Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1900
- Issue
- Heft 1 (1.1.1900)
- Date
- 1900-01-01
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3062972-3063013-3063014--00575-3067092- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
^eßerr.=uncjar. Ecrntoren-Ieitung. Nr. i. Beilage zur Zeitschrift „Die Wahrheit". 20. )ahrg. > Glaube uud Kritik. Von vr. I. Kaha«, Rabbiner in Znaim. Es gibt kaum Etwas, das für die Entwicklung der menschlichen Cultur van solcher Bedeutung wäre, wie die beiden Worte Glaube und Kritik. Zwei Weltanschauungen, welche einander schroff gegenüberstehen und sich gegenseitig bis auf's Messer bekämpfen, nehmen ihren Ausgang, die eine vom Glauben, die andere von der Kritik. Jener vergöttert seine Autoritäten und lässt gegen sie keinen Zweifel aufkommen, diese kennt keine Autorität und lässt nur die Resultate der wissenschaftlichen Untersuchung gelten. Wer von Beiden hat Recht? Welcher Standpunkt ist der richtige? Wo ist die Wahrheit? Oder, um unserer Frage greifbare Gestalt zu geben: hat das Judenthum mit seinem Gottesglauben Recht oder sein größter und eibittertfter Gegner Arthur Schopenhauer? Nicht als ob das Judenthum keine Kritik zulasse — der ganze Talmud ist voll von den Fragen: „wieso?" und „warum?" — und als ob andererseits Schopenhauer an nichts glauben möchte, er glaubt vielmehr an sehr viele Dinge, er glaubt an die Träume, an die Prophetengabe der Menschen und vor Allem an seine eigene Unfehlbarkeit. Aber den Gottesglauben des Judenthums hasst er wie nichts auf der Welt, und seinen Hass überträgt er auf seine Jünger, welche nicht wenig Lust verspüren. Jeden für unzurechnungsfähig zu erklären, der an Schopenhauer's Unfehlbarkeit zu zweifeln wagt. Und doch war Schopenhauer nicht unfehlbar, wie groß wir auch sonst seinen Geist anschlagen möchten. An einem crassen Beispiel wollen wir dies zeigen. Unter allen Religionen des Alterthnms kennt keine einzige , außer dem Judenthum einen Gott-Schöpfer, der die Ursache aller Dinge wäre. Ihre Götter verrichten alles Mögliche: sie essen, trinken, bringen Kinder zur Welt, balgen sich herum, stehlen, betrügen und was dergleichen Dinge noch mehr sind — aber die Welt geschaffen haben sie nicht. Ja mancher Religion, wie der buddhistischen, fehlt jeder Ausdruck für Gott, sodass die Missionäre in China in großer Verlegenheit sind, gleich den ersten Vers der Heiligen Schrift den zu bekehrenden Chinesen beizubringen. Und wie die Religionen, so sind auch die Philosophen des des Alterthums gänzlich frei von dem so verhassten Gottesgedanken. Nur Einer spielt unserem Schopenhauer einen bösen Streich, und dieser Eine lässt sich nicht so abthnn wie das verhasste Judenthm, denn es ist kein anderer als der von Schopenhaner so — göttlich verehrte Plato. Da war guter Rath theuer. Wie kam mein göttlicher Plato zur schrecklichen Idee, einer schöpferischen Gottheit? Dass eine solche Idee schlecht ist und falsch, steht ja fest: folglich hatte der göttliche Plato seine Gottesideen von den — Juden I Natürlich alles Böse kommt ja von den Juden .... So wäre für Schopenhauer die Schwierigkeit gehoben, und keine dürfte daran zweifeln, sofern er für voll gelten wollte. Aber die Sache hat doch einen