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Die Wahrheit · 1900-01-26 · Heft 4 (26.1.1900) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1900
Issue
Heft 4 (26.1.1900)
Date
1900-01-26
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Die MahrHsit Redaction u- AdministraUon: Wien. II/l, Novaragaffe 27. Ä. kösterr. Postsparcasia Cheü-Conto Nr. 846.251. Inserat«: 2v Heller per Nonpareille-Zeile. Abonnements- und Jnsertionsbeträge sind in Wien zahlbar. Unabhängige Keitschrist fnr jüöische Interessen. Erscheint jeden achten Tag. Jlloffo: „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!" Lezngsprns: Ganzjährig . . . . K. 1L- — Halbjährig . . . . A. S — Für Lultusbeamte: Ganzjährig .... St. 10.— Für Ausland: Ganzjährig .... 2 Mark 6 Rubel oder 16 j^rcs. Ar. 4. Wien, 26. Jänner 1906. Inhalt: Videant consules! — Zur Judenfrage in Galizien. — Zur jüdischen Culturfrage. — Die Mezizefrage in Ungarn. — Gemeinde- und Vereinsbote. — Feuilleton: Heimweh. — Sulzer-Gedenkfeier. — „Awodass-Jisroel“. — Verschiedene Nachrichten. — Feuilleton: Nihilist. Videant consules! Jedes Blatt der jüdischen Geschichte trieft von Blut, kein Jahrhundert ohne Bedrückung und Verfolgung des jüdischen Volksstammes, und auch das Jahrhundert des Fortschrittes und der Aufklärung konnte nicht ohne den Stempel der Unduldsamkeit zu Ende gehen. Die Schmach des Jahrhunderts wird noch gröster. wenn tvir bedenken, dass aus mittelalterlicher Rumpelkammer Märchen und Spuckgestalteu hervorgeholt wurden, um die allerletzten Judenverfolgungen zu insceniren, und dass selbst an des Rechtes heiliger Stätte das Blutmärchen aufgetischt wurde und dadurch bei den Schwachen im Geiste um so eher Glauben fand. So trübe auch hiedurch der Ausblick in die Zukunft erscheint, eine erfreuliche Wahrnehmung mussten wir dennoch machen: angesichts der erwähnten traurigen Ereignisse gieng ein Schrei der Entrüstung und Empörung durch die ganze civilifirte und denkende Welt und erleuchtete Geister erhoben ihre Stimmen, um für das gekränkte Recht einzutreten. Aber noch eine andere Erscheinung machte sich bemerkbar. Es gab zu allen Zeiten jüdische Männer, die für ihr Judenthum und für ihr Volk sich opferten, aber der Entrüstnngsfchrei, mit dem die ganze Judenheit die letzten Ausschreitungen in Böhmen und Mähren zurückgewiesen, die begeisterten Kundgebungen, die Proteste grosser und kleiner Gemeinden gegen das Blutmärchen, das grosse Interesse, das selbst die indifferentesten Inden dieser Bewegung entgegenbrachten, das sind Erscheinungen, für die die Leidensgeschichte Israels kein Beispiel hat. Während aber die Theilnahme der denkenden nichtjüdischen Welt mit der Aufklärung und verfeinerten Bildung des 19. Jahrhunderts im innigen Zusammenhänge ftebt, hat die Einmütigkeit der Juden eine ganz andere Ursache. Das Interesse für das Judenthum, die Begeisterung für den Glauben, die Anhänglichkeit an Stamm und Herkunft sind in unserer Zeit gewiss nicht grösser als in früheren Jahrhunderten, und dennoch dieser Schreines Entsetzens, der ans allen jüdischen Kreisen ertönte und noch fort und fort gehört wird? Das ist ein trauriges Zeichen für den Zerfall des Judenthums. Während früher Alles einzig und allein darauf bedacht war, dass der Feind nicht eindringe in das Heiligthum Israels, entspringen die jetzt vernommenen Rufe der Entrüstung und die allgemeinen Protestkundgebungen nicht der Sorge um! das, was dem Judenthume Inhalt verleiht, nicht der Befürchtung, dass der Glaube Israels Schaden leiden könnte, sondern nur i die Verzweiflung bäumt sich aus. I Das Judenthum unserer Zeit hat, um die Anerkennung Anderer zu erringen, alles was den Juden zum Juden macht,; abgestreift, heilige Sitte und Brauch von sich geworfen. Glaube | und Thora preisgegeben, damit der Prügelknabe nicht erkannt ’ werde. Doch der Jude ist trotz alldem die Zielscheibe des Hasses! geblieben, oder besser gesagt, er ist es erst recht geworden; denn j wie sollten Andere unsern Glauben achten, wenn wir ihn selbst! verachten, wie sollten Andere unsere Tborah hoch halten, wenn! wir selbst sie herabwürdigen? Man mag den Judenhass von! welchem Standpunkte immer betrachten, mag für ihn volks-! wirtschaftliche, nationale oder socialpolitische Motive suchen, im Mittelpunkt bleibt immer der Glaubenshass. Israel leidet! für seinen Glauben. Doch den Glauben hat es geovfert, um i die Anerkennung Anderer zu erringen, itub da nun diese aus-! geblieben, musste es sich fragen: wofür leiden, wofür dulden i wir? Und das ist es, was man aus dem Schrei des Entsetzens; und der Entrüstung heraus hört. * Unsere Zeit findet keine Befriedigung im Glauben, das Judenthnm der Neuzeit bedauert es. dem verhassten Stamme Israel anzugehören. Haben nicht Viele ans diesem Grunde dem Judenthume den Rücken gekehrt? Die meisten sind es wohl geblieben, der Herkunft nach, geblieben aus Pietät für die! Eltern, für die Ahnen, oder aus Furcht, feige gescholten zu werden, wenn mau zur Zeit der Gefahr die Brüder verlässt; doch Viele bedauern es, dass sie als Inden geboren wurden und sind Juden durch die Geburt, nicht aber aus Ueberzengung.! Wohl gibt es noch Inden, die stolz ans Stamm und Herkunft! sind, die fest an Glauben und Religion hängen, in deren Brust heilige .Begeisterung lodert, aber ihre Zahl ist gering, und j Viele fragen sich: warum leiden, warum dulden wir, warum werden wir bedrängt, gehasst? Auch unsere Väter in alter Zeit litten und duldeten, doch sie waren begeistert für das jüdische Bekenntnis, und dafür litten und duldeten sie und ertrugen sie gerne alle Dualen. Mochte der Feind von Austen noch so roden, im Innern lebte der Glaube, der für alle Schicksalsschläge entschädigte. Das Judenthum unserer Zeit aber leider nicht für eine heilige Ueberzeuguug, sondern blos für Name, Stamm, Her-

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