Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1899
- Issue
- Heft 39 (21.12.1899)
- Date
- 1899-12-21
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 10 „Wahrheit." Nr. 39. Kleider, Hüte, Pelzkappen, Mützen, Häubchen, Muffs, Pelzkragen, Handschuhe, Fäustlinge, Tricots, Shawls, gestrickte und gehäkelte Jäckchen und Röckchen, Unterröcke und Unterhöschen, Schürzen, Schuhe, Strümpfe und Spielzeug. Der größte Theil dieser Geschenke war vom Vorstande in der opferwilligsten Weise beigestellt worden; die Anstalt erfreute sich aber auch Heuer wie seit vielen Jahren der Gunst zahlreicher Spender, die ihre Wohlthätigkeit immer mehr den jüdischen Anstalten zuwenden. So wollen wir erwähnen, dass Heuer zum ersten Male die Firma Franz May & Sohn 75 schöne Knaben- und Mädchenhüte der Anstalt spendete. An dem Feste nahmen 207 Kinder theil, die auch sämmtlich an diesem Tage beköstigt wurden, während alle eingeschriebenen Kinder, 227 an der Zahl, bescheert wurden. Die Anstalt, die bereits 57 Jahre besteht, ist derzeit unter der pädagogischen Leitung des Directors Max Fischer, die wirthschaftliche Leitung führt dessen Gattin. Außerdem wirken an der Anstalt Professor Rothenstein als Gesangslehrer, 4 Kindergärtnerinnen und eine Wärterin. Die israelitische Kinderbewahranstalt ist mit der unter der Leitung des Directors Albert S. Fischer stehenden Bildungsanstalt für Kindergärtnerinnen verbunden, deren Candidatinnen sich ebenfalls an dem Feste betheiligten. Wien. (Verein zur Hebung der Gewerbe in Wien.) Es hat sich ein Comite aus jungen, tüchtigen Männern, Söhne Wiener Gewerbetreibender nnd Industrieller, gebildet, welches sich geschlossen in den Dienst des „Vereines zur Hebung der Gewerbe" zu stellen erklärt hat, um die wirtschaftlichen, erfolgreichen Bestrebungen, die sich dieser Verein zur Aufgabe gestellt, mitfördern zu helfen. Dieses aus circa 40 Herren bestehende Jungherren-Comitv hat Herrn Heinrich Kantor zu seinem Obmann und Herrn Carl Friedmann zum Obmann- Stellvertreter gewählt. Zur theilweisen Beschaffung von Baarmitteln hat dasselbe ein Vereinsfest für den 11. Februar k. I. in Ronacher's Saal-Localitäten abzuhalten beschlossen, dessen Reinerträgnis dem Gewerbestande zu Gute komme. Als Fest- Obmann fungirt der Vice-Präsident des Vereines, Herr Hermann Beck, als Cassier das Vorstandsmitglied Herr S. Steiner. Der erste Comit6-Abend fand am 25. November im großen Saale des „Kaufmännischen Vereines" statt. Nebst einigen sehr gelungenen Solo-Vorträgen wurde ein Lustspiel „Die Patientin" zur Aufführung gebracht, welches die nach Hunderten zählenden Gäste, aus den besten Kreisen der Bevölkerung bestehend, zu fortgesetztem Beifalle veranlasste. Es war ein herrlicher Abend, dem sodann am 10. d. M. im Hotel „de France" ein zweiter, ebenso animirter und noch zahlreicher besuchter Abend folgte. Die Sympathie, die man dem Vereine bei jeder Gelegenheit entgegenbringt, hat sich auch bei diesen festlichen Anlässen durch die selten große Theilnahme erwiesen. Um das Gelingen der beiden Vorabende des Festes hat sich ganz besonders der bewährte ' Schriftführer des Gewerbevereines Herr Alfred Kisch verdient gemacht. Wie«. Donnerstag, den 28. December, Abends 7 Uhr, findet im Ceremoniensaale des Tempels, IX., Müllnergasse 21, die ordentliche Generalversammlung für das XXXlll. Vereinsjahr des israelitischen Bethausvereines „Chewra Beth Hatfilah" im IX. Bezirke statt. Tagesordnung: 1. Rechenschaftsbericht. 2. Neuwahl von drei Mitgliedern in den Vorstand. Nach Ablauf der dreijährigen Mandatsdauer haben die Herren Commercialrath Siegm. Neustadt!, Josef Quittner und Josef Sucharipa auszutreten. Dieselben sind jedoch wieder wählbar. 3. Neuwahl des Ausschusses. 