Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1900
- Issue
- Heft 3 (19.1.1900)
- Date
- 1900-01-19
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. Die Wahrheit. Nr. 3. fläche erschienen ist. Dr. Lilien ist Eigenthümer eines Bankhauses und einer der gebildetsten Juden Lembergs. Er hat das stärkste Feuer der Assimilationsrichtung durchgemacht und bei deren Zusammensturz hat er sich vom öffentlichen Leben zurückgezogen, in welches er jetzt mit einer Gruppe junger Leute, die den Zionismus nickt aeceptiren und welche die Zustande durch Socialresormen verbessern wollen, znrückkehrt. Ans der Unterredung mit Dr. Lilien gewann ich den Eindruck, als wären er und seine Genossen, die in der Assimilationsperiode 1880—1890 ihr jugendliches Alter zurückgelegt haben, erst jetzt in eine Epoche männlicher Reise und ernster, von den Grundlagen ausgenommener Arbeit eingetreten. Es ist nur schade, dass der entsesselte antisemitische Orkan, der vor 15 Jahren nicht vorhanden war, [nur allen Seiten störend rumort. Herr Dr. Lilien unterscheidet streng die Judenfrage im Westen von der unserigen. Dort ist sie eine politische Frage, eine Folge eines momentanen Triumphes der Reaction und des Obscurantismus. Als ein „Fanatiker des Fortschrittes" glaubt er, dass dieser Sieg nicht aus dauernder Grundlage beruht. Bei uns aber ist sie eine sociale Frage und wird mit der gründlichen Sanirnng der Zustände schwinden. Ich bat Dr. Lilien um seine Erinnerungen aus der Zeit der heißen Assimilationsarbeit. „Was ist an dem Zusammenbruch dieser Richtung schuld?" „Die polnische Gesellschaft! Wir wurden mit der unaufhörlichen Betonung, die Juden seien Fremdlinge in Polen im höchsten Grade entmuthigt. Wir überzeugten uns, dass in diesem Lande der anständigste Jude schlechter ist als der letzte Hallunke, der ein Schlachziz ist. Nebstdem fanden wir bei den Orthodoxen gar keine Unterstützung. Im Gegentheil, man behandelte uns als Gegner. Aus „Aguäas achim“ machte man „Agudas akum.“ Chicamrt und entmuthigt räumten wir das Feld. Trotzdem blieben wir, mit Ausnahme von Dr. Alfred Rostig*), der zu den Zionisten übergangen ist, unseren alten Idealen treu." „Was für Beweggründe haben eigentlich vor 18 Jahren die Assimilationsbewegung hervorgenufen?" Auf diese Frage gibt Herr Dr. Lilien keine ganz klare Antwort. Es müssen augenscheinlich zahlreiche und complicirte Factoren im Spiele gewesen sein. Es ist aber bemerkenswerth, dass der heutige Zionist Nossig der eifrigste in der Propaganda war, die er auf eine Analogie zwischen der Geschichte der Polen und der Juden stützte. Das war also ein rein mystischer Grundstoff, mehr Poesie als Politik. „Scheint es Ihnen nicht, dass der Grund des Misslingens in der Art und Weife zu fuchen ist, wie man ans Werk ging. Ihr habt nie, wie heute die Zionisten, mit den Volksmassen Fühlung gehabt. Worin bestand Euere Action?" „Wir gründeten in den Städtchen Lesehallen, veranstalteten Gedächtnisfeier u. s. w." „Das war also die Arbeit einer edlen, von Idealen durchdrungenen Jugend, aber nicht von Politikern. Die Decorationseffecte überragen die eigentliche mühselige Arbeit." Wie stellt sich Ihnen jetzt die Lage dar? „Die unmittelbare Zukunft ist trübe. Der Antisemitismus wird noch wachsen und erst mit der allgemeinen Besserung der wirthschastlicheu und socialen Zustände verschwinden. Wie wir dem Uebel eutgegenwirkeu? Die Gruppe der jüdischen Abgeordneten hat eine Enquete über die Lage der Juden in Galizien ausgeschrieben. Es wurden hiezu auch Christen eingeladen, denn die Action muss eine gemeinschaftliche sein. Auf Grund des Ergebuißes der Eingabe wird practische Arbeit, hauptsächlich auf wirthschaftlichem Gebiete, in Angriff genommen werden. Es handelt sich nur darum, dass das Land sich anschließe." (Schluss folgt.) *) Dr. A. N. wohnt seit einigen Jahren in Paris, wo er schriftstellerisch und journalistisch thätig ist. Ein von ihm erschienenes