Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1900
- Issue
- Heft 2 (11.1.1900)
- Date
- 1900-01-11
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. Die Wahrheit. Nr. 2. theueren Tempelsitz, sind Mitglieder einiger Vereine zur Unterstützung der Arme», zur Begrabnng der Todten, zur Bespeisung der Schulkinder, wir halten uns einen Cantor und einen Prediger, welcher Trauungen schließt, manchmal auch predigt und Todten einen tiefempfundenen Nachruf hält, und das macht uns zu Juden. Aber wir sind doch kein Volk. Ich bin ein guter Deutscher und Mitglied des deutschen Wahlcomites. „Punctum!" Also raisonniert der gutgenährte Advocat im Cafe. wirft die jüdische Zeitung zur Seite und vertieft sich in die Lectüre des „Deutschen Volksblatt"; ist es doch so pikant, die gesalzenen Schimpfereien über die Juden zu lesen. „Entschuldigen Sie", also spricht den deutsch-jüdischen Advocaten ein junger Handelsbeflisiener an, der au demselben Tische Platz genommen, „wir haben ja doch als Juden eine uralte Cultur, eine große Geschichte, wir haben gemeinsame Interessen und ein — gemeinsames Leid, also sind wir etwas mehr als eine Tempelgenossenschast, vielleicht haben wir dennoch etwas Volkliches? Zum mindesten lässt sich darüber streiten." „Lassen Sie mich aus," eifert der Advocat, „wir haben kein Leid. Geht es mir nicht ganz gut? Sehen Sie mich an, sehe ich aus, wie ein bemitleidenswerther Leidensgeuosse? Ich bin Mitglied des Wahlcomitös der Deutschen, der Herr Bürgermeister grüßt mich immer zuerst, meine Reden stehen in den Zeitungen, ich trage zu allen öffentlichen Sammlungen und Christbaumseiern bei, ich schließe mich nicht aus und amalgamire mich. Ich bin hochgeachtet bei meinen Mitbürgern und noch niemand wagte es, mich S . . jude zu schimpfen. Wir müssen uns ja nicht ins Gedränge begeben; daun tvird man uns nicht stoßen. — Ich bin und bleibe ein Deutscher." „Lieber Herr", so tönt es ihm plötzlich von blutleeren Lippen entgegen, „ein armer jüdischer Hausierer bittet sie, ihm etwas abznkausen. Ich habe mich hier niedergelassen; zu Hause, in meiner Heimat, lassen sie mich nicht leben. Sie haben mir alles weggenommen bei den Plünderungen. Und die armen Kinder hungern. . ." Der Advocat schaut auf, es zuckt in seinem Antlitze und er wirst dem Hausierer ein Zwanzig-Hellerstück zu. „Man hat doch jetzt keine Minute Ruhe", ruft er mürrisch ans und lässt sich vom Kellner beim Anziehen des warmen Pelzes Helsen. — Der Handlungsbeflissene aber geht sinnend von dannen, er denkt viel nach über das — gemeinsame Leid. .. $ „Bekommen wir auch einen Christbaum?" Also fragt der Secundauer Fritz beim reichen Mittagstische Vater und Mutter. „Das wirst du am „heiligen Abend" seheit", erwidert sehr geheimnisvoll die zärtliche Mutter, indem sie dem überaus geliebten Sprößling verheißungsvoll zulächelt. „Warum fragst du?", wirst der Vater neugierig ein, indem er sich selbstbewusst die Bartcotelettes streicht. „Da hat uns der . . Religionslehrer, der immer alles besser wissen will, von Chanukka und den Makkabaeern gepredigt, und wie sich unsere Vorfahren vertheidigt haben, und von einer Einweihung des Tempels hat er gesprochen, und von Lichtlein, und als ich ihn fragte, sind das die Christbaumlichtlein? da hat er gelächelt, ironisch gelächelt, und einige Buben — freche Judenbuben — z. B. der Moses, der Sohn des Krämers, haben gelacht, und der Lehrer hat gesagt: Wir sind Juden und feiern Chanukka und haben keinen Christbaum, sondern Chanukkalichtlein . . . ." Eine so lange Rede hatte Fritz L a tz k o schon lange nicht gehalten. Sofort ließ er ein Stück Braten durch den offenen Mund verschwinden, versüßte sein Leben durch eine Portion Compot und bespülte diese reichlich mit Wein. Daraus der Vater, welcher ärgerlich zugehört: „Diese Religionslehrer haben doch gar keinen Takt; sie verstehen nicht zu unterrichten. Da stopfen sie die Kinder mit altem Kram, z. B. mit dem schon längst veralteten Hebräisch voll, und die Armen müssen dies, neben