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Die Wahrheit · 1899-12-11 · Heft 38 (11.12.1899) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1899
Issue
Heft 38 (11.12.1899)
Date
1899-12-11
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 8. Die Wahrheit. Nr. 38. giesischen Entdeckungen"; „Der Talmud, seilte Entstehung und seine Geschichte"; „Die Kunstlcistungen der Hebräer". Beginn der Vorträge Abends 7 Uhr; Local: Primärschule, Parterre. Vormerkungen und Gastkarten in S. Steiner's Buchhandlung, Venturgasse. Meran. Ueber den Verlauf des fünfzigjährigen Doctor-Jubiläums, welches der Geheime Regieruugsrath Prosesfor Dr. Moriz Lazarus am 29. November beging, wird aus Meran berichtet: „Moriz Lazarus, der seit vielen Jahren den Herbst und Winter hier zubringt, erhielt von Kaiser Wilhelm II. den Kronenordeu dritter Classe mit der Zahl 50. Die Villa, in der Proseffor Lazarus wohnt, war festlich geschmückt. Der Jubilar war die letzten drei Wochen zum ersten Male während seines langjährigen hiesigen Aufenthaltes krank und bettlägerig; er litt an Katarrh. Am Jubiläum stage bereits außer Bett, empfing er zahlreiche Gratulanten, so die Mitglieder des Vorstandes des Curortes, ferner mehrere Deputationen, darunter die des Wiener Vereins für Erhaltung historischer Denkmäler des Judenthums, die ihn „als treuen Sohn seines Stammes, sowie als Kenner und Förderer des jüdischen Schristthums beglückwünschte." Unter den vielen Ehrungen, die dem Jubilar zucheil wurden, sei die Erneuerung des Doctor-Diploms durch die Universität Halle besonders erwähnt. Vom Rector, Senat und vom philosophischen Decan der Berliner Universität ttafen Glückwunschdepeschen ein. Die israelitische Cultusgemeinde Wien sandte eine prachtvoll ausgestattete Adresse. Zahlreiche Gratulationen von hervorragenden jüdischen und christlichen Persönlichkeiten sprechen für die ungewöhnliche Verehrung, die Professor Lazarus in den weitesten Kreisen genießt. Aus der Fülle der Namen seien genannt: Oberrabbiner Or. Drabkin, Petersburg; vr. Güdemann, Wien; vr. Maybaum, Berlin; Geheimer Rath Oberbürgermeister vr. Georgi, Leipzig; Reichsraths-Abgeordneter Superintendent vr. Haase, Tesche«; Pfarrer G am per, Dresden; Geheimer Rath vr. Heu och, Dresden? Professor F. Ming, Halle; Professor Carl v. Fritsch, Halle; Professor Th. AcheliS in Bremen; Professor Bambery in Budapest; Professor Schiff, Florenz; Professor vr. Arthur König, Berlin; Professor Carl Frenzel, Berlin; Geheimer Rath Professor Boekh, Berlin; Geheimer Rath Professor Albr. Weber, Berlin; vr. Alfred Stern, Wien. Mit einer ebenso sinnigen als litterarisch werthvollen Festgabe stellte sich die edle Gattin des Jubilars, die bekannte Schriftstellerin Frau Nahida Ruth Lazarus, ein. Sie widmete ihrem Gemal ein Buch: „Sprüche von Lazarus" (Leipzig 1899. Verlag von E.H. Mayer), das eine Sammlung allgemeiner rein menschlicher Weltweisheit aus den Werken des großen Gelehrten enthält. Cin Artikel über Polna. Aus München wird berichtet: Das Schöffengericht verurtheilte den Münchener Antisemitenführer Ludwig Wengg wegen eines Artikels über den Mädchenmord in Polna in Anwendung des Paragraphen vom groben Unfug zu 50 Mark Geldstrafe. In der Begründung heißt es, der Artikel sei zweifellos direct gegen alle Juden gerichtet und geeignet gewesen, Beunruhigung zu erzeugen. Er streifte sehr nahe den Strafgesetz-Paragraphen von der Aufreizung zuGewaltthätigkeiten, und nur weil nicht direct aufgereift wurde, sei die Verweisung vor das Schwurgericht rrfolgt. Die Rechte der Juden seien in dem Artikel gefährdet worden; gegen die Gefährdung ihrer öffentlich garantirten Rechte musste aber vorgegangen werden. - Heimweh. Erzählung von Eduard Kulte. (20. Fortsetzung.) Während Jossef so von Tag zn Tag immer mehr Fortschritte machte und mit jeder Stunde fähiger wurde die Taufe zu empfangen, setzte sein Vater mit unermüdlicher Geduld seine Wanderungen Tag für Tag fort, jedoch ohne dem Ziele seiner Unternehmung näher zu kommen, ohne auch nur eine Spur von dem Dasein seines entschwundenen Sohnes aufznfinden. Da drängte sich dem Vater der Gedanke auf, der Sohn möchte sich ein Leid zugefügt, er könnte selbst Hand an sich gelegt haben. „Man müsste die Leiche auffinden!" — suchten ihm seine Bekannten diesen entsetzlichen Gedanken auszureden, allein das konnte ihn wenig trösten, denn es hat schon Fälle gegeben, meinte er, wo man die Leiche nicht, wenigstens nicht gleich aufgefunden 