Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1899
- Issue
- Heft 39 (21.12.1899)
- Date
- 1899-12-21
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3062972-3062973-3063012--00560-3067077- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 8. Nr. 39. Die Wahrheit. angewiesen; während bei dem jetzigen Kampfe Alles, vom Höchsten bis zum Niedrigsten, von der größten Einigkeit erfüllt ist, herrschte seinerzeit im jüdischen Volke die größte Zerfahrenheit. Gar viele in Israel hielten es mit dem Feinde, warfen über Bord die heiligen Gesetze, Sitten und Gebräuche des Judenthums, dessen gehaltvollen Kern sie nicht verstanden, und ahmten die Sitten des äußerlich glänzenden, aber innerlich hohlen und morschen Heidenthums nach. Nur eine ganz geringe Schaar unter Anführung des heldenmüthigen Juda Makkabi wagte es, den Kampf aufzunehmen gegen das vielfach überlegene Heer des Antiochus, und hatte einen Sieg erfochten, wie er einzig in der Weltgeschichte dasteht. Erfüllt hatte sich des Propheten Wort: „Nicht durch Kraft und nickt durch Heeresmacht, sondern durch den Gottesgeist soll Israel siegen." Syriens mächtiger König musste einsehen, dass Israel nicht vernichtet werden könne, dass Israel unsterblich ist, weil Israel mit El, weil der Gotteskämpfer mit Gott selbst eine unzertrennliche Einheit bildet. Dieser Kampf Juda Makkabi's mit dem Weltreiche des Antiochus ist ein Vorbild für Israels spätere Geschichte. In der Hapthara zum Sabbath Chanukah hören wir, dass der Hohepriester angeklagt wird: ^eliasoton orneä al jemino lesitno, und der Satan, der Ankläger, steht zu seiner Rechten, um den Hohepriester anzufeinden und zu verleumden. Ganz Israel aber sollte der Hohepriester sein, dem der Beruf zutheil geworden, für den Glauben an den Einig-einzigen Gott zu kämpfen nnd diesen Glauben der ganzen Welt zu schenken. Welcher Lohn aber ward Israel zu Theil? Weliasoton onied al jemino lesitno, eine ganze Welt von Anklägern erhob sich, um den kleinen jüdischen Volsstamm zu verleumden und zu vernichten. Mehr denn achtzehn Jahrhunderte wüthete gegen Israel das Feuer des Hasses und der Verfolgung, und diesem Feuer fielen Millionen unserer Vorfahren zum Opfer. Vor einem halben Jahrhunderte endlich schien Wahrheit werden zu wollen das Wort, dass Israel, noch ein brennend Scheit, aus dem Feuerbrande gerettet werde. Die Sonne der Freiheit und Menschlichkeit schien auch für Israel aufzugehen; doch schon jetzt, nach fünf Jahrzehnten, greift man wieder zum alten, grausamen Losungsworte: „leehu, wenakchidem inigoj“. „Auf, lasset uns Israel vernichten, dass seines Namens nimmer gedacht werde." Man scheut nicht, um diesen Vernichtungskampf zu führen, vor den niedrigsten und verwerflichsten Mitteln zurück, man wagt es, gegen unsere Religion jene nichtswürdige Beschuldigung unter die Massen zu schleudern, welche als das schwerste Verbrechen bezeichnet werden muss, das an unserer Religion begangen werden kann. Und was das Traurigste ist: Kein Vertreter der Religion der Liebe hat sich gefunden, um jene Beschuldigung als das zu brandmarken, was sie ist, als eine verbrecherische Lüge und Verleumdung. Und selbst von den vielen hunderten Volksvertretern forderten nur zwei, die nicht unserem Glauben angehören, dass das Strafgesetz auch dann angewendet werde, wenn es sich um Angriffe auf die Bekenner der Judenthums