Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1900
- Issue
- Heft 2 (11.1.1900)
- Date
- 1900-01-11
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3062972-3063013-3063015--00582-3067100- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
aßr^eit Redaction u. Administration: Wien, IX/1, Novaragasse 27. ft. f. österr. Postsparcassa Eheck-Conto Nr. 846.251. Inserate: 20 Heller per Nonpareille-Zeile. Abonnements- und Jnsertions» betrage find in Wien zahlbar. Unabhängige Heitschnfi für jüdische Interessen. Erscheint jeden achten Tag. Motto: „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!" Bezugspreis: Ganzjährig . . . . ft. 12.— Halbjährig . ... ft. Für Lultusbeamte: Ganzjährig .... ft. 10.— Für Ausland: Ganzjährig . . . . >2 Mark s Rubel oder 16 Frcs. Ar. 8. , 11. Zänner Inhalt: An unsere Leser! — Modernes Judenthum. — Ein Streiflicht auf den Antisemitismus. — Gemeinde- und Bereinsbote. — Feuilleton: Heimweh. — Das jüdische Cantorat von der Mitte des achtzehnten bis zum Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts. — Verschiedene Nachrichten. — Feuilleton: Der Nihilist. — Briefkasten der Redaction. Än unsere Leser! Zu Beginn des heurigen Jahrganges können wir mit vollster Genugthuung constatiren, dass unser Blatt das bei seiner Gründung anfgestellle Programm nach jeder Richtung erfüllt und dabei die Anerkennung der maßgebendsten Kreise des Judenthums gesunden hat. Unser Bestreben wird auch fernerhin daraus gerichtet sein, jüdisches Leven in allen seinen Erscheinungen zu pffegen, die innere Organisation mit allen Kräften zu fordern, die Worfalle im Gemeinde- und Hereins leben mit maßvoller und objectiver Kritik zu beurtheileu «nd den Kampf nach Außen mit Würde und Entschiedenheit zu führen. Solches Streben verdient gewiss die vollste Unterstützung aller Glaubensgenossen, und wir richten an dieselben die dringende Bitte, diese ehrliche pnbliciftische Thäligkeit durch Abounirung unseres Blattes und durch möglichste Verbreitung desselben zu fördern. Bei Einsendung des Abonnementsbetrages ganzjährig 12 Kronen, vierteljährig 3 Kronen wolle man sich der beiliegenden Wolt-Ehecks, resp. ^ost- Anweisnngen bedienen. Probe-Nummern stehen zur Verfügung. Die Wedaction. Modernes Iudenthum. Der Gottesdienst ist zu Ende. Die wenigen Leute, die ihm beigewohnt, verlassen die heilige Stätte. „Er hat gut gepredigt", bemerkt ein ziemlich jugendlicher Glaubensgenosse zu seinem älteren Begleiter. „Er hat zuviel jüdisch-national gepredigt", erwidert dieser. „Man muss heute mehr den allgemein-menschlichen Inhalt der Religion und des Judenthnms hervorheben; man muss sich aecomodieren", erwidert dieser mit einem Gesichtsausdruck, der beweist, er habe bei seinen Worten - möglichst wenig gedacht. — „Und warum", so fragt der Jugend- ' liche, „sollte ein jüdischer Rabbiner heute nicht vom Judenthnm predigen? Wissen so viele seiner Znhörer etwas davon? Oder geht man in die Synagoge, — „Schul" nannten sie unsere; gescheidten Alten — um gesprochene Leitartikel oder fchwung-! volle Feuilletons über Literatur und Volkswirthschast zu hören?; Warum dürfen alle Nationen von ihrem vergangenen Ruhme; sprechen, mir wir nicht? Ist wol unseren Frauen und Männern! die Bibel und unsere Literatur so gut bekannt, dass sie von diesen Dingen nichts zu hören brauchten?" So der Jugend- : liche, nnd es blitzt dabei in seinem Auge. — Der Aeltere lächelt: „Schaffen wir uns kein geistiges Ghetto", ruft er ans,! und eine gewisse Selbstbefriedigung spricht aus seinen Zügen,! da er sich dieses, von ihm aufgefangenen, aber wenig verstanj denen Ausdruckes bedient, „schließen wir uns nicht ad; das; Wort „jüdisch" ist wenig modern. Wir aber wollen moderne! Menschen sein. Was soll es auch mir dem alten Kram? Wir sind die Minderheit und müssen uns, — wie sagt man doch, — | assimilieren . . . Da war ich vor einigen Wochen in., j und der Prediger hat in dem Sinne gesprochen. Er hat gesagt, j es wäre besser, wenn die Juden den Kampf aufgeben und im! Frieden leben. Der Kampf nützt ja der Minderheit doch nichts, j „Am Sabbarh Chanukka Hai er dies gesagt." „Dann hätte j Inda Makkabi auch besser gelhan, nicht zu kämpfen und sich! dem Antiochus zu assimilierenerwidert lächelnd der Junge, i Der Aeltere hat offenbar die beiden Namen nie gehört, und j so sagt er gar nichts dazu. Auch fesseln jetzt sein Auge die Börsencurse, die er im Schaufenster einer Wechselstube ausgeschrieben sieht. „Börse schlecht, Engländer große Niederlage erlitten", steht hier in auffallenden Buchstaben. „Was für Schläg' doch das große England von den kleinen Boern bekommt", spricht er mehr zu sich, als zn dem Jugendlichen. — Dieser aber gehl mit Gruß von dannen und denkt über die Minderheit nach .... -i- „Schicken sie mir da wieder eine Einladung, einem neuen jüdischen Vereine beizntreten, welcher bestimmt sein soll, das „jüdische Gefühl" in den Herzen unserer „Volksgenossen" zu stärken. „Jüdisches Gefühl"! was ist das, „Volksgenossen"? Sind wir Juden ein Volk? Wir zahlen Cnltusfteuer, gehen einmal im Jahre in den Tempel, kaufen uns einen