Haken, und zwar einen sehr sonderbaren, indem Schopenhauer eine sonderbare Bestätigung der Sache in Folgendem entdeckt zu haben glaubt. Nach Plutarch und Laktanz hat Plato der Natur gedankt, dass er ein Mensch und kein Thier, ein Mann und kein Weib, ein Grieche und kein Barbar geworden sei. Nun steht in Isaak Euchel's Gebeten der Juden ein Morgengebet, worin sie Gott danken und loben, dass der Dankende ein Jude und kein Heide, ein Freier und kein! Sclave, ein Mann und kein Weib geworden sei. (Sämmtliche Werke, I, Seite 620.) — Wer Schopenhauer auf's Wort glaubt, wird überzeugt sein, dass Plato seinen Dank von den Juden ' gelernt hat und somit auch wohl seine Idee von Gott. Bei den Juden im Osten ist auch die Sage verbreitet, dass Plato ein , Schüler des Propheten Jeremia gewesen sei. Aber thatsächlich haben die erwähnten Danksagungen der Juden entweder R. Meir - (Menachot 43 b) oder R. Iehuda (Tos. Ber. VII. u. Jer. Ber. IX.) zum Autor, beide Männer, die ungefähr 500 Jahre nach Plato lebten! Was uns allerdings auch nicht verleiten darf, anzunehmen, dass diese Männer es dem Plato abgelauscht hätten, wie man Gott seinen Dank aussprechen soll (vgl. Weiß, Zur Gesch. der jüd. Tradition, II„ Seite 20). Uebrigens spricht Weiß, gestützt auf Döllinger, Heidenthum und Judenthnm, Seite 665, von Sokrates anstatt Plato, was ein Jrrchum zu sein scheint, da Döllinger keine Quelle angibt, während Schopenhauer diese genau citirt. Jedenfalls ersieht man daraus, dass, wenn auch der kritiklose Glaube nicht viel werth ist, die kritiklose Kritik schon gar nichts taugt. Jonathan Eibenschitz. Bon vr. M. 8. Ster«. (Schluss.) Unwillkürlich fühlt man sich jetzt versucht, diese Episode durch ein kleines Phantasiebild zu ergänzen. Es ist der letzte Abend. Chajon kann schon, will weiter wandern. Er verabschiedet sich von den Frauen. Dabei holt er mit zitternder Hand ein altes Buch oder Manuscript mit den Worten hervor: „Ihr habet Euch edel erwiesen; dies hier ist ein seltenes Amulettenbuch voll der wunderbaren Kabbalah. Der große Rabbi wird es zu verwerthen wissen. Die Schlange Chajon hat so vielleicht mit einem ,; Danaergeschenk die Wohlthat belohnt. Dass das Buch sabbathianisch | sein kann, daran dachte Eibenschitz gar nicht mehr. Doch wie? sollte er nicht sofort die Zeichen erkannt haben? Wir vermögen es doch so leicht? Ja, wenn sich Emden mit seinem Sephath Emeth mit uns zu Tische setzt und uns Buchstab auf Buchstab > deutet. Ohne dies aber kann das trockene Sinnen stundenlang [. auf die rätselhaften Zeichen starren, ohne etwas Sabbathianisches \ daran zu riechen. Wie wenig leicht dies ist, zeigt der Umstand, : dass selbst Emden an einer Stelle rathlos stehen bleibt. Ein 1 Amulett beginnt mit den Buchstaben: B. H. I. A. L. Wie soll dies gar Zewi El, der Gott Zewi, nach As-Basch bedeuten? Wäre Eibenschitz gar Götzendiener, der da ein menschliches Wesen, < das auf Erden wandelt, für Gott hielt? Nein, nach As-Basch ist L.-K. A.-Th. Das Zeichen bedeutet Kath-Zewi-Secte des | Zewi, wie ich glaube. | Es ist erwiesen, dass Eibenschitz erst nach entstandenem |> Lärmen daran dachte und ging, die Zeichen zu erklären. Drei-, l viermal versprach er im Verlaufe des Kampfes, die Zeichen er- §S