Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1900
- Issue
- Heft 2 (11.1.1900)
- Date
- 1900-01-11
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6. Die Wahrheit. Nr. 2. einjährige Functionsdauer wiedergewählt: Zum I. Vice-Präsidenteu: Herr Dr. Alfred Stern, zum II. Vice-Präsidenten: Herr Dr. Gustav Kohn. Zu Sections-Obmännern: I. Sectiou: Herr Dr. Maxmilian Steiner, II. Sectiou: Herr Dr. Gustav Kohn. III. Sectiou: Herr Baurath Theodor Ritter von Goldschmidt, IV. Sectiou: Herr kaiserl. Rath Moriz Hirsch, V. Sectiou: Herr Dr. Alfred Stern, VI. Sectiou: Herr Baurath Wilhelm Stiaßny. Zu Obmann - Stellvertretern: I. Sectiou: Herr Max Fleischer, H. Sectiou: Herr Docent Dr. Joses Grünseld, 331. Sectiou: Herr Salo Cohn, IV. Sectiou: Herr Gottlieb Taussig, V. Sectiou: Herr Dr. Markus^Spitzer, VI. Sectiou: Herr Ober-Jnaenieur Arthur- Edler von Mises. Wien. (Aus der öffentlichen Plenarsitzung des Cultu s v o rst an de s vom 6. I ä n n e r 1900. Unter ' Vorsitz des Präsidenten k a i s. Rath K l i n g e r. Beginn 10 Uhr Vormittags.) Nach Verlesung des Protokolles der letzten öffentlichen Sitzung richtet der Präsident, kais. Rath K l i n g e r, der bei seinem Eintritte in den Sitzungssaal mit großem Applaus empfangen wurde, folgende Worte an die Versammlung: „In der letzten von mir geleiteten Sitzung am 27. December vorigen Jahres habe ich au Sie, meine Herren, das Ersuchen gerichtet, mich von meinem Ehrenamte als Präsident der Cultusgemeinde zu entlassen. Es geschah dies nach schwerem, inneren Kampfe zwischen meinem Pflichtgefühl, das mich antrieb, meine bescheidenen Kräfte in den Dienst der Gemeinde zu stellen, und der Rücksicht aus meine Gesundheit. Sie haben, meine Herren, anders beschlossen und mich neuerdings, und zwar einstimmig, zum Präsidenten gewählt. Durch die einstimmige Wahl und das hiedurch kundgegebene Vertrauen haben Sie mir eine Auszeichnung höchsten Grades erwiesen, und unter diesen Umständen erkläre ich mich bereit, auch weiterhin gemeinschaftlich mit Ihnen im Dienste der Gemeinde zu arbeiten. Wol nur provisorisch, von drei Jahren kann keine Rede sein. Wir haben ein Jahr ernster und wichtiger Arbeit vor uns, in welchem die Schwierigkeiten der Finanzlage und von Tag zu Tag steigende Anforderungen zu bewältigen sind. Bei der Erfüllung dieser großen Aufgaben vertraue ich auf die ausgezeichnete Unterstützung der beiden Herren Vicepräsidemen und die bewährte Arbeitskraft sämmtlicher Herren Vorstandsmitglieder, muß jedoch schon heute betonen, dass ich genöthigt sein werde, zur Herstellung meiner angegriffenen Gesundheit im Monate März einen Urlaub zu nehmen, den Sie mir hoffentlich bewilligen werden. Ich will Sie mit der Entwicklung eiiles Programmes nicht aufhalten und wir übergehen nun zur Tagesordnung." (Lebhafter Beifall und allseitige Zustimmung.) Nach Verlesung des Einlaufes erfolg: die Eintheilung der Vorstandsmitglieder in die Sectionen- und die Wahl^der einzelnen Comitas. Die Referate des Herrn Dr. Spitzer „Ueber Aenderuugeu der Liturgie" und des Herrn Vicepräsidenten Dr. Kohn „Ueber die Mohelim-Frage" werden über Beschluss des Plenums vertagt und beide Angelegenheiten au die erste Sectiou zur nochmaligen . Berathung zurückgeleitet. Es wird jedoch der Wunsch ausgesprochen, dass hierüber in einer der nächsten Plenarsitzungen reserirt werde. Dr. Berger beantragt namens der ersten Sectiou den Bethausvereinen „Osseh Tow" und „Beth Hachnethet" im dritten Bezirke Subventionen von 300 fl. resp. 500 fl. für das Jahr 1900 zu bewilligen. Kais. Rath Hirsch erklärt sich gegen die derzeitige Bewilligung und beantragt die Vertagung der Beschlussfassung aus drei Monate, bis man über den Eingang der erhöhten Cultussteuern einige Klarheit erlangt haben wird. Vicepräsident Dr. Kohn und Referent Dr. Berger verweisen daraus, dass der Vorstand gegenüber fden Bethausvereinen in jenen Bezirken, wo keine Gemeindebethäuser bestehen, principielle Verpflichtungen habe, ohne Rücksicht darauf, ob