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Die Wahrheit · 1900-01-01 · Heft 1 (1.1.1900) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1900
Issue
Heft 1 (1.1.1900)
Date
1900-01-01
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6. Oie Wahrheit. Nr. 39. Fleißig freigewordene Stelle im Rabbinate wurde dem bisherigen Ober-Rabbiner in Jocsani, Mayer Mayersohn, verliehen. Den Vereinsbethäusern für die Bezirke EL (Gr. Schiffgasse), VI. und V., VI. und VII., IX. und X. wurde die Ermächtigung zur Vornahme von Aufgeboten und Trauungen ertheilt und ihren Rabbinern die Führung von Trauungsmatrikeln und Ausstellung von Trauungszeugnissen übertragen. Der Rabbiner des Tempelvereines, II., Große Schiffgasse, Herr Simon Fürst, wurde zum Gemeinderabbiner bestellt. — Dem Tempelbauverein Simmering wurde durch die Gewährung einer einmaligen größeren Subvention die Möglichkeit gegeben, das Tempelgebände fertigzustellen. Dasselbe wurde bereits zu den heurigen hohen Feiertagen der Benützung übergeben. — Der Vorstand hat auch im heurigem Jahre seine volle Aufmerksamkeit den religiösen Institutionen der Gemeinde zugewendet. Die Regelung des Koscherfleischfrage, der Mohelim-Angelegenheit, die Angelegenheit des rituellen Bades und der Mazzos hat den Vorstand in zahlreichen Sitzungen beschäftigt, und mit Bestimmtheit ist zu hoffen, dass diese Angelegenheiten in nächster Zeit zu gedeihlichen Resultaten führen werden. II. Section: Als Vertreter be§ israel. Religionsunterrichtes im Wiener Bezirksschulrathe wurde an Stelle des Herrn Baurathes Stiaßny, welcher nach langjähriger Wirksamkeit sein Mandat zurückgelegt hatte, Herr Dr. Markus Spitzer gewählt. — Die bereits im Vorjahre stattgehabte Ausspeisung armer Schulkinder der Brigittenau wurde auch heuer fortgesetzt. Die Leitung derselben hat Herr vr. Berger unter Mitwirkung des Brigittenauer Frauen-Wohlthätigkeits-Vereines, und erhält seit Monaten täglich eine namhafte Anzahl von Kindern warme Mittagskost. — Zur Heranbildung von israel. Religionslehrern wurde an der israel.- therlogischen Lehranstalt ein Curs activirt, an welchem derzeit 10 Herren theilnehmen. Zur Förderung des Besuches wurden seitens der Cultusgemeinde 2000 fl. zur Ertheilung von Stipendien an Hörer des Curses bewilligt. — Ueber die Ausschreibung der Oberlehrerstelle für die Volksschule II., Czerningasse, in welcher Ausschreibung die für den Oberlehrer dieser Schule nach dem Gesetze erforderliche Befähigung zur Ertheilung des israel. Religionsunterrichtes nicht gefordert wurde, hat der Vorstand an den Bezirksschulrath das Ansuchen gestellt, die Ausschreibung richtigzustellen. Nachdem diesem Ansuchen nicht stattgegeben wurde, durch die Vorstellung an den Landesschulrath und nach Abweisung desselben an das Cultusministerium erhoben. Da auch diese Vorstellung abgewiesen wurde, erhob Herr Vicepräsident Dr. Gustav Ko hu Namens der Cultusgemeinde die Beschwerde an den Verwaltungs-Gerichtshof, welcher in günstigem Sinne entschied. Demnach muss die Ausschreibung der genannten Stelle für einen jüdischen Oberlehrer erfolgen. — Vor Kurzem wurden vier Religionslehrer an Mittelschulen, darunter zwei Wiener, zu wirklichen Lehrern an Mittelschulen ernannt. Der Vorstand begrüßte diese Thatsache umsomehr, als er seit Jahren wiederholt schriftlich und mündlich Gelegenheit genommen hat, competenten Ortes dahin zu wirken, dass die sociale Stellung der Religionslehrer an Mittelschulen entsprechend gestaltet werde. IH. S ection: Zum Andenken an weiland Ihre Majestät die Kaiserin Elisabeth wurde die Errichtung eines Institutes von Pflegerinnen beschlossen, und ist die Heranbildung jüdischer Pflegerinnen eingeleitet. — Für das aus Anlass des Kaiser- Jubiläums zu erbauende Siechenhaus haben die eingeleiteten Spenden fl. 67.000 ergeben. — Die Erweiterungsbauten im israelitischen Spitale gehen ihrer Vollendung entgegen. — Frau Baronin Hirsch hat in ihrem Testamente der israelitischen Cultusgemeinde Wien ein Legat von Frcs. 100.000 für Wohlthätigkeitszwecke vermacht. — Zur Unterstützung armer israelitischer Wöchnerinnen wurde unter der Aegide der Cultusgemeinde und unter Mitwirkung der Wiener Frauen-Wohlthätigkeits-Vereine eine Centralstelle angebahnt. — Zur Errichtung eines Kinderspitales wurde von einem ungenannt sein wollenden