Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1899
- Issue
- Heft 39 (21.12.1899)
- Date
- 1899-12-21
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4. Die Wahrheit. Nr. 39. Wie in Deutschland die Angst vor dem allgewaltigen Socialismus und in Russland die Angst vor dem Nihilismus, so hat der Nationalitätenhader den Antisemitismus gezüchtet. Um die Völker von ihren socialen und politischen Sympathien abzulenken, schürte man die judenfeindlichen Jnstincte, und man hat Erfolge hier erzielt, die, anstatt wie man wollte, die Cultur schützen und fördern sollten, sie ein gut Stück rückwärts lenkten. — - Die Broschüre beschäftigt sich zunächst mit der Ursache des Antisemitismus und weist weiters auf die religiösen Antipathien hin. Eine bemerkenswerthe Erscheinung ist es, dass der Antisemitismus überall da seine Freunde hat, wo die Dogmen der christlichen Kirche noch als unantastbare Güter gelten, und das religiöse Gefühl in ihnen noch seine Nahrung findet. Wir finden daher die eifrigsten Anhänger des Antisemitismus in den Reihen der strenggläubigen Katholiken und orthodoxen Protestanten, die jeden Tag Gott danken, dass sie nicht wie die Anderen sind, und die ihres dereinstiges Himmelssitzes sicher sind. Dass sie mit ihrem Judenhass die christlichste Lehre auf das Schmutzigste besudeln, ihr geradezu in's Gesicht schlagen und eine jämmerliche Unkenntnis des Stifters und der Lehren des Christenthums zur Schau tragen (das sie beständig mit der christlichen Kirche verwechseln), das sie allein gepachtet zu haben vermeinen, bedenken und merken sie gar nicht. Die Juden haben Jesus gekreuzigt, ist auch eine Rechtfertigung allen christlichen Judenhasser. Mit welchem Recht darf die That einer Anzahl erboster Schriftgelehrter, Römer und Römerfreunde, die That eines blutgierigen Pöbelhaufens einem ganzen Volke zur Last gelegt werden, geschweige denn den nachfolgenden jüdischen Geschlechtern, geschweige denn den heute lebenden Juden! Welch' vernarrter Fanatismus! Wir wissen, dass die Geschichte der Juden von der Zeit an, wo sie ihrer Heimat beraubt in der Zerstreuung leben, eine furchtbare Geschichte des Leidens und Elends ist, ein Tagebuch des Henkers, wie man gesagt hat. Wenn in den ersten Jahrhunderten nach Christo die Judenverfolgungen nur vereinzelt zu Tage traten, und man den Juden hier und da Vergünstigungen und Rechte zu Theil werden ließ, weil man ihrer Intelligenz bedurfte, so nahmen sie im Laufe der Zeit, vor Allem nach den Schreckenstagen der Kreuzzüge, den Charakter blutigster, schauerlichster Tyrannei an. Im Namen Jesu, einem Kinde des jüdischen -Volkes, zur Ehre Gottes, beraubte, plünderte, folterte, verbrannte, mordete man seine Nachkommen in deutschen und anderen christlichen Ländern Europas, unter dem Banner des Kreuzes, einem Banner, das die in der Geschichte der Menschheit entsetzlichsten Greuel geweiht hat, das daher für alle Zeiten mit einem unauslöschlichen blutigen Schandfleck beschmutzt ist und dem Christenthum, das zu diesen Zeiten wilder Barbarei die größte niemals wiederzugewinnende Gewalt und Macht über Menscheil besaß, den unverwischbaren Stempel culturhemmenden Einflusses aufgedrückt hat. Es wäre doch mit den Naturgesetzen nicht vereinbar, wenn dieser durch Machthaber und Priester gezüchtete wahnsinnige Judenhass sich nicht auf die späteren Geschlechter vererben sollte, umso stärker und wilder, je tiefer er jedesmal in den Nachkommen in Folge der Vererbung Wurzel gefasst hat. Es scheint, oder es ist daher wirklich so, dass die Antisemiten schon als solche geboren werden und ganz unbewusst die Antipathie gegen die Juden von ihren Eltern und Ahnen übernommen haben, die dann durch Umgebung, Beschäftigung und tausenderlei äußere und innere Einflüsse groß gezogen wird. Bei dem Gedanken an ihr Menschenthum sollte daher den Antisemiten die Schamröthe in's Gesicht