Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1899
- Issue
- Heft 38 (11.12.1899)
- Date
- 1899-12-11
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4. Die Wahrheit. Nr. 38. der geschichtlichen Entwicklung neue Früchte tragen und dass das Judenthum ein lebensfrischer Baum ist, der im Sonnenschein der Gleichheit vor Gott und dessen heiligem Gesetze gedeiht, grünt, blüht, Labung und Erquickung überallhin verbreitet, wo der einigeinzige und lebendige Gott gepriesen und verherrlicht wird." So walte Gott! Ein drastisches Mittel gegen Verbreiter -er Llvüvge. Während in unserer culturfreundlichen, aufgeklärten, lichtvollen Zeit es jedem Judenfeinde gestattet ist, das alte lächerliche Märchen vom Ritualmorde in Wort nnd Schrift zu verbreiten, die niedrigsten und gefährlichsten Leidenschaften des rohen Pöbels wachzurufen und Judenhetzen in Scene zu setzen, während es in unserer Zeit selbst Männern, deren Beruf es sein soll, wahre Nächstenliebe zu lehren und zu predigen, gestattet ist, Broschüren zu veröffentlichen, die den Zweck verfolgen, einen ganzen Volksstamm, dem die civilisirten und cultivirten Völker der Erde ihre besseren Begriffe über Gott, Mensch und Welt zu verdanken haben, zu verleumden und zu verlästern, ohne dass von autoritativer Seite dagegen eingeschritten wird, war man in früheren Zeiten bestrebt, solch' gefährlichen Scribenten das Handwerk zu legen. Im März 1775 hatte der arcadische Schriftsteller Giacomo Giordano von Ascoli ein kleines Buch in neuer und vermehrter Auflage erscheinen lassen. Dasselbe führte den Titel: „San Simoncino", nach dem Namen eines Knaben, von dem es hieß, dass die Juden ihn getödtet, um sein Blut zur Mazzotbereitung zu verwenden. Der damals regierende Papst Pius VI., der die Unhaltbarkeit der Anschuldigung erkannte, ließ alle gedruckten Exemplare wieder einziehen und verbot ihre Verbreitung. Im Juli desselben Jahres verbot derselbe Papst die Verbreitung eines anderen Schriftchens von Cordo Ridolfi aus Ancona, betitelt: „Die Jrrthümer der Juden", einer Verleumdungsschrift, deren Zweck es war, Hass und Verachtung gegen die jüdische Race unter der Christenheit zu erregen. Im September desselben Jahres schrieb derselbe Giacomo Giordano aus Ascoli ein humoristisches Gedicht: „Der Hebräer im Exil", in sechs Gesängen, mit Inhaltsverzeichnissen und einem Antwortschreiben an den Minister eines katholischen Staates über die beabsichtigte Austreibung der Juden. Dasselbe war dem Papst Pius VI. gewidmet. Giordano hatte aber mit seinen Schriften wenig Glück. Der arme Teufel befand sich in etwas zerrütteter Vermögenslage. Er brauchte 2000 Thaler, um seine Schulden zu bezahlen, und im Fluge seiner Pindar'schen Phantasie gedachte er. sie sich von den Juden bezahlen zu lassen. Er that, als habe er von dem Minister eines katholischen Staates den Auftrag, zwei Bücher, eines in Prosa, eines in Versen, gegen die Gebräuche und Sitten der Juden zu schreiben, damit jener seinen Souverän überreden könne, sie aus seinem Gebiete zu vertreiben. Der Dichter war mit einem Juden Namens Servadio Jsacco bekannt, der in Folge seines Handels viel in Ascoli verkehrte. Eines Tages berief er diesen zu sich, zeigte ihm seine Schriften, die er soeben auf Wunsch jenes Ministers eines katholischen Staates in Druck geben wolle. Er gab ihm zu verstehen, welche Vortheile er von der Publication seiner