihnachten gebracht — sagte die alte Brigitte stolz auf ihren Einfall — ich glaub er wird mit der Bescheernng zufrieden sein! — Und wie sollte er es nicht! Wer war glücklicher als er? Wo gab es aus der weiten Welt für ihn ein lieberes Angebinde, als hier die angebundene Marie. Die goldene Fessel wurde gelöst, Marie ans ihrer Schleierhaft befreit, und Braut und Bräutigam stürzten einander mit Wonnegefühl in die Arme. Nu» setzte sich die kleine fröhliche Gesellschaft zu Tische und das doppelte Fest der Weihnacht utib der Verlobung wurde in Heiterkeit und Freudigkeit des Herzens gefeiert. Die Verlobung geschah nun freilich nur xro forma, denn versprochen waren die beiden einander ja längst, aber an diesem Abend sollte zu Ehren des Weihnachten auch der förmliche Verlobungsakt begangen werden. Man aß und trank nach Herzenslust. Der Strom der Freude schwoll immer breiter und breiter an, je mehr die begeisternde Kraft des Weines die Gemüther in Aufregung versetzte und so kam es nach vielen heitern Scherzreden endlich auch an die Trinksprüche. Der alte Niederhuber war der erste, der das Glas ergriff und sich zu einem Trinkspruche erhob. Pst! still! der Meister will reden! — rief Honza der lärmenden Gesellschaft zu; es ward stille und der Meister begann: Meine Kinder, Joses und Marie! ich werde dieses Glas aus Eure Gesundheit trinken, aus Euer Wohl, aus das Glück Eurer Zukunft! Ihr habt Euch lang im geheimen gern gehabt, aber Ihr habt Eure Liebe still im Herzen herumtragen gemußt, und keiner hat sie sehen gedurft, und keiner hat davon wissen gedurft. Eure Liebe war ein Verbrechen, und doch war sie auch keiits. Eine Mauer war zwischen Euch; diese Mauer besteht nicht mehr. Ihr habt Euch gesucht und habt Euch gesunden. (Fortsetzung folgt). Wir ersuchen um umgehende Einsendung des Abonnementsbetrages. Die Administration.

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