Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1899
- Issue
- Heft 38 (11.12.1899)
- Date
- 1899-12-11
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6. Die Wahrheit. Nr. 38. solche Vorlesungen den religiösen Sinn der Anwesenden stärken werden? Mrd dadurch nicht vielmehr Zwiespalt im Innern erweckt, ob die Gottheit nach Zeitaltern regiert? Unsere heiligen Bücher sollten von einem Nationalgott stammen, der schon längst überwunden ist, das jetzige Judenthum mit seinem Gotte wäre ein ganz anderes, als das frühere, demgemäß hätten auch die alten Satzungen für uns keine Giltigkeit! Herr Rabbiner Kecskemeti! Es ist ein sehr schlüpfriger Weg, den Sie einschlagen, wir werden Ihnen auf diesem Wege nicht folgen. Im stillen Kämmerchen kann man wohl derartigen Gedanken nachhängen, wenn man mit der Zeit nichts anzufangen weiß, aber die Oeffentlichkeit zu inficiren, steht einem Rabbiner nicht gut an! Wir wollen uns von unseren Vätern nicht trennen, auch nicht bezeugen, dass wir klüger sind als ft*', indem wir einen mächtigeren Gott uns eigen nennen. Wir halten fest an unserem alten Glauben, an Herrn Or. Kecskemeti aber erlauben wir uns die Frage zu stellen: ns ns;: nzb* Was hat dich bewogen, meinen Gott mir wegzuescamotiren? Dunaföldvär (Ungarn). Rabbiner vr. Samuel Par tos. Die katholische Presse Englands über den Üitualmord. Die zwei Hauptorgane der englischen Katholiken, der „Weekly Register" und der „Tablet", veröffentlichen in ihren vorwöchentlichen Nummern entrüstete Zurückweisungen des Nitualmordmärchens. Besonders der „Weekly Register" lässt an Ent- , schiedenheit und Offenheit nichts zu wünschen übrig. Der „Tablet" erinnert an die feierlichen Aussagen hervorragender Juden und Convertiten, z. B. des Dompredigers V e i t h, über die Blutlüge, und meint: „Der gesunde Menschenverstand und die christliche Liebe zwingen uns, diesen Aussagen Glauben zu schenken, und die Thatsache, dass nicht weniger als vier Päpste die Blutbeschuldigung ausdrücklich als Verleumdung qualificirten, erhöht diese unsere Verpflichtung. Unserem katholischen Denken erscheint es ganz unbegreiflich, dass eingestandenermaßen katholische Zeitungen, wie „La Croix" und „La Verit6", diese Thatsache unterdrücken können, und dass ein Pere Constant, 0. P., in seinem Buche „Les Juifs devant l’Eglise et l’Histoire" mit aller Vehemenz die Blutanklage erheben konnte, gerade so, als ob die dawider erlassenen päpstlichen Bullen niemals existirt hätten. Gewisse katholische Schriftsteller begnügen sich damit, auf gefälschte Documente oder auf wilde Interpretationen vollkommen harmloser Gesetzesstellen als auf Beweiselemente hinzuweisen — ein Zeugnis noch mehr für ihre Ignoranz, als für ihren bösen Willen. Als Katholiken müssen wir gestehen, noch niemals etwas Peinlicheres erlebt zu haben, als die Publicationen des katholischen Professors Or. A. Rohling und die denselben seitens des protestantischen Orientalisten Professor Delitzsch zutheil gewordene Abfertigung. Noch ärger als Rohling treiben es seine französischen Freunde und Nachahmer Drumont, Desportes, Martin C Hagny u. A. In Hinblick auf alle diese Schriftsteller können wir nur erklären, dass der Antisemitismus als Religion ein erbärmlicher Ersatz wäre für den praktischen Katholicismus, der uns Gott über Alles und den Nebenmenschen wie uns selbst zu lieben befiehlt. Wir Katholiken, die insbesondere in diesem Lande (England) so viel unter ungerechten Vorurtheilen fu leiden hatten, sollten am wenigsten mit unseren Sympathien zür diejenigen zurückhalten, die, ebenfalls ohne Verschulden, den allgemeinen Hass zu ertragen haben. Der „Weekly Register" sagt: „Die Antisemiten unter unseren österreichischen Gesinnungsgenossen werden, wenn sie ihre Politik der Unduldsamkeit fortsetzen, die katholische Kirche in allen Ländern der Welt schädigen. Leider scheinen auf die fanatischen Clericalen Oesterreichs ernstgemeinte Warnungsworte wenig Eindruck zu