Wohlthäter durch Herrn Emanuel Baum garten der Betrag von Kronen 100.000 gespendet. — In Bezug auf das Armenwesen, respective Verabreichung von Unterstützungen, ist die Einführung von freiwilligen Armenpflegern in Vorbereitung. — Die Zinsen der S. H. Goldschmidt'schen Verlassenschaft im Capitalsbetrage von fl. 538.800 Nominale wurden mehreren Unterrichts-, beziehungsweise Wohlthätigkeits-Jnstitutionen zugewendet. IV. S e c t i o n: Im Sinne des Statutes wurden die Einschätzungen für das nächste Triennium vorgenommen, nachdem vorher das Cultussteuer-Maximum von fl. 3000 auf fl. 6000 erhöht wurde. Die Neu-Einschätzungen machten insgesammt 58 Sitzungen der betreffenden Steuer-Bezirks-Collegien nothwendig. — Um die Höchstbesteuerten den erhöhten Steuern leichter zugänglich zu machen, wurde denselben in mehreren zahlreich besuchten Versammlungen die Lage der Gemeinde ausführlich dargelegt. Die Versammlung anerkannte durch ihren Referenten die Nothwendigkeit der Steuererhöhungen und empfahl dem Vorstande die Einführung der Fünfgulden-Steuer, die Vermehrung der Vorstandsmandate und die Wahl nach Wahl- Kategorien. Baron Rothschild empfiehlt, das Steuer-Maximum noch über fl. 6000 zu erhöhen. — Um die Ansicht der minder und niedrig besteuerten Kategorien über die empfohlenen Aenderungen kennen zu lernen, wurden auch Angehörige dieser Kategorien zu einer Conferenz eingeladen. V. S e c t i o n: Herr Baron Albert von Rothschild hat im Vorjahre eine Stiftung für arme jüdische Künstler mit dem Capitale von Kronen 200.000 begründet. Das erste Erträgnis dieser Stiftung wurde bereits heuer an Bildhauer, Maler, Architekten und Musiker vertheilt. — Die an den Polnaer Mord angeknüpfte Ritualmordhetze hat den Vorstand zu wiederholten und energischen Kundgebungen veranlasst. Vorerst wurde in der öffentlichen Plenarsitzung in Gemeinschaft mit dem Rabbinate ein Protest gegen die Beschuldigungen beschlossen, in den Tagesblättern veröffentlicht und den Ministern, sowie dem Statthalter zugemittelt. Die hierauf im großen Musikvereinssaale abgehaltene äußerst zahlreich besuchte Protestversammlung gestaltete sich zu einer imposanten Kundgebung. VI. S ection: Der Vorstand hat beschlossen, die Gratisgräber-Gruppen am Central-Friedhofe durch Bäume ausschmücken zu lassen. Herr Vorsteher Salo Cohn hat sich in dankenswerther Weise bereit erklärt, für den Fall, als die vom Vorstande bewilligte Summe hiezu nicht ausreichen sollte, den zur vollständigen Ausschmückung erforderlichen Betrag per fl. 1000 zu widmen. Die Thätigkeit des Vorstandes im abgelaufenen Jahre war eine sehr umfangreiche. Es fanden im Ganzen 256 Sitzungen statt, darunter 26 Plenarsitzungen, 69 Vertretersitzungen, 88 Sectionssitzungen, 74 diverse Sitzungen und fast täglich Präsidial- Conferenzen. Die Zahl des Einlaufes beläuft sich auf circa 13.000 ohne Unterstützungsgesuche. Nach Verlesung des Berichtes dankt der Präsident dem Vorstande für seine rege und verdienstvolle Thätigkeit, namentlich den 4 neueingetretenen Vorstandsmitgliedern Horner, Reutlinger, Dr. Rappaport und Simon, die so rasch gute und ernste Kollegen geworden sind, weiters den Herren Vicepräsidenten, sowie dem Beamtenkörper, von welchem kais. Rath Dr. Lieben, Amtsvorstand Wiener und Secretär Dr. Adler besondere Erwähnung fanden. Dank gebührt auch jenen Kollegen, welche so bedeutende Ersparungen bei den Instituten der Gemeinde herbeigeführt haben, insbesondere dem Damen-Comitch an dessen Spitze Frau Diamant steht; weiters dem Bethausvorstande und der jüdischen Publicistik, soweit sie es sich zur Aufgabe gemacht hat, die Vorfälle in der Gemeinde in seriöser Weise zu lritisiren. Der Präsident schließt mit den Worten, dass sein Mandat als Vorsitzender in drei Tagen ablaufe, und es beschleiche ihn ein wehmüthiges Gefühl, dass er das Ehrenamt fernerhin nicht werde verwalten können, darum bitte er den Vorstand ihm ein freundliches Andenken zu bewahren. Vicepräs. Dr. Stern hofft, dass die letzten Worte des Präsidenten sich nicht bewahrheiten werden und der Vorstand noch viele Jahre mit Verehrung zu seinem Vorsitzenden werde aufblicken können, dessen Pflichteifer, Tüchtigkeit und conciliantes Benehmen allgemeine Anerkennung findet. Bezüglich der Mandatsdauer des

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