Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1899
- Issue
- Heft 39 (21.12.1899)
- Date
- 1899-12-21
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 39. Die Wahrheit. «Seite 7. Stunden wöchentlichen Unterricht mit 80 Schülern das nöthige Pensum zu absolviren, sah man sich zu einer Theilung der Classen, respective Erhöhung der Stunden von zwei auf vier genöthigt, deren Kosten' die Cultusgemeinde zur Hälfte trägt. Das Ministerium hat wohl auf den Recurs der Gemeinde die Bestreitung der dritten Religionsstunde aus dem Religionsfonde genehmigt, jedoch die vierte Stunde zahlt die Cultusgemeinde. Für das Entgegenkommen des Ministeriums rächte sich der Stadtrath durch die Verfügung, dass die Cultusgemeinde für Reinigung. Beleuchtung und Heizung des SchullocaleS aufzukommen habe, was wohl gesetzlich begründet ist, aber unter dem früheren Regime nicht gefordert wurde. Di-. Spitze r bespricht mannigfache Schäden des Religionsunterrichtes, die hauptsächlich in der geringen Anzahl der Lehrstunden begründet sind, plaidirt weiters für Vermehrung und Reorganisation der Bibelschulen, sowie für Errichtung von Lehrstätten, wo auch die erwachsenen Gemeindemitglieder ihr Wissen an jüdischer Literatur und Geschichte bereichern können. An der weiteren Debatte betheiligen sich Schuldirector Simon, Docent Dr. Grünfeld und Dr. Steiner, der mit warmen Worten für die Religionslehrer eintritt und den Religions-Unterricht in der Wiener Cultusgemeinde als einen der besten in Deutschland bezeichnet. In der hierauf folgenden Abstimmung wird das Budget der zweiten Section bewilligt. lieber das Präliminare der dritten Section entspann sich eine überaus lebhafte Debatte, die von den Herren Salo Cohn, Dr. Berger, Dr. Grünfeld und Dr. Steiner geführt wurde. Gegenstand derselben war die von einem Theile des Vorstandes beantragte Auflassung des Armenamtes, resp. Vereinigung desselben mit der Armen-Anstalt. Die Majorität neigte dieser Anschauung zu und brachte dieselbe dadurch zum Ausdrucke, dass sie einen vom Obmanne der dritten Section schriftlich eingebrachien Antrag, den Gehalt für die derzeit unbesetzte Stelle des Leiters des Armenamtes in's Präliminare einzustellen, ablehnte. Den ausführlichen Bericht über diese eminent wichtige Frage veröffentlichen wir in nächster Nummer, ebenso den Bericht über die Verhandlung der Präliminarien der vierten und fünften Section, die vom Vorstande fast ohne Debatte genehmigt wurden. Nach Annahme des gesammten Voranschlages ergriff kais. Rath Hirsch das Wort zu folgendem Generalbericht: ~3)er Voranschlag des Jahres 1900 schließt mit einem Fehlbeträge von K. 721.827, gleich ö. W. fl. 360.913. In diesem Betrage sind inbegriffen fl. 100.000 muthmaßliches Deficit der vorhergehenden Jahre, fl. 70.000 der zum Baue des Siechenhauses über die Gesammtsumme der eingelaufenen Spenden erforderliche Ergänzungsbetrag, fl. 60.000 für den Ergänzungsbau des Spitals, fl. 20.000 für den theilweise vermehrten Betrieb des Siechenhauses und des erweiterten Spitals, zusammen fl. 250.000. Nach Abzug dieser fl. 250.000 von dem Gesammt- Fehlbetrage des vorliegenden Budgets verbleibt ein normaler Mehrbedarf von fl. 110.913. Was diese letztere Post per fl. 110.913 anlangt, so muss und wird dieselbe durch die Steuererhöhung ihre Bedeckung finden. In dem diesjährigen Budget sind die Steuereingänge nur mit der Summe des Vorjahres, das ist mit fl. 355.000 angesetzt; ich rechne jedoch darauf, dass die durch die Steuererhöhung zu gewärtigenden Mehreingänge nicht blos das normale Mehrerfordernis per fl. 110.913 voll bedecken, sondern auch die Tilgung eines, wenngleich geringen Theiles des obermähnten Schuldbetrages per fl. 250.000 ermöglichen werde. Der Rest dieser fl. 250.000 wird dann als schwebende Schuld fortzuführen sein. Wir müssen weiters daran denken, dass die im diesjährigen Budget enthaltene Ausgabspost per fl. 20.000 für den theilweise vermehrten Betrieb des Siechenhauses und des Spitals nur für das Jahr 1900 ausreichen wird. In den nächsten beiden Jahren des Steuer-Trienniums, also 1901 und 1902, wird