Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1900
- Issue
- Heft 1 (1.1.1900)
- Date
- 1900-01-01
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8. Die Wahrheit. Nr. 1. und Schuld, die sie auf sich laden, wenn sie leichtfertig über diesen Gegenstand hinweggehen; dann wird eine spätere Generation die Zeit und die Begründer segnen, die eine derartige Institution geschaffen haben. 8imx>1i6iu8 Jap he. Sprüche von Morst Eiyarus. (Fortsetzung.) Bestimmte Berufsleute unternehmen oft aberwitzige Streifereien in andere, namentlich höhere Gebiete; großartige, messtanisch augekündigte Verbefferungspläne oder fundamentale Umgestaltungen werden angekündigt; Mediciner wollen plötzlich die Philosophie, Juristen die Kirche, und alle Welt die ganze Welt verbessern. * Es gibt stets noch Leute genug, welche nicht blos Stroh einsammeln, sondern es für die eigentliche Frucht halten. * Größe schützt vor Kleinheit nicht. * Stellen wir uns Gespräche vor, wie sie ein Jean Paul, ein Humboldt, ein Rückert geführt haben, und vergleiche man das Gespräch der beiden Bauern, die Morgens zu Markte gehen. Schweigend schreiten sie neben einander her, bis der Eine beim Anblick der Felder sagt: „Der Roggen steht gut." — sie ziehen zur Stadt, verrichten ihre Geschäfte, kehren zurück — immer noch schweigend —, bis sie an ein anderes Stück Feld gelangen, und der zweite Bauer sagt: „Die Gerschte ooch." Dieses „Ooch" mit der dazwischen liegenden Zeit ist der Maßstab für die Dauer der Entwickelung seines Gedankens, für das Tempo seines Denkens. ' - * ' Wenn die Fülle des Lebens durchmeffen ist, wenn widrige Geschicke und Reflexion über das eigene Leben nicht blos, sondern über menschliches Leben überhaupt, dahingeführt haben, die Interessen als unzureichend, die Ideale als Träume zu erkennen, und der Mensch zur Resignation gedrängt wird, dann bleibt chm schließlich als das Einzige: „Beschäftigung, die nie ermattet." Heimweh. Erzählmrg von Eduard Kulke. (21. Fortsetzung.) Reb Wolf Ochsenhändler machte seiner Tochter, da er die niederschmetternde Nachricht vernahm, keine Vorwürfe, auch die Mutter that es nicht; die guten Eltern begriffen es wohl, warum das Mädchen den Mund verschlossen gehalten. Die Mutter aber sagte zu der Tochter ruhig und gefasst: Geh' zum Rabbi und erzähl' ihm was vorgeht und frag' ihm, ob ich am Sabbath fahren darf! Finkel lief und kam bald wieder zurück. Der Rabbi hielt unter den obwaltenden Umständen, die Fahrt am Sabbath für erlaubt, und es machte in der „ Gaffe" nicht geringes Aufsehen, als man die fromme Jittesch, die sonst an einem Sabbathe um keinen Preis über die erlaubte Grenze, über den „Techum" hinausgegangen wäre, am Freitag Abends, kurz vor der Zeit des Anzündens der Sabbathlichter den Wagen besteigen sah, um den verlorenen Sohn aufzusuchen. Die Aufregung in der Gaffe war unbeschreiblich. Jitttschen Reb Wolwens soll so etwas zukommen! Sie soll müssen am Freitag Abend aus der Gemeinde hinaus fahren! Ihr hätte das Einer vorher sagen sollen, dass sich ihr Jossef wird taufen laffen! Keiner jüdischen Mutter soll es begegnen! Sie wird das nicht überleben! Im ganzen „Menorath-Hamoor" steh; keine so merkwürdige Geschichte zu lesen wie die da, die sie selber erleben muss! Wer halt' das von Jossef gedacht! Er ist alleweil ein fein Kind gewesen! Wie man niemals voraus Etwas wissen kann! Stille Wasser sind