Werk über „die Medicin bei den Juden," ist in jüd. Blattern besprochen worden. Zur Wahlreform in der Wiener Cultusgemeinde. Der Gemeinderath Lucian B r u n n e r hat als Protest gegen die geplante Eintheilung der Cultusgemeinde-Mitglieder in Wahlkategorien au den Eultusvorstand das folgende offene Schreiben gerichtet: Löblicher Vorstand der israelitischen Cultusgemeinde Wien. Hochgeachtete Herren! Wie aus den Zeitungsberichten über eine öffentliche Sitzung Ihres Collegiums im December ersichtlich ist, haben Sie den Beschluss gefasst, die Wahlordnung für den Cnltusvorstand dahin abzuänder», dass in Zukunft die Wähler der Cultusgemeinde in mit verschiedenen Rechten ansgestaltete Wahlkörper einzutheileu feien. Dieser Beschluss — ich bin dessen überzeugt — bedeutet für viele Tausende von Wählern der Cultusgemeinde ein äußerst bedauerliches und betrübendes Ereignis, welches geeignet ist, dem Ansehen unserer Gemeinde, ja bei der Bedeutung der Wiener Cultusgemeinde dem gesummten Judeuthume eine schwere moralische Schädigung zuznfügen und wohlerworbene Rechte-zu verletzen. Ich sehe inich deshalb veranlasst, gegen die Ausführung dieses Beschlusses feierlichst Verwahrung einzulegen und begründe dies wie folgt: Vom rechtlichen Standpunkte: Der Cultnsvorstand ist nach dem Statut berechtigt, eine Aenderung der Wahlordnung zu beschließen. Ihr Beschluß bedeutet aber eine Aenderung der Wahlberechtigung, und hiezu sind Sie nicht competent. Der Eultusvorstand ist der Vollmachtträger der gesummten Wählerschaft, diese ist die Vollmachtgeverin. Nie und nimmer kann sich ein Vollmachtträger eigenmmächtig feine Vollmacht gegen den Willen der Vollmachtgeber erweitern und gar deren Rechte consisciren. Unsere Cultusgemeinde ist eine durch gesetzlichen Zwang errichtete Corporation. Jeder hier wohnende Jude ist verpflichtet, derselben beizutreten und muß nach Maßgabe seines Vermögens an den Lasten beitragen. Die Pflicht bringt auch das Recht mit sich, und zwar da diese Pflicht die ganz gleiche ist füralle Steuerträger, so muß folglich auch ihr Recht das gleiche sein. Eine Aenderung der Wahlberechtigung könnte also nur durch Abstimmung aller Wähler stattftnden. Ich bestreite auch der Regierung das° Recht, einen derartigen etwaigen Beschluss zu genehmigen. Vom moralischen Standpunkte: Seit zwei Jahrtausenden erhält sich das Judenthnm ohne ein Vaterland, trotz der unglaublichsten Bedrückungen und Verfolgungen, wie ein lebendes Wunder. Dieses ist nur so zu erklären, dass dasselbe eine große ewige Idee repräsentirt, die Idee der Menschenrechte. Ein Jahrtausend und mehr vor der französischen Revolution, welche die Menschenrechte unter der Devise der Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit proclamirt?, waren diese Grundvesten des menschlichen Gewissens nicht nur zur Theorie, sondern zur Lebensgewohnheit der Juden geworden. Das hat uns erhallen und gibt uns die Kraft, als kleine, allseitig verfolgte und verhasste Minorität den Kampf um die Gleichberechtigung zu führen. Unsere Zukunft, unsere Hoffnung beruht darauf, dass diese Grundsätze zum Gemeingut der galizen civilisirten Menschheit werden. In allen Ländern der Welt ringt das Volk um die Gleichberechtigung im öffentlichen Leben. Und da sollen wir Juden vor Aller Welt das gleiche Recht mit Füßen treten und uns in Kasten eintheileu nach dem Maßstabe des Geldsackes! Was in Jahrtausenden, in den Zeiten der tiefsten Barbarei niemals vorgekommen ist, dass sich die Inden in Kasten eintheilten. das blieb dem neunzehnten Jahrhundert Vorbehalten, und Vertreter der Wiener Judenschaft sind es, welche ihren Mitbürgern die Schande anthun wollen, unsere glänzende Vergangenheit zu verleugnen und das Judenthum vor seinen Feinden zu compromittiren. Der reiche Wiener Jude will ein besseres Recht haben als der ärmere. Es ist ihm nicht genug, dass ihn das Schicksal begünstigt, mit Glücksgütern gesegnet hat, ein Glück, unter