Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1900
- Issue
- Heft 4 (26.1.1900)
- Date
- 1900-01-26
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3062972-3063013-3063017--00609-3067129- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 4. Nr. 4. Die Wahrheit. ümft, eigentlich für ein Nichts, für ein Wahngebilde; darum musste es mit feinem Geschicke unglücklich und unzufrieden sein. Diese Unzufriedenheit bäumt sich nun auf, das ist es, was man aus dem Schrei des Entsetzens heraushörte, was den Ruf nach Abwehr, nach Abhilfe anspresst. Doch füllten wir die Hände ruhig in den Schoss legen und zusehen, wie unser Volksstamm geschmäht und geschändet lvird? Nein, gewiss nicht. Nur darf Israel nicht für sein Recht, fürfeine Listen; allein kämpfen, sondern es muss anch für seinen Glauben, für seine Thorah streiten. Mit dem Schwerte in der einen und mit der Kelle in der andern Hand, also muss cs kämpfen, abwehrend den Feind und aufbauend das Heiligthum des Herrn. Israel muss kämpfen für Gott und Judenthum, für Recht und Glauben. Für diesen heiligen Kampf aber müssen die Juden erst wieder erzogen werden, muss der Glaube wieder einziehen in Israels Herzen, muss die Jugend für Gott und Religion begeistert werden. Das kann von Kanzel und Katheder herab nicht genug verkündet werden, das ist die hohe und erhabene Aufgabe der Führer in Israel und diesen gilt das Mahnwort: Videant consules! Dr. H. Sig ni undsoh n. Zur „Iu-eusrage" iu Galhien. Fünf Interviews. (Schluss.) T e o f i l M e r u n o w i c z. Wenn er etwas alter wäre, könnte man ihn den „Nestor der galizischeu Antisemiten" nennen. Er ist aber noch zu jung, denn er zählt noch nicht fünfzig Jahre. Ohne organisatorische und agitatorische Fähigkeiten, ist es ihm nicht gelungen, eine Partei zu bilden, und so bekundet er seine antisemitische Tendenz als Publicist, als Landtags- und Reichsrathsabgeordneter. Gleich bei Beginn unseres Gespräches fragte ich den Abgeordneten Merunowicz, warum die Assimilation bei uns Schiffbruch gelitten hätte und wer, seiner Ansicht nach, daran die Schuld trage: Die Leute oder die Idee? Darauf lautete seine Antwort: „Ich sehe leider nicht, dass die Assimilation bei uns bankerott wäre. Jene Juden und jene Christen, die sich gegenseitig von der Assimilation als von einer für beide Parteien bequemen Form, im politischen und gesellschaftlichen Leben ein erträgliches Verhältnis herzustellen, täuschen lassen wollen, j thun es auch heute. Im reichsräthtichen Polenelub, im Landtage. in den Gemeindestuben und tausenden tausenden Verhältnissen, wo Christen und Juden zusammenwirken müssen, ist die Verschmelzung das beste couventionelle Mittel, um confessionellen Hader zu vermeiden. Und obwohl sie ihrem Wesen nach eine Lüge ist, kann man sie im praktischen Leben nicht geringschätzen. Die Leute, welche die Judensrage leicht und mühelos umsegeln I wollen, klammern sich an dieselbe. Was aber auf dem Grunde! dieser Sache liegt, das wollen diese Herren, die vor allem die j Ruhe schätzen, weder sehen noch hören."; „Welchem Umstande ist die Thatsache znzuschreiben, dass! die antisemitische Bewegung bei uns jetzt eine so gewaltige | Gestalt angenommen hat?" „Die Beobachtung belehrt uns, dass die Bewegung in der letzten Zeit infolge des Erwachens des nationalen Bewusstseins der breiten Volksmafsen, sowohl der jüdischen als der christlichen sich gesteigert hat. Das nationale Selbstbewusstwerden enthüllt wichtige Differenzen, die in allen Begriffen und Empfindungen zwischen Christen und Juden vorhanden sind. Und das Verständnis für diese Unterschiede hat eine gegenseitige Antipathie im Gefolge, was man in der Umgangssprache bei den Christen Antisemitismus nennt." Ich war noch neugierig zu erfahren, auf welche Weise, nach Ansicht des Herrn Merunowicz, sich in Zukunft das Verhältnis zu den Juden gestalten wird