tief! Gott soll geben, er soll einen plötzlichen Tod sterben, eh' es dazu kommt! Die Eltern könnten dabei noch von Glück sagen! Wenigstens möchten sie die Schande nicht erleben, die er ihnen anthun will! Da kann man sehen, was man sich an Kindern erzieht! Ein schön Gesichte! lässt so einen Jungen Vater und Mutter vergessen! Jittesch soll sich sagen müssen, dass sie über hundert Jahr, wenn sie sich in die Grub' hineinlegt, keinen Sohn hinterlässt, der ihr „Kadisch" (Requiem) nachsagt! Jossef ist schon in der Kindheit, in „Cheder" (Schule) ein feiner Jung' gewesen, er hat niemals etwas lernen gewollt! Auf das Lernen kommt es nicht an; es gibt andere Jungen, die auch nichts gelernt haben, und bleiben doch, wer sie gewesen sind! Aber Reb Wolf hat ihn zu früh zum Geschäft genommen, und wenn Einer beständig fort mit Ochsen umgeht, wird er am Ende selber ein Ochs! Gott soll hüten, was Einem in der Welt Alles passiren kann! Man erlebt viel, ehe man siebzig Jahr alt wird! So und in ähnlicher Weise flogen die Reden hin und her, und machten sich die empörten Gemüther Luft über den ungerathenen, pflichtvergessenen Sohn. Zu Hause hatte Finkel statt der Mutter die Sabbathlampe angezündet. Fleisch, Fisch und Wein hatte sie auf den Tisch gesetzt, eS war aber kein erquickliches Sabbathmahl; Vater und Tochter saßen schweigsam bei Tische. Der Gedanke an den entfernten Sohn und Bruder vergällte jeden Bissen, die Sorge um die in die Nacht hinauseilende Mutter und Gattin verbitterte jeden Tropfen des köstlichen Labetrunks. Die Mutter aber fuhr hinaus in's Dorf, sie fuhr zum alten Niederhuber und zu dessen Tochter. Sie musste mit diesen Leuten sprechen, die ihr den Sohn rauben wollten. Niederhuber! — begann Jossefs unglückliche Mutter — ich komm' zu Euch mit meinem schweren Herzen! Ihr sollt es mir erleichtern! Ihr seid Vater, und Ihr wisst, was man für ein Kind thut, das Einem an's Herz gewachsen ist. Was wollt Ihr mir anthun! Niederhuber! Ihr seid ein alter Freund von unserem Haus, und wir kennen uns nicht erst seit gestern und vorgestern! Ihr wisst, um was ich zu Euch komm'! Ich beschwör' Euch, fußfällig bitt' ich Euch! Gebt mir meinen Sohn zurück! Gute Frau! — sagte Meister Niederhuber — ich habe das vorausgesehen, wie es kommen wird, und ich kann mir Eure Lage vorstellen! Meint aber nicht, dass ich Euch Euren Sohn geben kann! Ich Hab' ihn Euch nicht genommen! Aber Eure Tochter hat ihn mir genommen — sagte die Frau. Ich nicht und meine Tochter nicht! Euer Sohn hat freiwillig gehandelt. Keiner von uns hat ihn gezwungen. Keiner von uns hat ihm zugeredet. Er selber hat den Entschluss gefasst. Von uns könnt Ihr den Sohn nicht fordern, wenn er selber nicht sich Euch zurückgibt. Er selber? wo ist er? zeigt ihn mir! nur ein Wort lasst mich mit ihm reden! nur einen Blick lasst mich auf ihn werfen, und er wird sich mir zurückgeben, wenn Ihr ihn mir nicht vorenthalten thut! Geht zu ihm, gute Frau! ich will Euch sagen, wo er ist; ich will Euch genau angeben, wo Ihr ihn finden könnt! Geht zu ihm, sprecht zu ihm, ich will es nicht hindern, und wenn er zu Euch zurückkehrt, ich werd' ihm daraus keinen Vorwurf machen! Und wird es auch Eure Tochter nicht? Marie! — rief der alte Niederhuber, indem er statt einer Antwort auf diese Frage die Thüre öffnete — Marie! komm' da ein bissel herein! Marie trat in die Stube. (Fortsetzung folgt.)