Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1900
- Issue
- Heft 1 (1.1.1900)
- Date
- 1900-01-01
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 1. Die Wahrheit Seite 5. sind, die Solidarität zu stören und die Einheit und den Frieden in der Gemeinde zu untergraben. Schließlich beantragt 1)r. Stern, dass dem zu wählenden Eomite keine gebundene Marschroute gegeben werde, uno dasselbe sich neuerdings mit dem Eomitö der Höchstbesteuerten in's Einvernehmen setzen solle. Er ist uberzeugt, wenn man diesen Herren die vorgebrachten Bedenken mittheitte, werde sicher ein Uebereinkommen ermöglicht werden, das Alle befriedigt und zum Wohle der Gemeinde gereicht. Schuldireewr Simon erklärt sich gegen die Bildung von Wahlkörpern, die er nicht für eme conservauve, sondern für eme reaclionäre Einrichtung hält. Es werben die Rechte der Höchflbesteuerten erhöht, aber hiemit gleichzeitig die Rechte des Mittelstandes confiscirt, dessen Steuern ebenfalls erhöht werden. Obwohl er früher ein Anhänger der Fünfgulden-Steuer war, müsse er sich jetzt auf Grund der gewonnenen Erfahrungen gegen dieselbe aussprechen. Wer Lust habe, fl. 5 zu zahlen, der möge sich freiwllllg melden. Auch die Vermehrung des Vorstandes halte er für eine Verminderung. Einige Herren werden alle Geschäfte besorgen und die anderen werden sich zwei bis drei Mal im Jahre gnädigst versammeln dürfen, um zu Allem Ja und Amen zu sagen. 1)r. Spitzer tritt für die Fünfgulden-Steuer ein, ebenso für die Vermehrung der Vorstandsmitglieder, da der Vorstand in seiner bisherigen Zusammensetzung für erfolgreiche Tyattgkell zu groß uno für Repräsentation zu klein sei; aber er warnt entschieden vor Einführung der Wahlkörper. Die Einführung der Wahlkörper widerspricht der Geschichte und dem Geiste des Juoenthums, in welchem immer der Grundsatz galt: rauroll oolloä umisollpat eolloct, und es werde dadurch die Interessenvertretung in die Gemeinde hineingetragen. Wenn schon die Reichen Wahlkörper wünschen, dann möge man der allgemeinen Eurie eine Eurie der Reichen angliedern. Kais. Rath Pollak bekennt sich als Anhänger der Fünfgulden-Männer und verweist darauf, dass in den Vororten durch bas Aushoren der früheren Fünfgulden-Steuer der religiöse Smn geschwunden ist und die Dheilnahme an den gottesdienstlichen Uebungen geringer wurde. Andersens findet er es vollkommen in der Ordnung, wenn man die Wünsche der höchstbesteuerten Mitglieder erfüllt, deren Geld man zur Ordnung der Gemeindefinanzen braucht. Wenn diese Herren der Gemeinde ein Opfer bringen, müssen auch wir es mit der Einführung der Wahlkörper thun. Redner macht schließlich noch einige Borschläge bezüglich der Bildung des Lempelvorstandes ln oen Bezirken, die nicht vom Vorstände ernannt, sondern vom Bezirke selbst gewählt werden sollen. Es möge dies eine Art Bezirksausschuss sein, dessen Obmann eo ipso Mitglied des EultusvorstandeS wird. 1)r. Grünfelo spricht für die Herabsetzung des Eensus und Vermehrung der Vorstandsmitglieder, warnr aber vor der Schaffung öer ^®a^ategorten. Wenn die Höchstbesteuerten hier im Vorstande ihre Vertreter haben wollen, so mögen sie nur eintreten, und Redner werde gerne bereit sein, sein Mandat zu Gunsten eines dieser Männer zurückzulegen. Dr. Sieger fürchtet nicht die Einführung der Wahlkörper und hält es nur für eine schöne Redensart, wenn man von der gestörten Einheit des Judenthums spricht. Auch das lässt ihn gleichgiltig, ob eine derartige Einrichtung bisher im Judenthume bestanden hat oder nicht. Wenn die Creme der Wiener Judenschaft ihre Männer im Vorstande haben wird, werdensie auch das fehlende Geld hergeben und alle Institutionen, und besonders die Wohlthätigkeitsacte werden dadurch gewinnen. Die Einführung der Fünfgulden-Steuer, die in allen Versammlungen verlangt wird, acceptirt er gleichfalls. Salomon R o s n e r wendet sich gegen die Ausführungen des vr. Stern bezüglich der Fünfgulden-Steuer in den-Vororten. Es dürfe auch nicht so dargestellt werden, als ob die schlechte Finanzlage der Gemeinde durch die Uebernahme der Vorortegemeinden herbeigeführt worden