Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1900
- Issue
- Heft 3 (19.1.1900)
- Date
- 1900-01-19
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nv. 3. Die Wahrheit. Seite 5. welchem unsere armen Glaubensgenossen so viel und so tief leiden müssen. Er will dem weniger Reichen nicht die Ehre gönnen, ein gleiches Recht mit ihm zu theilen, er soll ihm sein Recht kürzen und ihm sagen: Du bist ein minderwertiger Mensch, denn Du besitzest weniger als ich. Ich weiß nicht, wer diese Dummheit ausgeheckt hat, aber das ist ebenso wenig edel als klug, denn es wird der großen Masse der Juden zeigen, wo ihre schlimmsten Feinde sitzen. Für diese hässliche und unsittliche Maßregel lässt sich kein anderes Motiv finden, als ein ganz geschmackloses Plotzenthum — oder der skrupelloseste Egoismus. Vom Standpunkte der praktischen E r - fahrung: Hat die Erfahrung etwa gezeigt, dass die Inden Wiens von revolutionären Anwandlungen heimgesucht waren und dass die großen Steuerträger vergewaltigt und missbrallcht worden wären? Niemals! Der Jude, auch der ärmste, wid immer an seiner Gleichberechtigung fisthalten. Aber gleichberechtigt sein, heißt bei ihm noch lauge nicht gleichwertig sein, und niemals hat man in unseren Volkskreisen irgend ein Verdienst missachte! oder verkannt. Freilich, nur nach dem Geldsack richtet sich bei unseren Glaubensgenossen die Verehrung nicht, auch nicht nach Titel und Orden, die ans irgend einem Wege erworben. Besteht etwa der heutige Cnltnsvorstand ans Proletariern? Ganz im Gegentheil.' Cs gibt in Wien kaum eine mehr plutokratische Versammlung. Da heißt es denn in der Begründung, dass diese Aenderung nothwendig sei, um die Großen unter uns opferwillig zu machen. Machen Sie, meine Herren, ein gerechtes Sleuergesetz, ausgebaut am der Schätzung des Einkommens, und beseitigen Sie das jetzige Steuersystem, das ans der Schätzung nach Willkür beruht. Die Gerechtigkeit ist die Grundlage der Reiche (Justitia fundamentum regnorum) und dann werden alle Ansprüche befriedigt werden können. Kann man behaupten, die großen Steuerträger hätten mehr bezahlt als die kleinen? — Gewiss nicht! Der kleine Commis, welcher mit fl. 1200 Einkommen fl. 10 bezahlen muß, leistet im Verhältnis gewiss so viel als die hohen reichen Herren, tvelche jetzt die höchste Taxe bezahlen. Beseitigen Sie die unsinnige Bestimmung des Maximalbeitrages. So lange es keine Begrenzung für das Anwachsen des Einkommens gibt, brauchen wir keine Begrenzung des Steuersatzes. Reden Sie sich nicht aus mit der Behauptung, dass man das Einkommen nicht abschätzen könne, weil die Finanzbehörde keine Steuerfassionen bekannt gebe. — Wenn der <&taat das Einkommen eruiren kann, so muß dies dem Cultusvorstand auch möglich sein. Und sollte es Ihnen unmöglich sein, ein derart gerechtes Stenerregulaiiv abznfassen, so stehen Ihnen genug Leute zu Diensten, swelche dies machen werden, darunter meine Wenigkeit. Wenn die Großen ihre Opferwilligkeit beweisen wollen, so sind ihrer Großmuth auch unter der heutigen Wahlordnung keine Schranken gesetzt. Soll dieselbe aber erkauft werden durch ConfiScation der Rechte der Mitbürger, dann brauchen wir sie nicht. Was wird die praktische Folge dieser nutzlosen und gehässigen Maßregel sein? Dass Gegensätze geschaffen werden, welche nicht existirt haben, eine Agitation geweckt, die dem Frieden der Gemeinde nur schaden kann. Es soll angeblich gewissen Herren ein Gräuel iein, sich um ein Mandat bewerben und um die Gunst der Wählerschaft buhlen zu müssen. Leute von Verdienst brauchen um Gunst nicht zu buhlen, »tur solche, welche etwas erreichen wollen ohne Leistung. Wird mau nach Einführung der Wahlkörper a1ia8 Cliquen nicht um Gunst buhlen müssen? Wird es etwa ehrenvoller sein, Vertreter einer einseitigen Clique zu sein, als vom Vertrauen einer imposanten Wählerschaft getragen zu werden? Bis jetzt war die Stelle eines Cultusvorstaudes eine Vertrauens- und Ehrenstelle. Nun soll sie die Vertretung einseitiger Geldinteressen werden. Ich dächte, wir hätten in Wien