Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1900
- Issue
- Heft 3 (19.1.1900)
- Date
- 1900-01-19
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6. Die Wahrheit. Nr. 3. altern Datums, Lie Söhne Jakobs verkaufen ihren Bruder Joses, ein zweites Riesengemälde stellt die Prophetin Chulda dar, welches Bild gegen 8000 Kronen gekostet hat und eine Zierde des Saales bildet. Sehr zierlich wurde auch die Tribüne für den Vorsitzenden und den Sekretär hergestellt. An diesen großen Saal stoßt das Präsidialbureau an, welches mit den Oelgemälden der Präsidenten der Cultusgemeinde der letzten zwei Decenien geschmückt und auch sonst sehr geschmackvoll eingerichtet ist. Für die Oeffentlichkeit sorgte der Vorstand dadurch, dass er eine kleine Galerie anbringen ließ, was natürlich nicht viel heißt. Wenn es ja einmal geschieht, dass die Gemeinde zum Bewusstsein der Wichtigkeit der Verhandlungen ihrer leitenden und competenden Behörde gelangt und das Verlangen nach Oeffentlichkeit der Sitzungen sich stärker > als bisher geltend macht, dann wird der reservirte Raum zu klein sein. Als zu klein wird sich der Vorstandssaal schon bei nächsten Wahlcampagne erweisen. Zweckdienlicher ist die Einrichtung der Wohlthätigkeitscommission, welche es leider mit großen Massen hungernder und herabgekommener Menschen zu thun hat. Diese erhielt einen ziemlich großen Saal zur Verfügung, so dass die Ausfolgung der Unterstützungen, welche zumeist in der rauhen Jahreszeit gegeben werden, nicht mehr die Petenten an ihrer schwachen Gesundheit schädigt, wie es in früheren Jahren zu geschehen pflegte. Wir wollen aus die Schilderung der weiteren Einrichtung dieses neuen Gemeindehauses verzichten und fügen nur hinzu, dass der Vorstand alles Mögliche gethan hat, um dem Hanse einen polnischen, sehr wenig aber, um demselben einen jüdischen Anstrich zu geben. So hat unser Cultusvorstand seine Namen und die Widmung in polnischer Sprache in Stein eingraviren lassen. Keine hebräische Inschrift darf der Mit- und Nachwelt verkünden, dass jüdische Männer für jüdisches Gemeindegeld und zu jüdischen Zwecken dieses Haus im Jahre 5660 erbaut haben. Hie und da verratheu die stummen Zeichen des Davidsthildes und der Mesusos seine eigentliche Bestimmung. Es versteht sich von selbst, dass nicht blos die Conservatioen, sondern auch einsichtsvolle Fortschrittsmänner ihren Unwillen über diese offene Missachtung der jüdischen Gefühle unverholen äußerten. Leider haben unsere Führer seit mehr als einem halben Jahrhundert ihrer Herrschaft es stets darauf ankommen lassen, für echt jüdische Gemeindeiustilutionen, denen kein fremder Heller auklebt, nichtjüdische Suprematie anzurufen. Wie und wann Hai z. B. die Lemberger Stadtgemeinde bei Errichtung von Anstalten, welche von mindestens 40 Procent jüdischem Gelde ihr Dasein fristen, auf unsere jüdischen Gefühle und Bedürfnisse Rücksicht genommen, wie dies wohl für das ruthenische Element geschieht? Freilich, diese Tradition der Selbstmissachtung beruht wieder auf dem harten Druck der Diaspora und dem Gefühle der Sclaverei, das auf uns lastet, rrotz Gleichberechtigung, trotz Bildung und Aufklärung. Es gewinnt aber den Anschein, dass ein innerer Zusammenhang zwischen jüdischem Bürgermuth und jüdischnationalem Bewusstsein besteht, und es wächst und sinkt der Mmh mit der Zu- und Abnahme des nationalen Selbstbewusstseins. Viel wurde und wird über die Zulässigkeit eines solchen luxuriösen Gemeindehauses gestritten, welches alle Fände mehr als absorbirt, ick 68t, eine Schuldenlast der Gemeinde aufbürdet, zumal in einer so schlimmen Zeit, welche einen gewaltigen Niedergang der jüdischen Gemeinde zu verzeichnen hat. Man bedenke aber, dass die schlimmen Zeiten säst zur Norm geworden sind, und ferner, dass die jüdische Gemeinde sich selbst in besseren Zeiten kaum zu einer Großthat aufgerafft hat, wenn nicht ein starker Wille einer energischen Persönlichkeit zu derselben antrieb. Was unter den gegenwärtigen schlimmen Verhältnissen durch das Machtwort des Vorstandes gelang, wäre