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Die Wahrheit · 1900-01-19 · Heft 3 (19.1.1900) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1900
Issue
Heft 3 (19.1.1900)
Date
1900-01-19
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Hesterr.-ungcrr. Kcrntoren-Aeitung. Mr. 3. Beilage zur Zeitschrift „Die Wahrheit." 20 Iahrg. Die Entwicklung des jüdischen Cantorates von! der Mitte der achtzehnten bis Min Leginn des!;wlin;igsten Jahrhunderts.! Von Obereantor I. S i n g e r in Wien.! ii.! Im Anschlüsse an die im vorigen Aufsätze angeführten! berühmten jüdischen Cantoren und Componisten des 17. nild j 18. Jahrhunderts und der Vollständigkeit wegen müssen wir! der Thatsache Erwähnung thnn, dass in jenen längst ent- > fchwundenen Tagen auch christliche Mllsiker von bedeutendem j Rufe sich mit der Composinon synagogaler Mnsik befassten, wie! Marcello Benedetto mit seinen „Parafrasi sopra 11 primi I Tenticinque salmi, 2 Bände," beweist. Bei dieser interessanten! Compofition fällt es auf, dass der christliche Componist am! Kopse eines jeden Psalmes das Motiv der weiter folgenden! Durcharbeitung in von rechts nach links geschriebenen Noten und mit hebräischeil Textesbnchftaben verzeichnet. Ein Zeit- und Altersgenosse des im vorigen Aufsätze angeführten Jsak Nathan war auch der ganz außerordentlich begabte und berühmte Cantor Israel L o w y (Jisroel Glogan). i Im Jahre 1773 m Danzig geboren, war er schon als dreizehn- | jähriger Knabe befähigt, in den größten Gemeinden Mährens,! Böhmens, Sachsens imb Baierns als Cantor zu fungiren, „nd erntete überall den größten Beifall. 'Nach der Gepflogen, j heit der damaligen Cantoren von Ruf reiste er unablässig von! Gemeinde zu Gemeinde, bis er im Alter von 26 Jahren in; der dazumal bedeutenden Gemeinde Fürth in Baiern als an-! lässiger Cantor festen Boden fasste. Vom Drange nach um- ' fassender musikalischer und sonstiger Bildung beseelt, warf er l sich auf das Studium und soll schon ' nach vier Jahren große j Fertigkeit im Clavier-, Violin- und Violoncello-Spiele als auch | die Kenntnis mehrer fremden Sprachen erreicht haben. Als! Beleg für die ganz außerordentliche Gesangsleistung Lowy's i diene die Nachricht, nach welcher er im nahen, damals von! keinem Inden bewohnten Nürnberg, in Gemeinschaft mit seinen j Meschorerim, sechs geistliche Concerte veranstaltete, . welche so j beifällig ausgenommen wurden, dass der damalige Cnrfürst! Maximilian Josef, nachmaliger König von Baiern, Lowy ans- : fordern ließ, in der im Hofconcerte zu Aschaffenburg ausznj führenden Haydn'schen „Schöpfung" den Tenorparc zu überj nehmen. j Es ist dem Schreiber dieser Zeilen gelungen, im ger- , manischen National-Musenm zu Nürnberg mehrere, auf die obenerwähnten Nürnberger Concerte bezughabende Documente i aufzusinden, welche interessant genug sind, um den Inhalt der-! selben hier wörtlich anzuführen. j Friedens und Kriegs-Conrier Nr. 62 vom 14. März 1799. Milsikalische Anzeige. : „Sonntags, als aut 17. Mär; wird Herr Lowy von , Fürth mit noch zwei Sängern die Ehre haben, hier im Bitteri holz (das ist im jetzigen Hotel „Zum bairischen Hof") eine j große musikalische Academie zu geben. Er empfiehlt sich einem j verehrungswürdigen Publicum und hofft auf zahlreichen Zuspruch. \ Der Anfang ist um 6 Uhr, das Entröe 30 kr." Friedens- und Kriegs-Conrier Nr. 67 vom 20. März 1799. „Die drei Tonkünstler, vorzüglich Herr Lowy, welche die i musikalische Akademie am 17. d. M. im Bitterhol; gegeben,; danken sehr für den ihnen geschenkten, großen Beifall und die ■ gute Aufnahme und einpfehlen sich bestens."