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Die Wahrheit · 1900-01-19 · Heft 3 (19.1.1900) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1900
Issue
Heft 3 (19.1.1900)
Date
1900-01-19
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 3. Die Wahrheit. Seite 7. heit und Ehre Ihrer Brüder den Kampf anfnehmen. Wir können stolz darauf sein, dass wir als die Ersten vor die breite Oeffentlichkeit treten und uns heute hier zu einer jüdischen Protestversaminlung eingefunden haben." „Protestversammlnng — das ist ein Novum in der Geschichte der Juden Prags und Böhmens überhaupt. Als die Inden in der neueren und neuesten Zeit in so unerhörter Weise angegriffen wurden, da hofften Sie auf einen Rückhalt an den politisch befreundeten Parteien. Aber der Antisemitismus gewann Boden unter den Czechen wie unter den Deutschen." „Mit umso größerer Dankbarkeit und Freude sog da unser Ohr jene erhabenen und hochherzigen Worte unseres allverehrten und allgeliebten Landesherrn ein. die er einem Juden gegenüber gebrauchte und die uns in der allgemeinen Finsternis wie ein milder und belebender Strahl erschienen." „Und da wir nun eingesehen haben, dass die Inden auf j ihre eigenen Kräfte angewiesen sind, haben wir, die wir nichts! Anderes als unser Recht wollen, uns in einer Protestoersamml lung zusammengefunden, um dieses uns znkommende Recht vor! dem Forum der Oeffentlichkeit zu fordern." s Redner erging sich in seinen weiteien Ausführungen ein-! gehend über die Hilsner-Afsaire mit allen ihren abscheulichen! Begleiterscheinungen, den gehässigen Agitationen, dem Klirren! der Fenster, den Plünderungen, und schloss sodann mit den i Worten:! „Wir woüen fest auf den Sieg unserer gerechten Sache l hoffen. Wer ein wahres menschliches Herz hat und für unser! unglückliches Volk fühlt, der kämpfe mit uns zum Heile der! Juden und dadurch auch zum Wohle der gesammteu menschlichen! Gesellschaft." (Stürmischer Beifall.) 1 Sodann ertheilte der Vorsitzende dem Herrn Stein das Wort. Er brachte in czechischer Sprache seine Beschwerden! vor und wurde wiederholt durch stürmische „V^dorne!" und „Bravo!"-Rufe unterbrochen. Erbittert bis ins Tiefinnerste, sagte er, trete ich als Kläger auf gegen unsere Gegner. Als Mensch, Ezeche und Jude erhebe ich die schwere Anklage gegen die Sündiger gegen die heiligsten Güter der Menschheit." Redner wirft einen Rückblick aus die Ereignisse des Jahres 1897, bespricht die Ritualmordverleumdung und schließt mit dem Ausdrucke der Hoffnung, dass die gerechte Sache siegen werde. Hierauf wurde folgende Resolution e i n st i m m i g und mit langandauerndem Beifalle angenommeit: „Die am 8. Januar 1900 im Saale der Productenbörse versammelten Juden protestiren Namens ihrer Glaubens- und Stammesgenossen : I. gegen das seit Jahrhunderten gründlich widerlegte, von gewissenlosen und unlautere Zwecke verfolgenden Hetzern immer von neuem wiederholte Märchen vom Ritualmorde. Sie protestirt II. gegen den Missbrauch der Presse und der immunen Tribüne, die zum Wohl der Menschheit ins Leben gerufen wurde, insoweit sie jetzt zum Hetzen gegen eines der ältesteil Cultnrvölker missbraucht wird. Sie protestirt III. gegen die Verdächtigung, dass die Inden irgend ein Verbrechen zu vertuschen bestrebt sind. Sie protestirt IV. gegen bewusst lügenhaste Behauptungen, die ihre altehrwüdige Religion besudeln uud jeden einzelnen von ihnen in seinem rein menschlichen Gefühle kränken. Sie protestirt V. gegen die Beeinträchtigung ihrer Freizügigkeit, gegen die Einschränkung ihrer Existenzberechtigung, gegen die Bedrohung an Gut und Leben, und sie protestirt VI. dagegen, dass die Judenschaft in ihrer Gesammtheit zum Sündenbock gemacht wird für alle Folgen der in Oesterreich scharf zugespitzten wirthschaftlichen, nationalen und politischen Gegensätze." Nach Verlesung dieser Resolution schloss der Vorsitzende die Versammlung. Dieselbe nahm, bis auf einen kleinen, durch das etwas geräuschvollere corporative Erscheinen eines Vereines hervorgerufenen Zwischenfall, einen ungestörten Verlauf. Die obige Protestkundgebung wird an verschiedenen Stellen Prags