handle. Wahrlich, der Genius der Menschlichkeit und Nächstenliebe muss weinend sein Haupt verhüllen, wenn ein Mann, der den Mnth hat, offen gegen Lüge und Verleumdung aufzutreten, verhöhnt und verspottet wird von Jünglingen, welche man zur Blüthe der Intelligenz zählt. Welche Lehre wir daraus ziehen sollend Wir wollen trotz mancher Zurücksetzung treue Bürger des Staates sein, und alle unsere Kräfte dem Wohle desselben widmen, zu gleicher Zeit aber muss es unsere heilige Pflicht bleiben, den jüdischen Namen mit Stolz und freudigem Bewusstsein zu führen; denn „ehrlos das Geschlecht, dass seiner Väter sich schämt." Halten wir aber daran fest, dass ein „am adonaj“, ein Volk im religiösen Sinne, ein Gottesvolk ist, das zum höchsten Ziele hat die Verehrung des Einig-einzigen Gottes, halten wir fest an den Gesetzen der Gerechtigkeit und Nächstenliebe, .pflegen wir aber auch unsere religiösen Gebräuche und Satzungen, so wird dann keine Macht der Erde Israel zu vernichten im Stande sein. Aber auch die Hoffnung darf uns nicht verlassen, dass denn doch das Licht der Menschlichkeit und Gerechtigkeit siegen muss über die Finsternis des Hasses, der Rohheit, Tücke und Verleumdung. In dem so sehr verkannten, weil nicht gekannten Talmud herrscht eine Meinungsverschiedenheit darüber, ob man am ersten Tage des Chanukahfeftes acht, und an jedem folgenden ein Licht weniger, oder ob man am ersten Tage nur ein Licht und an jedem folgenden Tage eines mehr anzünden solle. Mit Recht wurde jene Anschauung zum Gesetze erhoben, dass am ersten Tage nur ein Licht nnd an jedem folgenden Tage immer mehr Lichter anzuzünden seien. Auch darin wollen wir ein Symbol sehen, dass das Licht der Menschlichkeit und Nächstenliebe nicht auf einmal, sondern erst nach vielen Kämpfen und Ringen die Menschen erleuchten wird. Geben wir diese Hoffnung nicht auf, bleiben wir ein „am adonoj“, ein „Gottesvolkdas nie zu hoffen aufhören darf, und Israel wird unsterblich bleiben, wie die Hoffnung selbst unsterblich ist. Sprüche von Morh Lararns. Eine sinnige Gabe hat Nahida Ruth Lazarus ihrem Gatten zu seinem fünfzigjährigen Doctor-Jubiläum überreicht: es sind über 800 Aphorismen aus den Werken des Philosophen, die in einem vornehm ausgestatteten Bändchen gesammelt, uns vorliegen. Sind die Sprüche auch naturgemäß an Werth verschieden, so spiegeln sie doch die geistige Eigenart des Jubilars auf's Glücklichste. Wir geben aus der Sammlung die nachstehenden Proben: Um unsere Freiheit zu fühlen, müssen wir uns unserer Unfreiheit erinnern. * Der niedrigste Trieb ist der Racen- oder Stammeshass; der niedrigste, weil er der thierische ist, der unter den Thierarten entbrennt, aus keinem anderen Grunde, als wegen ihrer Verschiedenheit. * Humor ist die Religion des Geistes. * Man kann der Sitte, nie aber der Sittlichkeit untreu werden, wenn man sie im Charakter erfasst hat. * Es führt zum Verfall einer Religion, wenn ein großer Theil ihrer Bekenner Sätze nicht mehr befolgen, in ihrem Herzen nicht mehr anerkennen, und dennoch als Gesetze bestehen lassen. * Ziel und Zweck des Lebens muss einen Inhalt gewinnen, der über die bloßen Familienbedürfnisse hinausgeht. * Nur durch die Pforte der Menschlichkeit kann mau zur Göttlichkeit gelangen. * Das Ideal entbehren, heißt auf den Werth des Lebens und der Geschichte verzichten. ' (Fortsetzung folgt.)