machen. Was aber in den letzten sechs Wochen in Wien und anderen großen Städten Oesterreichs vor sich gegangen ist, verpflichtet die englischen Katholiken zu mehr als einer blos schweigenden Verurtheilung der unchristlichen Haltung ihrer österreichischen Glaubensgenossen ..." Der „Weekly Register" schildert sodann die Rolle, welche die Clericalen Oesterreichs in der antisemitischen Agitation gespielt haben und schließt mit folgenden bemerkenswerthen Worten: „Es kann den Katholiken in der ganzen Welt nicht oft genug zum Bewusstsein gebracht werden, dass ihre Kirche vor allen anderen es als ihre Aufgabe in Anspruch nimmt, die Einzelheiten der menschlichen Lebensführung zu regeln. Auf der Stvckporter Conferenz betonte Cardinal Vaughan, dass die katholische Kirche die des Volkes sei und allein im Stande, die durch Sünde und Nachlässigkeit geschlagenen Wunden zu heilen. Er hätte, mit Rücksicht auf den beklagenswerthen Umstand, dass der Antisemitismus hauptsächlich in katholischen Ländern gedeiht, hinzufügen dürfen, dass die Lehren der Kirche ebenso auch das einzige Heilmittel seien gegen die verheerenden Ausbrüche irregeführter Leidenschaften, welche — die Katholiken Englands haben in diesem Zeitpunkte Gelegenheit, es zu beobachten — von der clericalen Partei in Oesterreich gefördert und ermuthigt werden. Die Haltung der clericalen Presse in Oesterreich, Frankreich und Italien bedeutet für das religiöse Bewusstsein dieser Nationen eine dauernde Brandmarkung. Blätter, die von Clericalen mit Geld unterstützt und von ihnen inspirirt werden, haben durch ihre gegen die Juden gerichtete Politik den Katholicismus in Verruf gebracht. In Oesterreich haben die clericalen Agitatoren das Gewicht ihrer Autorität zu Gunsten des Fanatismus und der Intoleranz geltend gemacht, und geistliche Führer der Judenhetze wurden für ihre wilden Excesse öffentlich geehrt. Es ist traurig, dies eingestehen zu müssen — aber die Kirche sollte niemals vergessen, dass die Wahrheit nichts von der Wahrheit zu fürchten hat." Hierzu bemerkt der „Jewish Cronicle", eines der ältesten und auch in den Kreisen der katholischen Geistlichkeit angesehensten Blätter Londons, Folgendes: „Mit tiefster Genugthuung verzeichnen wir die Haltung der katholischen Presse Englands in der Frage des neuerdings in Oesterreich aufgetauchten Märchens vom Ritualmorde. Der „Tablet" und der „Weekly Register", die Organe der katholischen Geistlichkeit, beziehungsweise der Laienwelt Englands, haben sich ganz unumwunden gegen die Verleumder und Hetzer ausgesprochen. Dies ist umso bemerkenswerther, als in Oesterrreich unter Denjenigen, die das Blutmärckien propagiren, sich auch viele Priester, ja sogar Würdenträger der Kirche finden. Es ist daher kein Wunder, wenn die englischen Katholiken, eifersüchtig auf den Namen und den guten Ruf ihres Glaubens, ihre missbilligende Stimme erheben und die höchste Autorität ihrer Kirche aufrufen, dem Scandale ein Ende zu machen. Nach einem alten Worte wiederholt die Geschichte sich selber. Schon oft hat der Blutaberglaube Macht über die Gemüther gewonnen. ' Aber zum Glücke wiederholt sich die Geschichte auch in anderer Beziehung. So oft die Blutanklage gegen die Juden erhoben ward, wurde sie durch die mächtigere Stimme des Heiligen Stuhles, der nach eingehenden Untersuchungen die Juden für unschuldig erklärte, zum Schweigen gebracht. Die zur rechten Zeit eingreifende Haltung der englisch-katholischen Presse macht die Hoffnung rege, dass in diesen Tagen der Aufklärung der Vatican nicht weniger gerecht wird sein wollen als zur Zeit des Mittelalters, und dass die Geschichte eine moderne Bulle wider die Blutbeschuldigung zu verzeichnen bekommen wird. Den Juden selber ist es unbegreiflich, wie eine derartige Beschuldigung gerade gegen sie jemals erhoben werden konnte. Das im jüdischen Gesetze so oft eingeschärfte Verbot, Blut, in welchem Quantum unb in welcher Form immer, zu gebrauchen, und die aus der