Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1900
- Issue
- Heft 4 (26.1.1900)
- Date
- 1900-01-26
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 4. Die Wahrheit. Seite 5. numerisch noch die stärkeren sein werden — glaube ich an eine günstige Wendung sür uns." So schauen die Träume der radicalen Antisemiten aus. Anton Maleck i. „Stellt sich der allgemeine Stand der Judeufrage günstiger dar als vor zwanzig Jahren, wo unter den Juden die polnische Strömung ofstciell thätig war?" „Meiner Meinung nach ist es im Allgemeinen schlimmer, als zur Zeit, da ich, zum erstenmale mit den galizischen Zu- \ ständen in Berührung kam. Die Assimilation leidet zweisels-! ohne Schissbruch. Solch' edle Persönlichkeiten wie Zucker, Gold-! mann sind im Verschwinden begriffen. Unsere Juden gravitiren! mit einer für mich unbegreiflichen Elementargewalt nach dem! Deutschthum. Da sie die Wahl zwischen der polnischen und - deutschen Sprache haben — wählen sie bewusst die letztere. Bor j 20 Jahren hat man bei uns mehr polnisch gehört, als jetzt. | Die Juden Warschaus beweisen bei jeder Gelegenheit, dass sie! das Schicksal des Landes interessirt, und infolge dessen ist auch; ihre gesellschaftliche Stellung eine andere. Wenn es uns gelänge, die Juden mit den Polen zu ver- , schmelzen, wäre dies die erste Nation der Welt. Aber leider:; statt sich zu nähern, entfernt sich das Gros der Juden immer * mehr von uns, und die Lage ohne Bornrtheil betrachtend, sehe - ich eine nichtrosige Zukunft. Ich gehe so weit, dass ich Ereigj nisse vorausfehe, von denen die Extremsten noch nicht reden. In j 20 Jahren werden die Juden in Galizien als dritte Nationalität l auftreten und für sich Schulen und einen entsprechenden Antheil in allen Repräsentionskorporationen im Verhältnisse zu ihrer 140/g Bevölkerungszahl beanspruchen." „Wird sie an alldem nicht die Sprache hindern? Sie werden doch nicht die Gleichberechtigung des Jargons, den sie selbst als ein Gebilde ihrer historischen Unglücksfälle betrachten und den sie als solchen nicht konservieren wollen, verlangen."! „Das ist der kleinste Skrupel. Die englische Sprache ist j ebenfalls eine Mischklang und das hat sie nicht gehindert, eine! hervorragende Stellung zu erlangen. Die Grammatik und die! regelmäßigen Formen entscheiden nicht über die Lebensfähigkeit! einer Sprache, sondern die Menschen, welche sich derselben bei dienen. Was den Jargon übrigens anbetrifft, wagt er sich schon j heute aus den Sackgassen des Ghettos in die öffentliche Arena! hervor. Er hat bereits ein Volksdrama hervorgebracht und wird j wahrscheinlich weitere Fortschritte machen. Das Hebräische lässt sich nicht wieder ins Leben rufen. Die palästinensischen Ideen? j Sie gefallen mir, aber ich glaube nicht an sie."! „Was hätte also zu geschehen?"! „Gerechtigkeit den Juden gegenüber, aber auch Schutz vor j ihnen. Die Juden gewinnen bei uns immer mehr an Terrain, j ohne sich uns zu nähern. Wir sind also gezwungen, sie als i Fremdlinge zu behandeln." Lemberg. Pelka. Zur jüdischen Cnltursrage. Von A. Mirsky. Alles hat seine Zeit. Wie für jedes einzelne Individuum, so auch für jede Gesammtheit, ja für jede Erscheinung im öffentlichen Leben schlägt einmal die Stunde, wo dieselbe unbewusst, wie von unsichtbarer Kraft gestoßen, in den Vordergrund gerückt wird, um das allgemeine Interesse auf sich zu lenken. Die Mode gilt nicht nur für Tracht und Sport, auch die geistigen Erscheinungen sind der Mode unterworfen. Selbst die Wissenschaft, die doch ausschließlich das Suchen nach der ewigen, unwandelbaren Wahrheit zur Aufgabe hat, darf nicht zu jeder beliebigen Zeit unaufgefordert mit ihrer ganzen Suite von Einzelzweigen auftreten, sondern muss in jeder Epoche eine andere Branche vorrücken lassen, je nach der vorherrschenden Mode, nach der Laune der dermaligen Gesellschaft, nach der sich äußernden Nachfrage. Fast jedes Jahrhundert hatte seine Lieblingsbeschäftigung, mit der sich die hervorragenden Geister abgegeben haben, so dass die modernen Geschichtsschreiber