und des Landes, die demnächst werden bekannt gegeben werden, zur Unterschrift aufliegen, um sodann dem Landtage vorgelcgt zu werden. Gemeinde- und Vereinsbote. Wien. (Aus der Sitzung des Vorstandes der Wiener israel. C u l t u s g e m ei n d e vom 13. Jänner 1900 unter dem V o r s i tz e d e s P ä s i d e n t e n k a i s. Rath Heinrich K t i n g e r.) Im Einlause befinden sich: Ein in besonders warmen Worten abgefasstes Dankschreiben des zum Ehrenprännden des Bethausvorstandes ernannten Herrn Jacob Brandeis, welches vollinhaltlich zur Verlesung gelangt und mit einmüthigem Beifalle zur Kenntnis genommen wird. — Eine Zuschrift des Vereines „Chewra-Beth-Hatfilah", in welcher der Verein seine besondere Befriedigung über die Neuconstituirung des Vorstandes, insbesondere über die einstimmig erfolgte Wiederwahl des Herrn kais. Rath Klinger zum Präsidenten und über die Annahme der Wahl seitens desselben nusspricht, bei welchem Anlass der Präsident bemerkt, dass ihm auch seitens anderer Corporaiionen mehrfach Gratulationsschreiben zugekommen seien, welche er als eine ihm erwiesene besondere Ehrung betrachtet. — Au Spenden sind eingelaufen: Von Herrn Dr. Rabbiner Güdemann 200 Kronen, als Beitrag zur Bedeckulig für Errichtung einer Mikwah. Die Mitlheilnng, dass Herr Wilhelm Spitzer bei der Barmizwah-Feier seines Sohnes einen Beitrag von 10.000 Kronen zur Erziehung eines Wnisenknabens gewidmet habe, wird mit Dank zur Kenntnis genommen. Der Präsident theilt mit, dass das Slalutenrevisions-Comitv seine erste Sitzung abgehalten und ein engeres Comrte, bestehend aus den Herren: Dr. Steiner, als Obmann, Oberfinanzrath Dr. Rappaport und Dr. Berger, gewählt hat. — Bor Uebergang zur Tagesordnung erfolgt die Nenconstituüung einzelner Comitäs. Zum Obmanne des Baucomitös wird Herr Vicepräsident Dr. Alfred Stern, zum Obmann-Stellvertreter Herr Oberingenieur von Mises, zum Obmann des Koscherfleisch-Comites Herr Vicepräsident Dr. Gustav Kohm, zum Obmann des Altersversorgungshaus'Eomitäs Herr Salo Cohli, zum Obmann- Stellvertreter Herr von Mises, zrtm Obmann des Tpitals- Comitös Herr Dr. Josef Grünield. zum Obmann-Stellvertreter Herr Emanuel Hosfmann gewählt. —Die Verleihung der Jonas Freiherr von Königswarl'schen Stiftung an 2 Hörer der Theologie, im Betrage von je 930 Kronen, wird nachträglich genehmigt. — Herr Baurath Stiaßny berichtet über die coustittlirende Sitzung des Ellratorituns der von der Gemeinde Wien Zll verwaltenden Josefine Königswart'ichen Kinderspitalsstistnng, tvelchem Referent und Herr Dr. Steger als vom Ellltusvorskande delegirte Vertreter angehören. Bei der Constituirung des genannten Euratoriums wurde Herr Banrath Stiaßny zum Obmann-Stellvertreter gewählt. Der Bericht wird zur Kenntnis genommen. — Namens der III. Section referirt Herr Banrath von Goldschmidt über die Berufung zweier Primarärzte für die iteuzuerrichtende chirurgische und gynäkologische Abtheilung im Spitale der israel. .Cultusgemeinde. Die eingehenden Specialvorschläge der Section werden nach längerer Berathnng angenommen. — Herr Banrath Stiaßny reierin in Friedhofangelegenheiten und wird nach Erledigung von Personalien die Sitzung geschlossen. Wien. Vom Vorstände der israel. Cultusgemeinde wird zur Kenntnis gebracht, dass für das laufende Schuljahr drei Ettel Goldschmidt'sche Stipendien a fl. 50 ö. W. an Gymnasialschüler israel. Confessiou zu verleihen sind. Die Bewerber um diese Stipendien haben ihre Gesuche mit Zeugnissen über ausgezeichneten Studienfortgang und einem Mittellosigkeitszeugnisse zu versehen uud bis 28 Februar l. I. im Einreichungsprotocolle der israel. Cultusgemeinde (I. Seitenstettengaße 4, I. <2tock) zu überreichen, woselbst Gesuchsblanquette während der Amtsstunden von 9 bis 12 Uhr unentgeltlich zu beheben sind. Vater- und mutterlose Knaben, ebenso Verwandte des Stifters Herrn Moritz Ritter v. Goldschmidt, oder seiner Gattin Nanette geb. Landauer erhalten den Vorzug. In dem Gesuche ist anzugeben, ob der Bewerber in dem Genüsse eines Stipendiums steht, eventuell in welchem Betrage.

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