sei. Redner erklärt schließlich, dass in den Vororten nicht 500, sondern mindestens 1500 Personen mit Freuden bereit sind, eine Steuer von fünf Gulden zu bezahlen, und dass diese Leute nicht als Proletarier zu betrachten sind, wie die Fünfgulden-Männer im politischen Leben. Emil Horner erklärt die Furcht vor den Wahlkörpern für unbegründet, da der Vorstand keine politische, sondern eine administrative Körperschaft sei. Der Antrag des Präsidenten sei nicht nur aus finanziellen Motiven zu billigen, sondern weil er geeignet ist, die bisherige Indolenz zu brechen. Es ist auch leicht begreiflich, dass Niemand gerne Lasten ohne Rechte übernimmt. Vicepräsident 1)r. Koyn gibt einige interessante statistische Daten. Die Gesammtsumme der Steuereinschützung beträgt £35.000 fl. Davon zahlen 12.728 Steuerträger 207.000 fl. und 1455 Steuerträger 328.000 fl. In der letzteren Gruppe wieder 64 Steuerträger 110.000 fl. und 40 Steuerträger 01.000 fl. Wenn nun diese Männer, die einen so großen Beitrag zum Haushalte der Gemeinde leisten, die Gewissheit haben wollen, in den Vorstand zu gelangen, ohne in den Versammlungen um die Gunst der Wühler zu buhlen, so finde er das begreiflich. Die Einführung des Fünfgulden-Eensus halle er mehr für eine ethtsche Maßregel, die er ebenfalls befürworte. Ritter o. G o l d s ch m i d t findet den allgemeinen Enthusiasmus in der Debatte sehr erfreulich, und ebenso dass einmal der intensive Gedanke zum Ausdruck kommt, es müsse etwas geändert werden. Die Frage der Wahlkörper hält er für nicht so bedeutungsvoll. Er werde gegen dte Wahlkörper stimmen, weil er auch im öffentlichen Leben jederzeit gegen dieselben eingetreten ifl. Der Präsident hat jedenfalls die Sache brillant geführt, aber der Redner sieht nicht ein, warum der Vorstand sofort zu den Wünschen und Anträgen der Höchstbesteuerten Ja sagen soll. Er glaubt auch nicht, dass diese Herren soviel Werth darauf legen, in den Vorstand zu gelangen, als man sich hier einredet. Seine Anschauung geht dahm, dass das vom Präsidenten beantragte Eomitö die ganze Angelegenheit nochmals mit dem Eomiltz der Höchstdesteuerleu veratyen möge und nicht heute schon über principielle Fragen beschlossen werden solle. I)r. Stein erklärt, dass ihn die Einführung der Wahlkörper besonders sympathisch berührt, da in derselben gewissermaßen ein Gegengewicht liegt gegen die souveräne, nicht an ein Gesetz gebundene Steuerbemessung, wie sie bei der Eultussteuer gepflogen wird. Er sieht auch darin eine gewisse Gleichberechtigung, wenn Rechte und Pflichten in Einklang gebracht werden. Kaiserlicher Rath Vogl plaidirt für den Fünfgulden-- Census und äußert sich gegen die Wahlkategorien. Bisher hat Jeder eme Ehre darein gesetzt, von allen Gemeinde-Mitgliedern in den Vorstand gewählt zu werden. Das Verlangen nach Wahlkörpern scheint ihm die goldene Brücke, auf welcher die Herren, da alle;$(l(fc auf sie gerichtet sind, in den Vorstand gelangen soUen- Wenn aber dieser Wunsch aufrichtig ist, werden sie auch ohne Wahlkörper einstimmig gewühlt werden. In seinem Schlussworte weist kaiserlicher Rath Klinger auf die minimale Wahlbetheiligung in früheren Jahren hin, warnt vor Verschiebung der Frage und betont abermals, dass ihm die drei Punkte untrennbar erscheinen. Bei der Abstimmung wird der Antrag des Vice-Piäsidenten Dr. Stern abgelehnt und der Antrag des Präsidenten kaiserlichen Rath Klinger mit 13 gegen 8 Stimmen angenommen. Der Präsident zeichnet hierauf mit einigen markanten Strichen die allgemeine Lage des Judenthums in dem abgelaufenen Jahre, dessen Signatur eine traurige gewesen sei, und lässt dann durch den ersten Secretär kaiserlichen Rath Dr. Lieben nachstehenden Rückblick auf die Thütigkeit des Vorstandes im Jahre 1899 zur Verlesung bringen. Rückblick auf das Jahr 1899. I. Section: Behufs Besetzung der durch das Ableben des Obercantors I. Goldstein freigewordenen Stelle im Leopoldstädter Tempel wurde ein Concurs ausgeschrieben, und finden bereits derzeit Probevorträge der angemeldeten Candidaten statt. — Die durch die Pensionirung des Rabbinats-Affessors Herrn Jacob