vielleicht ein andermal unter der Aegide willensschwacher Personen nicht zustande gekommen. Die jüdische Gemeinde wird den Aufwand nach einer Reihe von Jahren überwunden haben, wird Eigenthümerin ihres Verwaltungsgebäudes sein, dann erst dürfte es Jedermann klar werden, welch ein schönes und bleibendes Werk mit der Erbauung der Gemeindekanzleien geschaffen wurde — und dann wird die Nachwelt den Dank ungetheilt quittiren. Große Thaten und hervorragende Menschenkinder theilen ja oft das Loos, unverstanden bekämpft und verkannt zu werden. Verlassen wir nun das Gemeindehaus und wenden wir uns den Eiuweihungsfeierlichkeiteu zu, so steht wieder Herr Dr. Emil Byk im Vordergrund derselben, welcher als Präsident der Cultusgemeinde eine fulminante Rede hielt, die sich den allgemeinen Beifall nicht zu erringen vermochte, ja großen Widerspruch in weiten jüdischen Kreisen hervorrief. Doch hievon in einem folgenden Brief. Jüdische Volksversammlung in Prag. Unter großer Betheiligung fand am 8. Jänner im großen Saale der Productenbörse eine jüdische Volksversammlung statt, über welche bereits in voriger Nummer der „Wahrheit" kurz berichtet wurde. Heute wollen wir ausführlicher über diese imposante Versammlung referiren. Aus allen Gesellschaftskreisen und aus beiden nationalen und politischen Lagern und auch von verschiedensten Theilen des Landes hatten sich Juden zusammengefunden, um ihre Stimme gegen die im Landtage vorgekommenen Beleidigungen des Judenthums zu erheben. Unter den Anwesenden bemerkte man den Landtagsabgeordneteil Herren Dr. Zalud. Dr. Neumark. Rabbiner in Rakonitz, mehrere hiesige Advocaten, Aerzte, zahlreiche Universitätshörer, Kanfleute u. s. w. Als landessürstlicher Commissär war Herr Polizeiconcipist H e r m u t h erschienen. Unter dem Vorsitze der Herren Lebenhart und Stein wurde die von mehreren Hunderten von Herren und Damen besuchte Versammlung präcise um 8 Uhr eröffnet. Als erster Redner ergriff Herr Handelsschullehrer Jacob W e r t h e i m e r das Wort. Er sagte unter Anderem : „1900 Jahre! Welch' ein unermesslich langer Zeitraum in der Geschichte der Menschen! Viele große und stolze Völker sind von der Erdoberfläche verschwunden, andere wieder änderten ihren Wohnsitz, Staaten wurden vernichtet, neu entstandene Nationen sind groß und mächtig geworden, Religionen wurden gestiftet und ihretwegen wurden blutige Kriege geführt. Und zwischen all' diesen mächtigen, man möchte sagen welterschüttern - den Evolutionen ragt ein Fels wie aus Granit gebaut empor, der allen ihn im Wellsturme des Drängens und Werdens umspülenden Wogen Trotz bietet, der nicht zu verderben, nicht zu vernichten ist. Und dieser eherne, vieltausendjährige, von brausenden Stürmen unbrandete Fels, das ist das Volk Israels, das sind wir Juden." Der Redner warf nun einen Rückblick aus die Geschichte der Inden, auf die Entwicklung dieses Volkes, auf die schweren Drangsale, die sie in blutigen Verfolgungskämpfen erleiden mussten, hob hervor, dass die Juden, wiewohl sie sich stets bemüht hatten, mit ihren Mitbürgern in Frieden zu leben und nützliche Mitglieder des Staates zu sein, doch bis heute nicht eine durchgreifende Gleichstellung mit anderen vollberechtigten Staatsbürgern erreichen konnten, machte die furchtbaren Beschuldigungen namhaft, die gegen dieses schwer bedrückte Volk seit Jahrtausenden erhoben werden und die seine Unterdrückung gerechtfertigt erscheinen lassen sollen, und fuhr dann fort: „Durch Thatsachen hat man diese Beschuldigungen nie zu begründen vermocht; im besten Falle wurde ab und zu eine verdammenswerthe That eines Juden, eines Auswurfes dieses Stammes und der Menschheit überhaupt, triumphirend herausgehobeu und allen Gesetzen des richtigen Denkens zuwider kühn verallgemeinert." Der Redner kam nun auf das Märchen vom Blutrituale zu sprechen und warf die Frage auf, wie sich die von allen Seiten bedrängten Juden dieser Anfeindungen erwehren könnten. „Nurch dadurch" fuhr er fort — „dass Sie wie Ein Mann für Ihre Menschenrechte eintreten und mit Muth für die Freir 4 ♦