Gelegenheit gehabt zu .erfahren, wohin dieses Kunststück der Wahlkörper die liberale Partei geführt hat: zur, Züchtung einer streberischen Agitation, zur Elasten- und Rassenhetze, zur Corruption des öffentlichen Geistes. Bei uns die Wahlkörper einführen, heißt also Hass und Zwietracht säen, heißt die Menge der Wähler missachten, verhöhnen und provociren. In der heutigen Zeit, wo der Aermste sein Recht am öffentlichen Leben immer stürmischer und mit Erfolg reclamirt, da wird sich die Wiener Judenschaft, ich! hoffe das zu ihrer Ehre, diesen Fauüfchlag in's Gesicht und Missachtung nicht bieten lassen, und wird diese zwecklose und gehässige Provocation unter dem Unmuthe aller gerecht Ge-! siliuten und wahrhaft Gebildeten unter uns — verschwinden. Ich hoffe, dass auch Sie, geehrte Herren, dies einfehen j und diesen Beschluss dahin senden werden, wo er hingehört —; in den Papierkorb. j Wien, im Jänner 1900. ' L u c i a u B r u n n e r. Äus der Lemderger Lultusgemeinde.; Schwer und hart lastet die Hand Esaus auf dem Stacken ■ Israels, insbesondere in Galizien. Immer enger und enger; umgrenzt sich das Terrain, ans welchem die 800.000 jüdischen j Seelen einen aufreibenden Kampf nms Dasein führen, und I hinter jedem Unternehmen steht sichtbar und unsichtbar der raffi-! nirteste polnische Antisemitismus, der, unterstützt von einer! gleichgesinnten öffentlichen Meinung, alle Erwerbsquellen verstopft, > aus denen Israel ärmlich und dürftig sein Brod zu ziehen pflegte.! Es trifft ja förmlich zu, wenn mau die Behauptung wagt, dass! Oesterreich nur für die Polen da ist, die alle Einkünfte in erster! Reihe zur Attfpäplung ihrer Volksgenossen verwettden tlnd zur! Erhaltung eines Beamtenheeres, dessen Aufgabe darin besteht,! dafür zu sorgen, dass die Herrschaft in Händen der Polen bleibe.! Während so Israel systematisch zu Proletariern und zu weißen! Sclaven herabgedrückt wird, geschieht das Wunderbare, dass i sich die Gemeinde Lemberg in einem Um- und Aufbau befittdel,! wie nie zuvor. Es verlohnt sich, diesem Prozess der Renaissance « auch außerhalb der städtischen Gemarkungen Publicität zu verleihen. Vielleicht beweist diese außerordentliche Thätigkest der; führenden Geister, die in ihrer Majorität noch immer der Assi-! milation zuzuzählen sind, dass das Eis des Jndifstrentismus! zu brechen beginnt und an dessen Stelle Liebe zum jüdischen i Gemeinwesen getreten ist; vielleicht aber liegt Methode in dem unerklärbaren Vorgehen, indem die Assimilcuoren ihre Kraft nach innen concentriren, um den Zionisten ein Paroli zu biegen in ihrem Schaffen und Sorgen für die zionistische Zukunft; endlich muß auch zugegeben werden, dass der gegettwärtige Cnltusrath so ziemlich leistungsfähige Persönlichkeiten der hiesigen Gemeinde enthält, die es in ihrer Macht haben, sich durch Errichtung monumentaler Jitstilutionen aus eigenen Mittel zu verewigen. Wie immer es auch sei, und welche Haupt- und Nebenabsichren immer bei dieser aufbauenden Thätigkeit eine Rolle! spielen, das Resultat, die Gemeinde höher und und besser zu : organisiren, ihr unvergängliche Werke zu schaffen, bleibt ein ungeschmälertes Verdienst unseres kin de siede Vorstandes.; Und nun gehen wir an die Besprechuttg der einzelnen Institute. ' Eine der imposantesten Baulichkeiten, welche die Cultusgemeiltde tuitee dem Präsidium des Herrn Dr. Emil Byk aufführte und vor einem Monate der Benützung übergeben wurde, ' ist das neuerbaute Gemeindehaus, welches mit einem Attswande vott 180.000 Kronen flylvoll und allen Anforderungen eines Regierungsheims entsprechend hergestellt wurde. Eine genaue Beschreibung der Räume dieses Gemeindehauses, des ersten feiner Art in Oesterreich, würde uns zu weit führen, es genügt wohl darauf hinzuweisen, dass alle Ressorts der Gemeinde ihre eigenen,'ihrem Wesen angepassten Räumlichkeiten besitzen. Luxuriös ausgeftattet erscheint der große Berathunngs- oder Sitzungssaal, dessen Einrichtung jedem Parlamente zur Zierde gereichen würde. Den schönen Saal schmücken zwei große Kunstgemälde, das eine