4. Anträge und Interpellationen. Wie«. (Spinoza und die modernen Denker Deutschlands.) Ueber dieses Thema sprach Professor Dr. I. F r e u d e n t h a l von der Breslauer Universität, früher Lehrer am dortigen Fränkel'schen Rabbiner-Seminar, auf Veranlassung des „Vereines zur Conservirung jüdischer Alterthümer" im großen Saale des Niederöftcrr. Gewerbevereines, vor einem äußerst distinguirten Auditorium, welches der Obmann des Vereines, Herr Baurath S t i a ß n y, herzlich begrüßte. Es erschienen zu Ehren des illustren Gastes dessen ehemaliger College Oberrabiner vr. G ü d em a n n, Rector Dr. Schwär z, die Professoren D. H. Mülle r, Prof. Laurenz M ü l l n e r, I o d l, Politzer, Rev. Hechler, Rabbiner Dr. Bach, Director Hell er, Prediger Löw y, Baron Alb. Rothschild, Adolf v. Sonnenthal, die Herren Vicepräsidenten der Cultusgemeinde Dr. Alfred Stern und JDr. Guft. K o h n, kais. Rath Dr. Liebe n, Hofrath K a r e i s, Bergrath S i l b e r st e i n, Baurath v. Goldschmid t, Schriftführer Em. Baum garten, Oberbaurath T a u s s i g, die Gemeinderäthe H e l b i g, M a y e r nnd M ü l l e r, die Maler H o r o w i tz und K a u f m a n n, Obercantor Singer, I. Cantor Blatt, Obercantor Schorr rc. Nach der biographischen Einleitung, in welcher der Vortragende die Zeitverhältnisse um 1632 in Kürze skizzirte, um so das Vorgehen der Amsterdamer und Haager Judengemeinde gegen Acosta und Spinoza erklärlich nnd begreiflich zu machen, ging er zur Charakteristik der spinozistischen Philosophie über, welche bestimmt und berufen war, alle folgenden Gedanken-Systeme über Gott und Welt zu beleuchten. Außer den deutschen Philosophen folgte auch Goethe seinen Fußstapfen. In Gutzkow's „Urtel Acosta" ist in der Rolle des jungen Benedictus Spinoza dessen künftiger weltumfassender Gedankengang embryonisch, quasi in niice, angedeutet. Fast sämmtliche Nachfolger müssen Stellung nehmen zu diesem großen Denker und Stolz unseres Volkes, der Anfangs verfolgt und verketzert, gleichwohl dem Judenthnme nicht den Rücken kehrte. Obwohl er sich von den rigorosen Satzungen emancipirte, ganz unabhängig ein bescheidenes Dasein von Brillenschleifen fristend, sich selbstständig behauptete und sogar eine Professur in Heidelberg refüsirte. Am hellsten leuchtet seine Ethik, die auch von Auerbach ans dem Lateinischen übersetzt wurde. Redner resumirt die Gründe, warum wir den Pantheismus nicht acceptiren, eine persönliche Vorsehung mit Zweckdienlicherem Plane zu statuiren, die Empirie auf wissenschaftlichem Gebiete vorziehen, den Machtbegriff auf dem Rechte basiren müssen, immerhin gilt von „Baruch" Spinoza das Mort des Patriarchen: „Er sei und bleibe gesegnet!" Wien. (Gesellschaft, für Sammlung und Conservirung von Knust- und historischen Denkmälern des Judenthums.) Donnerstag, den 21. d. M., Uhr Abends, findet im Festsaale des Niederösterr. Gewerbevereines, I., Eschenbachgasse 11, die dritte ordentliche Generalversammlung mit nachfolgender Tagesordnung statt: 1. Begrüßung der General-Versammlung durch den Präsidenten Herrn Baurath Stiaßny. 2. Bericht über die Thätigkeit des Curatoriums für das Vereinsjahr 1898, erstattet von dem Schriftführer Herrn Architekten Fleischer. 3. Bericht über die Cassagebahrung, erstattet von dem Cassaverwalter Herrn Baurath Ritter von G o l d s ch m i d t. 4. Bericht der Revisoren. 5. Wahl von drei Revisoren für das Jahr 1900. 6. Beschlussfassung über eventuelle Anträge von Mitgliedern. Im Anschlüsse an die General-Versammlung: Vortrag des Herrn k. k. Universitäts-Professors Dr. David Heinrich Müller: „Professor David Kaufmann. Ein Nachruf." Die weiteren von der Gesellschaft zunächst in Aussicht genommenen Veranstaltungen sind: Dienstag, den 9. Jänner 1900 im Festsaale des Niederösterr. Gewerbevereines I., Eschenbachgasse 11: Vortrag der Herrn Universitäts-Docenten Dr. Josef Grünfeld: „Die Geschichte des jüdischen Spitals in Wien und dessen Wandlungen feit dem Mittelalter." Samstag, den 20. Jänner 1900, im kleinen Musikvereins-Saale: Aufführung ausgewählter Compositionen weil. Professor Salomon Sulzer's. Das Programm, welches Präludien für die Orgel, dann Synagogal-Gesänge für Solostimmen, für Chor und Orgelbegleitung enthält, wird rechtzeitig bekanntgegeben werden. Endlich wird im Anschlüsse an die vorhergegangene musikalische Aufführung ttnd an einem noch zu bestimmenden Tage Herr Rabbiner Dr. Aron Tänzer aus Hohenems einen Vortrag: „Aus Sulzer's Heimat" halten. Karten zu jeder dieser Veranstaltungen können schon jetzt durch schriftliche Anmeldung an das Bureau der Gesellschaft vorgemerkt werden. Die mündliche Anmeldung für Mitglieder und Gäste der Gesellschaft nnd die Behebung der Karten beginnt acht Tage und