Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1899
- Issue
- Heft 39 (21.12.1899)
- Date
- 1899-12-21
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 39 Die Wahrheit. trotz offenkundiger Lügen immer neue Erfolge zu erringen. Die Massen folgen den Führern aus beit Wink, gleichviel ob christlichsocial oder deutschnational, und die Führer werden geradezu vergöttert. Wir können uns wohl für eine derartige Führerschaft, welche die Parteigenossen nur als Marionetten behandelt, nicht begeistern, aber wenn wir inunsereeigenenReihenblicken, begegnen wir einer großen Zerfahrenheit und so großer Indolenz, die aller Beschreibung spottet. Diese Verhältnisse haben es auch verschuldet, dass ehrenhafte Männer, die ehrlicb bemüht waren, für das Wohl ihrer Glaubensbrüder einzutreten und deren Rechte zu wahren, sich verstimmt vom Schauplatz ihres Wirkens zurückzogen. Dank der geringen Unterstützung unserer capitalskräftigen Glaubensbrüder, die für eine Laune oder ein Ordensbändchen bereit sind, ein Vermögen zu opfern, aber für jüdische Interessen kein Geld haben. Leider sieht es in vielen jüdischen Gemeinden recht trostlos ans. Statt thatkräftige, unerschrockene Männer zu Führern zu wählen und sie mit allen Mitteln zu unterstützen, tanzen sehr viele unserer Glaubensgenossen um das goldene Kalb und stellen Männer an die Spitze der Gemeinden, die sich vielleicht um die Industrie Verdienste erworben haben und dadurch zu Namen und Vermögen gelangt sind, denen aber das Judenthum so gleichgiltig ist, dass sie es fast als eine Last betrachten, demselben anzugehören. Die Jnstittttionen einer derartigen Gemeinde sehen aber auch dementsprechend aus. In allen religiösen und cultuetteii Angelegenheiten herrscht der crasseste Jndifferentismus, und was das Gefährlichste ist, es wächst eine Generation heran, die für das Judenthum verloren ist. Da können wir uns der Mahnung nicht enthalten: Lernen wir von unseren Feinden, organisiren und consolidiren wir uns! Nicht um des antisemitischen Schreckgespenstes, sondern um unser selbst willen! Der Antisemitismus ist nicht so sehr judengefährlich als gemeingefährlich. Gegen den wird, früher oder später, ob seiner Gemeingefährlichkeit die Regierung einschreiten müssen. Eine Bewegung, die auf Lug und Trug aufgebaut ist, kann auf die Dauer einem Volke von so ruhmvoller Vergangenheit nicht ernstlichen Schaden zufügen. Einem Volke, das der Welt die Idee der wahren Gotteserkenntnis gegeben, und zu Folge der geistigen Spannkraft, die ihm seine religiöse Lehre verleiht, die mächtigstell Reiche überdauert hat. Aber der momentanen Gefahren gibt es gar viele, und als solche erscheint der Antisemitismus im Dienste der nationalen Hetze, wie er gegenrvärtig von den Czechen prakticirt wird. Ob die Juden in den slavischen Ländern sich der nationalen Bewegung entgegensetzen, ob die Dentschen in den noch heute in deutschen Händen befindlichen Städten ihre Erfolge den Juden zu verdanken haben, lvollen wir unerörtert lassen, weil es dem Zwecke dieser Zeilen nicht entspricht und den Rahmen unserer Betrachtung überschreiten würde. Thaisache ist, dass trotz der terroristischen nationalen Agitation gegen die Juden, weil diese, wie behauptet wird, dem Deutschthume anhängen, das gute Einvernehmen zwischen Juden und Christen in Mähren nicht gestört werden konnte. Nach Aufhebung der Sprachenverordnungen brauchten aber die Czechen zu ihren Protestversammlungen die obligaten Ausschreitungen. Da nun der Mähre zu Folge seiner Kaisertreue eine gewisse Scheu empfindet, gegen die Behörden sich aufzulehnen, giucir