Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1899
- Issue
- Heft 39 (21.12.1899)
- Date
- 1899-12-21
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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- journal issue
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Seite 6. Die Wahrheit. Nr. 39. hat, die ihre Anhänger wie Marionetten behandeln. Im Gegentheil, wir behaupten, dass Männer, die es mit den übernommenen Pflichten ehrlich meinen und von uns auf's Thatkräftigste unterstützt werden, selbst dann für ihren Wirkungskreis sich interessiren werden, wenn sie auch zuweilen ihren Willen den Wünschen ihrer Mitbürger unterordnen müssen. Hand in Hand mit einer Gegenagitation, wie wir sie bereits proponirten, muss für die innere Kräftigung des Judenthums Sorge getragen werden. Unsere Jugend muss von dem Werthe der Religion überzeugt werden, die Schule muss auch in religiöser Beziehung ihre Aufgabe voll und ganz erfassen und das Haus die religiöse Erziehung ergänzen. Dies wäre auch ein Feld, auf welchem der „Oesterreichischisraelitische Bund" eine besonders segensreiche Thätigkeit entfalten könnte. Eine derartige Saat würde üppig in die Halme schießen, die Heranwachsende Generation würde vor ihrer Abstammung nicht erröthen, sondern warm für das Judenthum eintreten, und dann könnten wir auch hoffen, dass uns die gebührende geachtete Stellung zu Theil werden wird. Der Vom» schlag der Wiener Cnltnsgemeiude pro I960. Aus der öffentlichen Plenarsitzung des Cultus-Vorstandes vom 20. December 1899, unter dem Vorsitze des Präsidenten kaiserlichen Rath Heinrich Klinger. (Beginn 6 Uhr Abends.) Tages-Ordnung: 1. Präsidialbericht. 2. Bericht des Collegiums: a) Voranschlag der Einnahmen und Ausgaben der Cultusgemeinde pro 1900 (§ 96 des Statuts); b) Anträge wegen Abänderungen einiger Bestimmungen des Statuts (§§ 16 lit. f. und 108). Im Präsidialberichte macht der Präsident zunächst Mitcheilung von einer Widmung des verstorbenen Gemeindemitgliedes, des Herrn Adolf Stern, Chef der Firma H. Stern & Sohn, welcher testamentarisch fl. 30.000 für Stiftungen und fl. 10.000 zur Vertheilung an Vereine bestimmt hat. Da die Erben um die Zustimmung des Vorstandes zur Art der Verwendung der fl. 10.000 binnen kürzester Zeit angesncht haben, beantragt der Präsident, dass die V. Section mit dem Vertreter-Colleginm ohne Vorlage an das Plenum die Zustimmung ertheile. Der Antrag wird einstimmig genehmigt und zugleich auf Anregung des Präsidenten dem ehrenden Andenken für den Testator protokollarisch Ausdruck verliehen. Der Präsident Heilt weiters mit, dass Herr Jacob Brand eis, der durch nahezu 50 Jahre als Cultusvorsteher und nachher als Präsident des Bethausvorstandes, in hervorragender Weise zum Wohle der Gemeinde gewirkt hat, in einer Zuschrift an den Bethausvorstand den Entschluss kundgibt, wegen vorgerückten Alters sein Ehrenamt niederzulegen. Mit Rücksicht auf die hingebungsvolle Amtswirksamkeit dieses Mannes beantragt der Bethausoorstand, denselben zum Ehrenpräsidenten des Bethausvorstandes zu ernennen, und ersucht um diesbezügliche Zustimmung seitens des Cultusvorstandes. (Der Antrag wird einstimmig angenommen.) Hierauf gelangt der 1. Punkt der Tages-Ordnung zur Behandlung. Nach einer einleitenden Bemerkung des Präsidenten, dass in Folge der bis in die letzten Tage währenden Berachungen der Steuereinschätzungs-Commisstonen die Fertigstellung des Voranschlages pro 1900 eine Verzögerung, erfahren habe. erhält der Obmann der Finanz-Section, kaiserlicher Rath Moriz Hirsch, das Wort zur Erstattung seines Referates. Kaiserlicher Rath Hirsch weist darauf hin, dass für das Jahr 1900 die Einnahmen der Cultusgemeinde mit 1,644.390 Kronen und 42 Heller, die Ausgaben mit 