die Steuern eingehen oder nicht. Baurath Ritter v. G o l d s ch m i d t theilt den Standpunkt des kais. Rath Hirsch und empfiehlt den Vorgang der dritten Sectiou bei Gewährung von Subventionen an Vereine für das Jahr 1900. Salo Cohn wünscht, dass der jeweilige Referent einen Antrag auf Subveutionirung eines Bethausvereiues immer durch Vorlage des statistischen Materiales über Zahl der Mitglieder, Höhe der Steuerleistung u. s. w. begründen möge. Eultusvorsteher Reitlinger erblickt die wichtigste Ausgabe des Cultusvorstandes darin, den religiösen Mitgliedern der Gemeinde die Möglichkeit zu bieten, einem Gottesdienste beizuwohnen, und befürwortet aus diesem Grunde den Antrag j des Referenten, welcher bei der Abstimmung angenommen wird.! Vicepräsident Dr. Stern beantragt, dem Cultusverein! Atzgersdorf zum Baue eines Tempels und der Religionsschule eine Subvention von 200 fl. zu bewilligen. Der Antrag wird nach längerer Debatte, in welcher sich - die Herren kais. Rath H i r s ch, Dr. Stein, Oberfinanzrath; Dr. Rappaport contra und die Herren Dr. Kohn, kais. Rath P o l l a k, Eultusvorsteher Reitling er pro aussprechen, angenommen. Dr. Steiner reserirt über eine geplante Aenderuug in der Ausschreibung der „Dr. Sax' Herzkranken-Stistung". Nach ' kurzer Debatte wird beschlossen, dieses Referat in vertraulicher ' Sitzung zu behandeln. Dr. Berger reserirt über „Austrittsanzeigen aus dem Judenthume". Referent bezeichnet die Angelegenheit als eine überaus heikle, und darum sei auch bisher die Verlesung der Auslrittsanzeigen in vertraulicher Sitzung erfolgt. Er habe nun in der fünften Sectiou beantragt, in Zukunft die Verlesung in öffentlicher Sitzung vorzunehmen, weil er von der größeren i Publicität der Austrittanzeigen eine wolthätige Wirkung erwarte.! Sein Antrag sei wol in der Section abgelehnt worden, trotzdem! wolle er ihn vor dem Plenum vertreten. Zunächst gibt Dr. j Berger einige statistische Daten. i Im Jahre 1896 sind in Wien 450 Personen, im Jahre; 1897 485 Personen, im Jahre 1898 468 Personen und im! abgelaufenen Jahre 531 Personen ansgetreten. äJÖeiiu man 1 bedenkt, dass z. B. in Berlin im Jahre 1898 bei 86000 > Inden 129 Austritte und in Wien bei 130.000 Juden 470 | stattfanden und dass in Russland bei 5 Millionen Juden ca. j 1200 alljährlich austreten, so zeigen sich die Verhältnisse in! Wien höchst betrübend. Man müsse sich fragen, was für, und! was gegen seinen Antrag spreche. Als wichtiger Grund contra werde der alte Ersahrungssatz: exempla trahunt angeführt, dass das böse Beispiel, das von den sogenannten höheren Kreisen mit dem Austritte gegeben wird, auch Andere zu Gleichem verleiten würde. Dem müsse aber entgegengehalten werden, dass jene Kreise, die sich die höheren nennen, ohnehin selbst für die Publicität ihres Austrittes Sorge tragen, und anderseits müsse betont werden, dass viele Austritte auch in anderei: Kreisen stattfiuden, die gesellschaftlich und wirthschastlich nicht unabhängig sind. Es treten junge Leute aus, ohne dass die Eltern eine Ahnung hievon haben, Frauen in einer Anwandlung einer nervösen Secessionsstimmung ohne Wissen ihrer Gatten, auch die Juristen bilden ein großes Eontigent zu den Austretenden — in solchen Fälle,: erlvartet sich der Redner von der größeren Publicität eine heilsame Rückwirkung. In der heutigen Zeit sei das Renegatenthum, ans welchen: dem Judenthum immer die größten Feinde erwuchsen, doppelt verwerflich, und der Vorstai:d möge darum nicht über die Fahnenflüchtige:: den Deckmantel der Vertraulichkeit decken. Dr. Berger beantragt schließlich, die Austrittsanzeigen in der öffentlichen Plenarsitzung zu verlesen. Präsident kais. Nach Kliuger glaubt, dass die Zugereisten ein großes Contingent zu den Austritten stellen. Vicepräsident Dr. Stern plaidirt für Beibehaltung des bisherigen Usus. Das Votum der fünften Section habe eine dilatorische Bedeutung, da man gegenwärtig sich noch nicht klar darüber sei, ob und ivelche Wirkungen die Pnblication haben