steigen, wenn sie, zur Kenntnis ihrer vererbten Anlage gelangt, nicht bemüht wären, sie auszurotten, anstatt wie ein Thier sich von ihren angeborenen niederen Jnstincten willenlos leiten zu lassen. Wer so bleibt, wie er geboren, ist des Meuschennamen nicht würdig. Diese alte Wahrheit sollten die Antisemiten sich zu Herzen nehmen, damit dereinst ihre Kinder, die weiter geschritten, sich nicht ihrer Väter zu schämen brauchen und sagen müssen, lieber mit einem Affen dem Typus eines intelligenten, entwicklungsfähigen Thieres verglichen dem blinden Werkzeuge Leidenschaften. zu werden, verbohrten (Schluss folgt.) als mit einem Antisemiten, Hasses und niedrigster Conlotidirnllg und Organisation.^ „Still wird's im Dichterhaine" — merkwürdig still. Protestversammlungen, Resolutionen, Petitionen und Vorstellungen gegen die Ausschrotung des Ritualmärchens gehören schon der Vergangenheit an, und es hat den Anschein, als ob entweder alle die Mittel zur Bekämpfung der Lügen, die nur antisemitische Verworfenheit zu ersinnen vermag, erschöpft wären, oder wir das uns vorgesteckte Ziel bereits erreicht hätten. Man könnte fast das Letztere glauben, zumal sowohl von jüdischer als von nichtjüdischer Seite klargelegt wurde, dass der Antisemitismus in seiner unverhüllten Niedertracht eine Schmach des zur Neige gehenden Jahrhunderts ist; dass das Judenthum die Zurücksetzung nicht verdient, die gewissenlose Streber herbeizuführen sich bemühen; dass es würdig ist theilzunehmen an der Culturarbeit der anderen Völker und Religions-Genossenschaften. Und welch' greller Contrast in unserer eigenen Kampfesweise und der unserer Gegner! Auf der einen Seite Raub, Plünderung und bestialische Rohheit, die erst jüngst ans dem Munde unseres erhabenen Monarchen so scharfe Verurtheilung erfahren hat; und auf der anderen Seite entschiedene, aber würdige Abwehr, die bei jedem rechtlich denkenden Menschen Achtung erringen muss. Wäre es demnach ein Wunder, wenn unter dem Eindrücke derartiger, in würdiger Form vorgebrachter Proteste die Behörden, die Gefährlichkeit der antisemitischen Bestrebungen erkennend, dieselben zu bekämpfen sich bemühten? Wäre es ein Wunder, wenn selbst die Judenfeinde, von ihrer eigenen Nichtigkeit und Verworfenheit überzeugt, sich, scheu zurückziehen würden? Ein Wunder wäre es nicht, aber eingetreten ist es doch nicht. Die Thatsachen beweisen vielmehr, dass wir auf unseren Lorbeeren nicht ausruhen können und nicht ausruhen dürfen. Es ist wohl denkbar, dass die österreichischen Staatsbürger jüdischer. Confesston vermöge ihrer patriotischen Gesinnung und im Hinblicke auf die eminent wichtigen Staatsfragen, welche die gegenwärtige politische Situation beherrschen, ihre eigenen Interessen einen Augenblick in den Hintergrund stellen; nicht so aber unsere Gegner, bei denen eine Staatsnothwendigkeit nicht existirt. Den besten Beweis hiefür liefert der berüchtigte Meister Stampiglius, der eine andere staatspolitische Frage, als die der Volksbeglückung in seinem Sinne überhaupt nicht kennt. Nachdem er zur Einsicht gelangt ist, dass das Volk von der volksbeglückeuden Mission seiner Stampiglien sich nicht überzeugen lässt, möchte er es gerne mit einem Ritualmord beglücken und mit allen Mitteln einen solchen fabriciren. Merkwürdig bleibt es immerhin, dass eben zur Zeit, als Jean G r o ch o l in der Schänke des Hirsch Markus in Podgorcze eine in blutige Fetzen gehüllte Kindesleiche hinterlegen wollte, der Stampiglien-Volksbeglücker in Krakau weilte; wie wenn er gewusst hätte, dass man dort den Juden einen Ritualmord wird in die Schuhe schieben können. Und ebenso merkwürdig ist die Thatsache, dass, so oft die Juden eines Ritualmordes beschuldigt wurden, der Antisemitismus die Triebfeder des Mordes war. Unbestritten bleibt aber, dass die Organisation der Antisemiten eine mustergiltige ist, und nur diese ermöglicht es ihnen,