mit der nationalen Agitation nichts auszurichten, und man Wusste zu einem anderen Mittel seine Zuflucht nehmen; es Seite 5. musste gegen die Juden als solche imt> gegen die Juden allein gehetzt werden. Die willkommenste Handhabe hiefür bot sich in der Ausbeutung der Polnaer Affaire, die in jeder Versammlung und in jedem Blatte auf's Abscheulichste breitgetreten wurde und, wie der Verlauf lehrte, auch ihren Zweck erfüllte. Mögen die czechischen Abgeordneten noch so sehr behaupten, dass die Ausschreitungen in Mähren nur auf die indifferente Haltung der Juden gegenüber der nationalen Bewegung zurückzuführen sei, die Thatsachen strafen sie Lügen. Obgleich aber die slavische Bevölkerung sehr stark verhetzt ist, können wir immer noch hoffen, dass die bessere Einsicht, der gesunde Sinn der Bevölkerung endlich zum Durchbruche gelangen wird. Dies herbeizuführen, soll zunächst unsere Aufgabe sein. Dass wir aber im Wege von Resolutionen, Protesten und Petitionen das erreichen könnten, ist nicht wahrscheinlich, zumal sich die Regierung höchst zurückhaltend benimmt und uns auf unsere eigene Kraft verweist. Man könnte fast die Haltung der Regierung als Mahnung an unsere eigenen Fehler, die vergangenen wie die gegenwärtigen, auffaffen, und unter diesen Fehlern war einer der gröbsten, die Religion aus der Schule zu bannen, dem Religionsunterricht den letzten Platz einzuräumen und auch jetzt noch auf dem Standpunkte der confessionslosen Schule zu beharren. Die confessionslose Schule hat den Jndifferentismus in Glanbenssachen gezüchtet und dem Materialismus Thür und Thorgeöffnet. Wir glauben der Nothwendigkeit enthoben zu sein, den Beweis zu erbringen, dass sie das nicht hielt, was man sich von ihr versprach. Das Zusammenleben von Kindern verschiedener Confession hat die trennenden Schranken nicht nur nicht beseitigt, sondern dieselben noch höher gezogen. Dabei haben wir aber den größten Schaden erlitten. Eine Generation wuchs heran, auf die das Bibelwort anzuwenden ist: „wajokom meleeh ehoclosch al Mizvajim aseher lau joda es Jaussef-*, und anstatt „kol jisroel achehem“, steht jetzt selbst der Juden dem Juden fremd gegenüber, und Einer will den Anderen nicht kennen. Wir sind gewiss keine Lobredner der alten Zeit. Wer kennt aber nicht die alten Achtundvierziger und überhaupt die Männer, die der confessionellen Schule entwuchsen? Sie leben noch heute in Aller Munde. Und was ist aus ihren Nachkommen, den Kindern der Neuschnle, geworden? Wir haben wohl noch in Mähren und Böhmen unter der Firma: „Deutsche oder israelitische Volksschule" Schulen, die bezüglich der Schüler und Lehrer ihren confessionellen Charakter bewahrten, aber, auf confessioneller Basis im eigentlichen Sinne des Wortes beruhen sie lange nicht mehr. Wie können mir nun für unsere Religion bei Andersgläubigen Achtung erringen, wenn Leute aus unserer Mitte die jüdischreligiösen Gebräuche ostentativ lächerlich machen und sich scheu vom religiösen Leben zurückziehen? Und man kann dies den Meisten gar nicht einmal verargen, da sie von dem Werthe der Religion keine Ahnung haben. Dieser großen Gefahr können wir nur daun begegnen, wenn wir unsere Führer nicht blos ihrem Namen zu Liebe erwählen, sondern Männer an unsere Spitze stellen, die ihr Ehrenamt voll und ganz ausfüllen, denen das Wohl ihrer Mitbürger und die Wahrung der ihnen anvertrauten Interessen am Herzen liegt; unerschrockene, thatkräftige und uneigennützige Männer. Dabei stehen wir nicht an, nochmals zu erklären, dass uns keinesfalls Führer vorschweben, wie sie das gegnerische Lager arrfzuweisen