Schriften zu erwarten habe, insbesondere von dem Gedichte, das seinen Namen denen der ersten Dichter Italiens einreihen werde. Wer weiß, ob nicht sein thörichter Geist von einem Triumph auf dem Capitolium träumte! Außerdem, fügte er hinzu, habe der Minister ihm eine Rente von zwölf Thalern monatlich auf Lebenszeit zugesichert, ferner ein ehrenvolles Diplom und ein reiches Geschenk. Indessen, da er ein guter Christ sei, beschwere es sein Gewissen, seinem Nächsten Böses zu thun. Er sei von den großen Nachtheilen, die aus seinen Gedichten für die Juden resultiren würden, umsomehr überzeugt, als er die Köpfe des Volkes mit seinen bezaubernden Neimen, seinem schwungvollen Stile und den neuen rhetorischen Figuren Hinreißen werde. Er wolle deshalb auf so viele Vortheile gerne verzichten, wenn die israelitische Gemeinde von Ancona ihm eine entsprechende Entschädigung für gehabte Mühe und Zeitverlust anbieten wolle, Nur unter dieser Bedingung sei er bereit, seine Manuskripte dieser Gemeinde zu übersenden und sein Ehrenwort zu verpfänden, dass er nichts weiter gegen die Juden geschrieben habe. Servadio schrieb an den Vorstand jener Gemeinde, sie möge sich schleunigst mit Herrn Giordano in Verbindung setzen. Im Archive dieser Gemeinde werden noch verschiedene Briefe, sowie Bücher in Prosa und Versen und die übrigen auf die Sache bezüglichen Papiere aufbewahrt. Unser Dichter verlangte zuerst dreitausend Thaler, dann beschied er sich mit zweitausend, die er unbedingt zur Zahlung seiner Schulden brauchte. Auf Verlangen der Gemeinde sandte er ihr eine Abschrift seiner Schriften, um zu beweisen, welche Bedeutung dieselben hätten und dass der verlangte Preis nicht zu hoch sei. Die Gemeinde aber schickte einen ihrer Repräsentanten nach Rom, um dem Papst Pius. VI. ein Gesuch zu unterbreiten. In diesem wurde dem Papste dafür gedankt, dass er in demselben Jahre die Verbreitung der Geschichte San Simoncino (von Giordano) und des Buches: „Die Jrrthümer" von Ridolfi aus Ancona verboten habe, dieselben Maßregeln werden gegen Giordano erbeten, der seine schurkische Gesinnung mit seinen Briefen bewiesen habe. Dem Gesuche waren die Briefe und Manuscripte Giordano's beigefügt. Der Papst schrieb auf das Gesuch: „An Monsignore Assessore del S. O. (Besitzer des heil. Amtes)", um darüber zu sprechen. Dieser Monsignore schrieb an S. I., den Bischof von Ascoli, folgenderweise: „Es befindet sich in Ihrer Stadt ein gewisser Giacomo Giordano, den man für einen Mann von Talent und Bildung hält. Er hat ein Gedicht in sechs Gesängen verfasst, betitelt: „Der Jude im Exil", außerdem eine Schrift von zehn Seiten, enthaltend ein Antwortschreiben an einen Minister eines katholischen Staates, um dessen Souverän die Gründe auseinanderzusetzen, aus denen die Juden in den katholischen Staaten nicht geduldet werden dürften. Er rühmt sich der unnützen Mühe, die er aufgewandt hat, um Alles das zusammenzuschaffen, was jemals über diesen Stoff gesagt und geschrieben ist. Er hat Unterhandlungen mit den Juden Anconas angeknüpft, denen er bedeutete, dass er von der Idee, das Gedicht und die Schrift drucken zu lassen, Abstand nehmen wolle, wenn sie ihm durch einen Rabbiner in einer Art antworten würden, die geeignet sei, ihn zu überzeugen. Er ereiferte sich sehr für unsere katholische Religion, aber sein Eifer endete mit dem Wunsche, einen Kramladen zu eröffnen,