1 Und der Gedanke, indem er ihm beständig nachhing, machte ihn so traurig und trübsinnig, dass er zu jeder Art von Unternehmung unfähig wurde und fein tagelanges Herumsuchen als fruchtlose Mühe erkennend, nichts Anderes mehr anzufangen wusste, als unverrichteter Dinge wieder nach Hause zu reisen. Zu Hause angekommen, konnte er seine Besorgnis vor Weib und Kind nicht verbergen, und wie es ihm auch in's Herz schnitt, er sah sich gezwungen, seiner Furcht Worte zu leihen. Es kann nicht anders sein! Der Jung' hat sich etwas angethan! ich hält' ihn sonst gefunden! — dies war sein Jammer! Weib und Tochter suchten ihm seine Furcht auszureden; es half nichts. Jittesch ermahnte ihn, gefasst zu sein und auf Gott zu vertrauen, der den Sohn schon wieder unverhofft zurückbringen werde. Finkel hätte ihm seiner Furcht freilich entgegensetzen können, dass er im Dorfe draußen zu finden sei, wo sie ihn gesehen und gesprochen habe; allein mit solchem Bekenntnis hätte sie die Sache nicht besser, sondern ärger gemacht; denn wenn sie ihn auf dem Dorfe draußen wirklich gefunden, warum hat sie ihn nicht mit nach Hause gebracht? Ja noch mehr, warum hat sie es nicht gesagt, dass sie ihn gefunden, warum hat sie es verleugnet? Gestand sie jetzt ein, was sie früher verleugnete, dann muss mit ihm etwas Vorgehen, was sie sich nicht zu enthüllen getraute, Etwas, das noch ärger ist, als der Tod, und — es gibt nur Ein Aergeres! das wusste Finkel, die Nachricht von dem wirklichen Zustande des Sohnes war für die frommen Eltern noch bitterer als der Tod und sie musste schweigen, wo sie hätte reden, musste beschwichtigen, wo sie hätte aufklären können; musste die guten Eltern unselige Qualen erdulden sehen, um ihnen nicht noch größere Qualen zu bereiten. Allein, was sie zu verheimlichen suchte, es kam endlich doch an den Tag, musste an den Tag kommen. Machel Dorfgeher, der Montag Früh mit ihr zusammengetroffen, just nachdem ihr die Zigeunerin Karten aufgeschlagen hatte, kam wie gewöhnlich Freitag Nachmittags vom Dorfe heim. Ihm konnten die Vorgänge, die sich im Laufe der letzten Tage im Hause des Fleischhauers abgespielt hatten, nicht verborgen bleiben, und wenn er auch nicht in Alles haarklein eingeweiht war, so hatte er doch genug zu hören bekommen, um über die Hauptsache im Klaren zu sein. Wäre Finkel nicht selber im Dorfe anwesend gewesen, so wäre er gewiss auf die erste Nachricht hin, die ihm über den Vorgang zu Ohren kam, nach Hause geeilt, um den Eltern über das was ihnen von ihrem Sohne bevorstand, Bericht zu erstatten. Er hätte dies für seine Pflicht gehalten, denn er hätte nicht zweifeln können, dass Reb Wolf Ochsenhändler rechtzeitig von dem Entschlüsse seines Sohnes in Kenntnis gesetzt, Mittel und Wege finden würde, um solchen Entschluss zu vereiteln. Da er aber wusste, dass Finkel selber dagewesen, ja da er sich durch das, was er im Dorfe vernahm, ihre Anwesenheit erst erklären konnte, und für ihr auffälliges zerstreutes Wesen auf dem Wege erst den richtigen Schlüssel fand, so musste er selbstverständlich voraussetzen, dass die Schwester sicherlich alles dasjenige berichten werde, was den Eltern zu wissen nöthig, um den Schritt des Sohnes nicht zur Ausführung kommen zu lassen. Mache! Dorfgeher ging daher die ganze Woche über ruhig seinen Geschäften nach und war nicht im Geringsten daran im Zweifel, dass daheim in der „Gasse" ein jedes Kind von den Vorfällen auf dem Dorfe bereits hinlänglich unterrichtet sei. Wie musste er daher überrascht sein, als er am Freitag Nachmittags zu Hause ankam und erfahren musste, dass man in der „Gasse" von Jossefs Vorhaben nicht die mindeste Kenntnis habe, ja dass seine eigenen Eltern in Bezug auf ihn in der größten Ungewissheit schweben, und von der Furcht gepeinigt wurden, er habe selber Hand an sich gelegt. Was soll das heißen? fragte er sich — ist Finkel wahnsinnig oder verrückt? Hat sie denn nicht gesagt, wie es draußen steht? Weiß man denn hier noch nicht, dass sich Jossef Jitteschens wird taufen lassen? Machel Dorfgcher konnte der guten Finkel allerdings nicht in's Herz hinein sehen, er wäre sonst mit seinen Vorwürfen gegen das Mädchen minder streng gewesen; aber mehr bedurfte es nicht, als der im Zorn von ihm ausgestoßenen Frage, und die Nachricht, dass Jossef Jitteschens sich werde taufen lassen, lief durch die ganze „Gaffe" wie ein Lauffeuer ohne Aufenthalt. (Fortsetzung folgt.)

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