jedes Säculum mit einem mehr oder minder zutreffenden Merkmale zu stempeln pflegen. In unserem ereignisreichen neunzehnten Jahrhundert begnügte man sich nicht mehr mit einem allgemeinen Kennzeichen für das ganze Jahrhundert, sondern man suchte separate Bezeichnungen für jedes Decennium. Die zukünftigken Historiker werden für die letzten vier Jahrzehnte kaum einen passenderen Namen haben als die Epoche der Nationalitäten- und Eulturkämpfe. Wir Juden, die wir in der glücklichen Lage find, zu jeder Erscheinung auf dem Gebiete der allgemeinen Eultur eine Parallele in unserem Volkswesen zu finden, greifen mit besonderer Vorliebe in die allgemeine Discussion ein, wo derartige Fragen aufgeworfen werden, um — gestehen wir es offen und ehrlich — der Welt zu zeigen, dass wir auch etwas bedeuten. Es mag dies die Folge der moralischen Kränkungen sein, die uns durch die Geringschätzung, mit denen man uns allenthalben begegnet, zugefügt werden. Eine andere Erklärung für die in letzter Zeit mit solcher Vehemenz geführte Polemik über jüdische cnlturelle Fragen habe ich nicht, denn einen pracllschen Werth haben diese Federfehoen für uns nicht. Ob wir ein Eulturvolk find oder nicht, ob es eine specifisch jüdische Enllnr gibt oder nicht — ich will meinen späteren Ausführungen nicht vorgreifen — das steht fest: in dem Kampse der Eulturen, der gegenwärtig zwischen den civilisirtesten Nationen der Erde wüthet, ist das jüdische Lager nicht anfgefchlagen . . . Das hindert jedoch nicht, dass sich über die jüdische Euluirfrage eine recht ansehnliche Literatur angehäuft hat, die mitunter sehr gediegene Arbeiten aufweist. Es betheiligten sich au diesem Federkriege die Vertreter der verschiedensten Parteirichtungen, von den fanatischesten Separatisten bis zu den enragirtesten Assimilanten. Der enge Rahmen einer Zeitschrift erlaubt es nicht, die angeregte Frage erschöpfend zu erörtern. Dies glaubt Schreiber dieser Zeilen in einem separaten Werke, an dem er bereits seit langem arbeitet, thun zu können. Ich will hier nur versuchen, diese Fragen von verschiedenen Seiten zu beleuchten. I. Sind die Juden ein Eulturvolk? Gibt es eine specistschjüdische Eultur überhaupt? Gibt es oder gab es eine Stätte, wo diese specifisch-jüdische Eultur entstandeu, gepflegt und in selbstständiger Eigenart der Nachwelt enthalten wurde? Diese drei scheinbar identischen Fragen sind in der That grundverschieden und dürfen nicht miteinander vermengt werden: die eine kann bejaht, die andere verneint werden, ohne dass daraus ein Widerspruch entstünde. Dafür, dass die Juden culturfähig sind, können ebensoviel Zeugen angeführt werden, als es Eultnrvölker gibt. In jedem Lande, wohin sie das Schicksal hinführte, war ihr allererster Schritt, die Eultur des betreffenden Landes in sich aufzuuehmen. Rasch fanden sie sich in die neuen Verhältnisse hinein und wussten sie sich mit bewundernswerther Leichtigkeit auf allen Gebieten der Eultur hervorzulhun: sie lehrten, philowphirten, moralisirien, erfanden, trieben Handel und Gewerbe und bereicherten somit im vollen Sinne des Wortes die Geistesschätze der Völker, unter denen ihnen zeitweilig Obdach gewährt wurde. Wenn man ihre im Verhältnis zu den Eingeborenen äußerst geringe Zahl mit ihren Leistungen vergleicht, so muss man staunen über die Fülle und Ausgiebigkeit ihrer Schaffenskraft. Diese Thatsache wird auch von unseren erbittertsten Feinden zugegeben. Die Klagert, die über uns io oft gesührt werben, wir hätten uns überall hineingeschlichen, alle Gebiete der Eultur seien verjudet u. s. w., sind nichts anderes als das iltdirecte, mit schwarzen Farben gemalte, mit aus Neid und Uebelwollen entstellter Stimme hingewüthete Eingeständnis, dass sie sich rasch und leicht das Gute und Nachahmenswerte auzueignen verstehen, mit einem Worte, dass sie ein culturfähiges Volk sind. Dieses unvergleichliche Anpassungsvermögen an fremde Eulturen, diese dem jüdischen Volke angeborene und durch historische Vorgänge angeeignete beispiellose Elasticität des Geistes