Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1899
- Issue
- Heft 39 (21.12.1899)
- Date
- 1899-12-21
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Die Wahrheit Rednctio» u. Adniinistratio»: Wien, U/s, Lkovaragasse 27. K. k. öfterr. Postsparcasja Chcfl-Cvnto Nr. 846.251. Inserate to Kreuzer per Noupareitte-Zeile. Abonnements- und Jnsertionsbeträge sind i» Wien zahlbar. nabhängige Aeitschrift für jüöische Erscheint jeden achten Tag. Motto: „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!" Bezugspreis: tÄanzjahri.i.fl. 6.— Halbjährig.fl. 3 — Für Lultusbeamte: Ganzjährig.fl. 5.— Für Ausland: Ganzjährig.12 Mark 6 Rubel oder 16 Frcs. lr. 39. Wien, 21. Derember 1899. Inhalt: Ein Streiflicht auf den Antisemitismus. — Consolidirung und Organisation. — Der Boranschlag der Wiener Cnltusgemeinde pro 1900. — Buren und Makkabäer. — Sprüche von Moriz Lazarus. — S'u sch'orim. — Gemeinde- und Bereinsbote. — Verschiedene Nachrichten. — Literatur. — Vacanzen. Ern Streiflicht ans den Antisemitismus. Wenn nicht die Zeichen trügen, beginnt es doch allmülig zu dämmern, und immer lauter und vernehmlicher werden die Stimmen ' aus nichtjüdischen Kreisen, .die im Namen der Gesittung und Menschenwürde offen und ungescheut gegen den Antisemitismus Stellung nehmen, und klarblickende Männer und Frauen lösen sich ab in dem löblichen Streben, Licht und Aufklärung unter die bethörten Massen zu bringen. Dies bezweckt auch eine soeben unter obigem Titel erschienene Broschüre,*) auf deren Actualität die Verfasserin im Vorworte mit folgenden Worten hinweist: „Während diese Schrift noch im Druck lag, ist die civilisirte Welt von Ereignissen in Oesterreich Zeuge gewesen, die den entsetzlichen Sumpf von Unwissenheit und Rohheit, in dem ein Theil der Bevölkerung watet, schaudererregend blosgelegt haben, und die daher ein Wort der Aufklärung zur Judenfrage noch immerzu berechtigt erscheinen lassen. Dass man es wagen konnte, den Polnaer Mord zu den scheußlichsten Judenhetzen auszuschroten, das unsinnige Blntmärchen von Neuem als geschichtliche Wahrheit hinzustellen, diese Thatsachen bestätigen die Nothwendigkeit meiner nachfolgenden Ausführungen. In einer großen öffentlichen Versammlung in der Reichs-Haupt- und Residenzstadt Wien haben die Antisemiten sich nicht gescheut, einer zusammenberufenen Masse unwissenden Volkes längst überwundenen Aberglauben als Evangelium zu predigen. Sogar das Parlament, das die höchste Intelligenz des Volkes darstellen soll, hat seine Würde so weit vergessen, dass es im Angesichte von ganz Europa die Hirngespinnste eines wahnwitzigen Antisemiten-Häuptlings ohne allgemeine Entrüstung s anhörte. Religiöse Unduldsamkeit und sinnloser Racenhass, angeschürt -durch gewissenlose Demagogen, haben in Böhmen und Mähren blutige Triumphe gefeiert. Sie verrathen einen Cultur,zustand, der, verglichen mit dem des Mittelalters, wo Wissenschaft und Schulen noch in Banden lagen, für die „arische Race" tief beschämend und für die von „Gott eingesetzten Obrigkeiten" geradezu vernichtend ist. „Ein Streiflicht auf den Antisemitismus", von Fernand« Lankes- Uhlemann. Wien-Hietzing 1899. Selbstverlag der Verfasserin. Commissivns-Verlag von Einil Apolaut, Berlin. Was nützen moderne Staatswesen, wissenschaftliche Forschungen und Entdeckungen, wenn man sie nicht dazu verwerthet, um die thierischen Leidenschaften und niederen Jnstincte der Menschen einzudümmen, die Cultur und sociale Wohlfahrt zu heben. Soweit sind die judenfeindlichen Jnstincte ausgeartet, dass man aus Anlass der Sprachenstreitigkeiten zwischen Czechen und Deutschen „die Juden nach mittelalterlichem Vorbild beraubt und ihr Leben in Gefahr bringt". Die Excesse gegen die Juden in Holleschau und Wsetin bilden ein neues trauriges Capitel zur Geschichte österreichischer Politik und clericaler Geistesknebelung .... Licht, mehr Licht muss werden, damit die leider noch nach Tausenden zählenden Menschen, welche aus Unverstand oder religiösem Fanatismus als blinder Tross den Antisemitenführern folgen, zur Erkenntnis gelangen, dass die Juden ein Kulturvolk sind, und ebenso wie wir Christen berechtigten Anspruch haben auf Toleranz und gleiche sociale und politische Stellung. Möge das hereinbrechende neue Jahrhundert alle Schranken, die sich einer gesunden Entwickelung bis heute entgegengestellt haben, fallen sehen. Möge ein Jeder zu der Erkenntnis gelangen, dass Alle nur Menschen sind, einerlei, ob die Wiege ihrer Vorfahren im Norden, Süden, Osten oder Westen des weiten Erdballes gestanden hat. „Homo sum, nil hnmani a me aliemun puto." Nach diesen einleitenden Worten wird die Frage discutirt, wie es sich erklären lässt, dass der Antisemitismus gerade in Oesterreich, diesem Konglomerat so vieler Völkerstämme, und besonders bei der deutschen Bevölkerung Oesterreichs, die auf ihre Culturmission so stolz ist, seine menschenunwürdigsten Orgien in der krassesten, widerlichsten Weise feiert, die dem primitivsten Anstand Hohn sprechen, die ganze, zu den Gebildeten sich zählende Gesellschaftsschichten verseucht haben? Es scheint vernehmlich zu zu sagen, dass dieser so schandbar bethätigte Judenhass zum großen Thcile nichts ist, als eine politisch-chauvinistische Verwerthung zu Gunsten des Deutschthums, das im Gegensatz zu den Juden, dieser mehrtausendjährigen, kraftvollen, zähen, national ausgebildeten Race, doch noch etwas „Wachsendes, Werdendes, Verwischbares" ist. Vernehmlich scheint der hier bethätigte Judenhass zu sagen, dass er nicht viel Anderes als ein unbewusstes Eingeständnis von nationaler Schwäche und Furcht vor allmäliger Aufsaugung und Vernichtung ist, doppelt so im Hinblick auf den Anprall der anderen „feindlichen Völker" innerhalb des Reiches.