! Diese beiden Affichen beweisen zur Genüge, wie bedeutend > die Gesangsaufführungen dieses jüdischen Cantors -und seiner i länger gewesen sein mussten, wenn sie es wagten — |mau bedenke, im Jahre 1799 — vor einem ausschließlich christlichen Publicum öffentlich zu concertiren. Diese Thatsache fällt jedoch keineswegs auf, wenn man ans dem ferneren Lebensgange Lowy's erfährt, dass bei feiner nachher erfolgten Berufung auf den Pariser Cantorpoften berühmte Componisten, Sänger und Sängerinnen wie Paer, Rossini, Talma, Martin, Frl. Mars und Frau Catalani die beiden Synagogen in den Strafen Szaint-Avoie und Chaumo, in denen Loivy abwechselnd fnngirle, besuchten, um ihn zu hören. In den Salons des Grafen Angles und der Gräfin Merliit sang Lowy unter anderem auch mit Frau Catalani die schwierigsten italienischeltDnette nnterjgroßeiu Beifalle. Der Andrang zu Lowy's synagogalen Vorträgen war so außerordentlich, dass die Pariser Gemeinde sich veranlasst sah, an den Ban eines großen Gotteshauses tu schreiten, und so entstand die am 5. März 1822 eingeweihte große Synagoge mit Orgel. Für diese Synagoge schrieb Lowy ein unfangreiches, sehr interessantes Synagogen-Gesaugswerk,*) welches jedoch erst im Jahre 1862 ans Pietät für den Componisten vom Pariser israelitischen Consi'torinm durch den Druck veröffentlicht wurde. Diese gesangskünstlerisch bedeutungsvolle Wirksamkeit eines jüdischen Cantors am Ende des 18. und am Beginn des 19. Jahrhunderts erbringt nits den Beweis, dass die jüdischen Cantoren jener älteren Epoche nicht, wie es allgemein angenommen wird, nur begabte Nttnraliften, sondern mit den musikalischen und gesanglichen Knnstgesetzen wohl vertraut waren. Lowy starb Samstag den 7. Januar 1832 im 59. Lebensjahre, nachdem er am vezeichneten Tage noch beim Gottesdienste fnngirte. Des chronologischen Jnsammenhanges wegen sei hier erwähnt, dass bereits viel früher israelitische Gesangsbücher mit hebräischem und de ltschem Texte und mit in beu Text gedruckten Noten veröffentlicht wurden. Das älteste dieser Gesangsbücher scheint das im Jahre 1810 in Cassel unter dem Titel „Hebräische und deutsche Gesäuge für Andacht und Erbauung" heransgegebene Büchlein;n sein, worauf nach diesem Muster gleichfalls in Cassel im Jahre 1832 ein Gesangsbuch „Kol simroh zur Erweckung derAndacht n n d E r b a lt n rqg" erschien. Ein ähnliches „Gesangsbuch bei de m Un i e rr ichte i tt der in osai s ch e n Religio!t n n o z ti r öffentlichen und h ä u s l i ch e n G o t t e s v e r e h r u n g der Israeliten im Königreich W ü r t e m b e r g“ wurde von der Israel. Overkirchenbehörde in Stuttgart im Jahre 1836 der Oeffentlichkeit übergeben. Diese Büchlein waren offenbar lediglich für den Unterricht der israelitischen Jugend bestimmt, müssen jeaoch immerhin als die Pionnire zur Anbahnnng besserer, beziehungsweise geregelter Gesangsverhältniße der Juden erachtet werden. Die Mehrzahl der Cantoren jener Periode sang ja noch mit Meschorerim, u.;. allesammt den sogenannten Stegreifgesang (Zuhalten). Hiebei sei erwähnt, dass diese dazumal berühmten Chasanim (Cantoren) wie Dowidel Brod, Kaschtan, Kanarik, Herschele Kiew etc. allesammt reisende Gesellschaften bildeten, welche die größeren Gemeinden aller Länder besuchten, um gegen glänzendes Honorar in den betreffenden Gotteshäusern vorznbeten. Diese concertirenden Chasanim- und Meschorerim- Gesellichaften befriedigten nicht nur die musikalischen und gesanglichen Bedürfniße des dazumal von der Welt abgeschlossenen *) Wer Genaueres über diese Kompositionen erfahren will, der lese Artikel IV und V der ersten Serie unserer in der „Oesterr.-ungar. Cantoren-Zeitung" veröffentlichten Abhandlung: „lieber die Entwickelung des Synagogengesanges."

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