Lateinisch, Klavier, Griechisch und Mathematik, studieren. Ich würde die Religion überhaupt abschaffen, wozu muss man schon die Kinder aufmerksam machen, dass sie Juden sind. Wir wollen friedlich mit unseren Mitmenschen leben. Unsere Kinder sollen keine Juden, sondern Staatsbürger werden . . . ." „Ein Mann steht draußen und will den gnädigen Herrn sprechen", sagt das eintreteude fesche Dienstmädchen. Dieser begibt sich ins Vorzimmer. „Ich bitte um einen kleinen Beitrag für die Christbaumfeier in der X. Schule", also spricht ihn demütiglich ein schwarzgekleideter Herr an. sL a tz k o öffnet stolz die Brieftasche und entnimmt ihr eine Fünfernote, die er dem Schwarzgekleideten einhändigt. Dann begleitet er ihn bis zur Thüre; da hört er, wie der Demüthige zu einem seiner draußen harrenden Begleiter etwas laut sagt: „Ich hätte nicht gedacht, dass der Jud' soviel geben wird . . . . Latz ko geht nachdenklich ins Speisezimmer, setzt sich aber nicht mehr zum Tische, nimmt vielmehr eine Zeitung zur Hand und zündet sich eine äghptische Cigarette an. . . . Sein Auge fährt nachlässig über die Rubrik hin, welche überschrieben ist: „Sammlung für die geplünderten Juden ..." Aergerlich legt er das Blatt weg und eilt ins Comptoir. F r i tz aber hat eine Riesenfrende, dass wieder über den Religionslehrer geschimpft wurde. * * ¥ Die Bauqniersfran hat zwei Einladungen erhalten. Die eine rührt von der „deutsch-academischen Verbindung" her, die ein Concerlkränzchen für den nationalen Wohlthätigkeitsverein „Odin", die andere kommt von einer jüdischen Studentenverbindung, welche ein Fest zu Gunsten der armen, geplünderten Provinzjuden veranstaltet. Das holde Töchterchen rümpft das etwas gekrümmte Näschen, indem es die letztere Einladung durchliest und spricht: „Mama, wir werden doch nicht zu den Hausierern gehen? 2 Kronen werden von diesen aufdringlichen Leuten mit vielen Händeküssen angenommen werden." „In der That", sagt die etwas beleibte Banquiersgattin, „man wird jetzt viel belästigt." Wer kann dafür, dass die Juden geplündert wurden? Papa sagt, es sei wegen der — wie heißt doch das Zeug — Sprachenverordnnngen. Was aber geht uns all' dies an? Schicken wir also diesen Geplünderten die 2 Kronen.und lass' uns über die Toiletten Nachdenken, die wir zum Concerlkränzchen wählen sollen. Du musst, liebes Kind, die Directorstöchter, welche so hochnäsig thun und sich unseren Champagner so wohl schmeckeil lassen, überstrahlen . ." Das Töchterchen lächelt. Sie wird sich schön machen. Sie versteht das. . . Hold erstrahlend betritt sie an der Seite des Vaters und i der wohlbeleibten Mutter d:n Tanzsaal. Alle drei sind von dem! Gefühle ihrer Unwiderstehlichkett erfüllt. Der Banqnier ^hat i 100 fl. für die „Odin" gespendet, die Brillanten seiner Gattin leuchten heute so, dass alle anwesenden Beamten- und Officiersfraueu vor Neid schier bersten, und das Töchterchen sieht sich schon als Ballkönigin viel umworben. Da hört sie, wie ein Burschenschafter mit der nationalen Tricolore zu seinem Collegen, j mit rother Nase, spricht: „Ich habe geglaubt, wir werden hente! judenrein bleiben, aber die krummen Nasen müssen überall! dabei sein." — Arme Ballkönigin! Ein Streiflicht auf den Antisemitismus. (Schluss.) Mit besonderer Vorliebe wird von den Antisemiten Wucher und unredliche Geschäftspraktik als jüdisches Monopol hingestellt. Daraus die treffende Bemerkung: „Abgesehen davon, dass Christen nicht selten schmutzige Geschäfte und Wucher betreiben und letzterer überhaupt in seiner heutigell Gestalt nichts ist, als ein hässlicher Auswuchs der kapitalistischen Productionsweise, der mit dieser verschwinden würde, und für die der gesunde Menschenverstand das kleine unfreie Judenvölkchen doch nicht verantwortlich machen kann — müssen wir uns ins Gedächtnis zurückrufen, dass der allmählig zu ganz enormen Höhen anwachsende Zinsfuß im Mittelalter seinen guten Grund hatte. Wozu also die Juden fortwährend verketzern wegen einer Neigung zu Unredlichkeiten, Gaunereien