und wie wir aus dem Chaos der jetzigen Probleme uns herauswinden werden. Ich erhielt darauf folgende Antwort: „Wenn wir den deutschen Antisemitismus nachahmend, für die Juden einen blinden Hass hegen. werden,, so setzen wir, früher oder später, das Land blutigen Zwischenfällen aus. Wenn wir aber die antisemitische Phraseologie fallen lassen, oder richtiger deren Verbreitung verhindern und mit Ueberlegung energisch ans Werk gehen, dann werden wir die Juden unterkriegen." Bohdan Czaykowski. Der Anführer der „jungen" Antisemiten ist ein Radicaler und nimmt kein Blatt vor den Mund. Er ist ein leidenschaftlicher Vertheidiger der „Rassenreinheit", sieht in Galizien nur einen slavischen und semitischen Typus und möchte zwischen ihnen eine chinesische Mauer aufführen. Unlängst ist er in einem Process mit einem Juden zu halbjährigem Gefängnisse verurtheilt worden, ist also ein - „Märtyrer." — „Sie stehen mit der antisemitischen Bewegung Auge im Auge. Hat diese Bewegung bereits das Verschwommene, Nebelhafte verlassen und ist sie in den Rahmen einer programmäßigen Wirksamkeit getreten? Wurde welche Organisation in'Angriff genommen?" „So ist es. Die Arbeit begann in den Städtchen und Dörfern. Wir haben unlängst eine Reihe von Comitos unter „Bauernverbände" ins Leben gerufen, aber aus Mangelan geeigneten Leitern ist der größte Theil eingegangen. Man muss erst welche heranbilden." „In welcher Volksschicht findet die antisemitische Agitation den geeignetsten Boden?" „Ueberall, mit Ausnahme des Adels. Dieser ist mit der jüdischen Welt zu sehr geschäftlich verknüpft. Aber das dankbarste Terrain geben die Bauern ab und dort arbeiten wir forcirt." „Befürchten Sie nicht, dass bei einem Elemente, welches politisch so ungebildet ist, wilde Jnstincte erwachen können, die dann über die Köpfe der Führer wachsen werden? Werdet Ihr in der Lage sein, die Leidenschaften der Volksmassen zu lenken?" „In dieser Beziehung sind wir sichergestellt. Die Geistlichkeit spielt bei der Partei eine sichere Rolle, und sie wird immer f r jedes Fieber, das sich der Bewegung bemächtigen könnte, einen Hemmschuh abgeben. Unser Bauer gehorcht dein Geistlichen und lässt sich von ihm leiten." „Werden aber die Bischöfe gestatten, dass die Geistlichen sich an der Bewegung betheiligen?" „Die jetzigen nicht, aber das sind Bischöfe alten Datums. Ihre Nachfolger werden aus der gegemvärtigen Generation hervorqehen und mit uns mitaehen. Im ganzen Clerus findet eine Metamorphose statt." „Wie schaut, nach ihren Begriffen, das Ideal eines guten Bürgers aus? Wie hat er sich den Juden gegenüber zu benehmen?" „Sich von ihm sern zu halten. Gar keine Verbindungen mit den Juden. Ein Boycott." „Wie denken Sie über die jüngsten Judenkravalle?" „Sie haben viel dazu beigetragen, den antisemitischen Geist zu beleben, obwohl nicht wir sie hervorgernfen haben. Das war ein elementarer Ausbruch. Wenn eine starke Parteiorganisation bereits bestünde, wäre es vielleicht zu diesen Unruhen gar nicht gekommen, oder sie hätten nur den Character einer Demonstration angenommen," „Glauben Sie an den Zionismus?" „An practische Folgen nicht. Die jüdischen Millionäre werden sich mit den Zionisten nicht vereinigen. Aber immerhin ist dies jedenfalls der möglichste Bruchtheil der Juden. Sie haben wenigstens Mängel und gute Eigen chaften, die den arischen nahe kommen, sie besitzen Ideale und glauben an die Wiedergeburt ihres biblischen Vaterlandes." „Wie stellen Sie sich den letzten Act des Dramas vor?" „Die endgiltige Austragung der Judenfrage lässt sich nicht einmal in allgemeinen Umrissen voraussehen. Aber ich stelle mir die fernere Entwickelung der Ereignisse vor: im Laufe von weiteren Jahrzehnten wird unser Land von den Juden ruinirt sein. Dann wird die antisemitische Partei ans Ruder gelangen und die Sanirung in ihre Hände nehmen. Und da die Christen