dagegen dieser Betrieb einen weitaus höheren, voraussichtlich den dreifachen Betrag erfordern. Angesichts dieses mit Sicherheit eintretenden Mehrbedarfs und des gegenwärtig bereis bestehenden Deficites, muss es mit aller Deutlichkeit und Bestimmtheit ausgesprochen werden, dass den derzeit bestehenden Bedürfnissen der Gemeinde, in welchem Titel immer, neue nicht hinzugefügt werden dürfen. Unser Augenmerk muss darauf gerichtet sein, schon jetzt, wo nur immer möglich, namhafte Ersparungen im Nahmen dieses Budgets zu erzielen, um eine Reserve zur Deckung der in den beiden nächstfolgenden Jahren mehr erforderlichen fl. 30.000 oder fl. 40.000 dem Spital- und Siechenhausbetrieb zu schaffen. An eine weitere Anziehung der Steuerschraube ist nicht zu denken, da die erhöhte Steuerlast einerseits den Einzelnen hart bedrückt und andererseits die Privat-Wohlthätigkeits-Jnstitute und Vereine, an deren Gedeihen die Gemeinde selbstverständlich das wärmste Interesse hat, bekanntlich schwer schädigt. Die sonstigen Einnahmen der Gemeinde zu erhöhen, erblicke ich keine Möglichkeit. Für ein Decennium hinaus müssen wir uns des Gedankens entschlagen, größere Mittel erfordernde Institutionen in's Leben zu rufen, auch wenn diese noch so wichtig oder nothwendig wären. Nur beharrliche, größte Oekonomie in allen Verwaltungszweigen der Gemeinde kann bewirken, dass wir erstens mit unseren Einnahmen das Auskommen finden und zweitens die schwebende Schuld von fl. 250.000 durch jährliche Amortisationen nach und nach abstoßen. Es gilt, das Bestehende mit den vorhandenen Mitteln zu verwalten. Von Steuerungen, welche weitere Anforderungen an unsere finanziellen Kräfte stellen, denen wir doch unmöglich gewachsen wären, müssen wir uns — insolange diese Verhältnisse andauern — fernhalten. Jeder Versuch vor Gesundung unseres Budgets, neue kostspielige Institutionen zu gründen, müsste unausweichlich zum Debacle führen. Wir sind uns der cultuellen Pflichten, deren Erfüllung uns als den Vertretern der ersten und größten Cultusgemeinde unseres Vaterlandes obliegt, wohl bewusst, und wir werden nicht zögern, uns im geeigneten Zeitpunkte voll und ganz in deren Dienst zu stellen. Vor allem Anderen aber muss Ordnung in finanzieller Richtung geschaffen werden. Naturgemäß und unabwendbar wohnt einem großen Körper, wie es unsere Gemeinde ist, die Tendenz nach unansgesetzter Erweiterung seiner natürlichen Bedürfnisse inne. Den Calamitäten, welche aus dem Missverhältnisse der stets wachsenden Ausgaben und der einer weiteren Erhöhung unfähigen Einnahmen sich nothgedrungen ergeben müssen, können wir nur Vorbeugen, wenn wir schon jetzt im Rahmen des vor uns liegenden Voranschlages soweit irgend möglich Ersparungen einführen. Diese Ersparungen werden uns in den folgenden Jahren sehr gut zustatten kommen, und darum schließe ich meinen Bericht mit dem neuerlichen eindringlichen Appell, bei allen unseren Verwaltungsmaßnahmen Mäßigung und Sparsamkeit walten zu lassen." Ueber Antrag des Vorsitzenden wird der Bericht zur Kenntnis genommen und dem Referenten der Dank des Vorstandes für seine Mühewaltung votirt. Der Präsident enuncirt, dass der Voranschlag laut Paragraph 36 der Statuten durch vierzehn Tage zur Einsicht für die Gemeindemitglieder öffentlich aufliegen werde, und vertagt hierauf um halb 10 Uhr Abends die öffentliche Sitzung auf Mittwoch den 27. d. M._ Buren und Makkabäer. Ein Epilog zum Chanukahfeste. Bon vr. Adolf Biach in Brüx. Seit vielen Wochen ist der Blick der ganzen Welt auf jenen kleinen Bolksstamm gerichtet, der mit einer großen Weltmacht den Kampf ausgenommen und bisher siegreich bestanden hat. Da verlohnt es sich wohl, dass auch wir Israeliten auf den Kampf zurückblicken, den der kleine jüdische Volksstamm vor zwei Jahrtausenden mit dem großen und mächtigen Reiche des Antiochus Epiphanes geführt hat. Ungleich schwieliger war der Kamps des kleinen jüdischen Volksstammes. Während jetzt die Sympathien der ganzen Welt jenen kleinen Volksstamm begleiten und ihn zum muthigen Kampfe anfeuern, war der kleine jüdische Bolksstamm auf sich allein