2,366.217 Kronen und 60 Heller präliminirt sind, so dass sich ein Zuschuss von 721.827 Kronen und 18 Heller als nöthig erweist. Ueber Beschluss des Vorstandes mit allen gegen drei Stimmen wird wegen vorgerückter Zeit von einer Generaldebatte Umgang genommen, und sofort in die Specialdebatte über die Voranschläge der einzelnen Sectionen eingegangen. Nach den Darlegungen des Referenten benöthigte die erste Section im Jahre 1899 einen Zuschuss von fl. 109.061'50, und für das Jahr 1900 ist ein Zuschuss von fl. 101.915*50 präliminirt. Scheinbar eine Verminderung, thatsächlich aber nicht, da im vorigen Jahre diverse außerordentliche Ausgaben, wie Adaptirungen der Bethäuser eingestellt waren, die Heuer entfielen. Bezirksschulrath Dr. Spitz er bedauert den Wegfall der Generaldebatte, da diese die einzige Gelegenheit sei, um über den Haushalt der Cultusgemeinde zu sprechen. Redner sieht sich darum veranlasst, an das präliminirte Budget der einzelnen Sectionen seine Bemerkungen zu knüpfen. Die erste Section erscheint ihm die wichtigste, da heute außer der Schule das Bethaus die einzige , Zufluchtsstätte für das Judenthum sei. Das Bestreben des Vor- , standes müsse darauf gerichtet sein, den Gottesdienst in der / Gemeinde auf jener Höhe zu erhalten, auf welche er von Mann- / heimer und Sulzer gestellt wurde. Der mustergiltigen Schöpfung dieser beiden Männer ist es zu danken, dass in unserer Gemeinde der Ruf nach einer Reform des Gottesdienstes durch Orgel und Damenchor nicht erklungen ist. Im Weiteren bespricht der Redner die Calamität der provisorischen Andachtsstätten für die hohen Feiertage und wünscht, dass dieselben durch Subventionirung der ständigen Bethäuser möglichst beschränkt werden. Mit der Koscherfleischfrage sei es in der Gemeinde schlecht bestellt. Es müssen soviel Koscher - Fleischbänke errichtet werden als nöthig sind, um die Anforderungen des Publicums zu befriedigen. Zum Schluffe betont Dr. Spitzer die Nothwendigkeit der Erbauurg einer Mikmah und die baldigste Completirung des Rabbinats- Collegiums. Der Präsident bemerkt, dass auf die Anregungen > Dr. Spitzer's in dem vorliegenden Budget bereits Rücksicht / genommen wurde. , Oberfinanzrath Dr. R a p p a p o r t beanständet die Einstellung eines Postens, der laut Beschluss des Vorstandes gestrichen wurde, und wendet sich gegen die Aufstellung von Reserven in den einzelnen Sectionen, die alle in einer Generalreserve zusammengefasst werden sollen. Die hierüber entstehende Debatte, an welcher sich Landesschulrath Vicepräsident Dr. K o h n, Dr. Steiner, Ober- Ingenieur v. Mises und Dr. Sieger betheiligen, endete mit der Ablehnung der von Dr. R a p p a p o r t und v. Mises gestellten Anträge, und wird hierauf der Voranschlag der I. Section mit Ausnahme einer von Dr. R a p p a p o r t beanständeten Post per fl. 150 genehmigt. Die II. Section bedurfte im Jahre 1899 einen Zuschuss von fl. 86.867, für das Jahr 1900 ist ein Zuschuss von fl. 101.370 präliminirt. Nach den Darlegungen des Finanz- Referenten ist die Erhöhung bedingt durch größere Auslagen für den Religionsunterricht, Gehaltserhöhungen der Religionslehrer durch Vorrücken einzelner Lehrkräfte in höhere Gehaltsstufen, die Auslagen für die Einführung des neuen Religionslehrbuches, durch Einstellung einer Post von fl. 2000 für den Religionslehrercnrs am Rabbiner-Seminar rc. Vicepräsident Dr. Kohn erörtert die Ursachen der höheren Ausgaben für den Religionsunterricht. Unter Anderem verweist er darauf, dass der gegenwärtige antisemitische Stadtrath und der . Bezirksschulrath die gesetzliche Bestimmung bezüglich der Schülerzahl von 80 für je eine Classe auch auf den Religionsunterricht ausgebest wissen wollen. Da es aber nicht möglich ist, bei zwei I