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Die Wahrheit · 1899-12-01 · Heft 37 (1.12.1899) · page 10

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1899
Issue
Heft 37 (1.12.1899)
Date
1899-12-01
Page
– (sequence 10)
Language
German
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„Wahrheit." Nr. 37. Seite 10. DevecAer. Sonntag, den 26. November fand die Trauung des Fräulein Karoline Weiß, Tochter des allgemein geachteten Tempelvorstehers Herrn Josef Schwarz, mit Herrn Armin Winkler, Cassier der königl. ungar. Staatsbahnen zu Almas Füzetö, statt. Der Trauung wohnte ein distinguirtes Publicum bei. Die cantorale Function versah Herr Cantor Wilhelm K o h n, den Trauact vollzog Herr Rabbiner Stern. Liegnitz, 14. November. Hier verschied am vorigen Sonntag der frühere zweite Cantor und Religionslehrer der dortigen Gemeinde Herr- Theodor Schönfeld. Fast 39 Jahre lang hat der Verewigte in treuer Hingebung seines Amtes gewaltet, bis er am 1. April 1895 in den wohlverdienten Ruhestand versetzt wurde. Mit reichen Gaben des Geistes und GemüthS, und zugleich mit gediegenen Kenntnissen in den Religions- und Profanwissenschaften ausgeftattet, hat der Entschlafene in gleicher Weise durch sein Beispiel wie durch seine Lehre segensreich gewirkt. In der Liegnitzer Gemeinde, besonders aber in den Herzen seiner ehemaligen Schüler, die er mit Eifer und frommer Begeisterung in die heilige Sprache und Lehre einführte, hat sich der Verstorbene ein dauerndes Denkmal gestiftet. Nürnberg. Am 2. und 3. November tagte hier die siebente freie Conferenz der bayerischen Rabbiner, die, wie ihre Vorgängerinnen, aus allen Landestheilen nnt Ausnahme der Rheinpfal; gut besucht war. Es nahmen persönlich theil die Herren Rabbiner Dr. Bamberger-Burgpreppach, N. Bamberg cr-Würzburg, Dr. Cohn-Jchenhausen, Dr. Eckstein-Bamberg, Dr. Goitein-Burghundstadt, Dr. Groß-Augsburg, Dr. Kohn-AnSbach, Dr. Mayer-Regens bürg, Dr. Neubürger-Fürth, Dr. Stein-Schweinfurt, Dr. Wachenheimer-Aschafsenburg, Dr. Weinberg - Salzburg, Dr. Werner-München, Dr. Ziemlich-Nürnberg. Die übrigen Herren waren geschäftsordnungsgemäß vertreten. Der Vorsitzende des geschästssührenden Ausschusses, Dr. Cohn-Jchenhausen, widmete bei Eröffnung der Conferenz dem jüngst Heimgegangenen Rabbiner Banibergcr-Bad Kissingen seligen Andenkens einen warm empfundenen Nachruf. Die Conferenz wurde von Dr. Ziemlich als Vorsitzenden und Dr. Cohn als dessen Stellvertreter geleitet; als Schriftführer fungirten Dr. Bamberger und Dr. Weinberg. Außer über 'actuelle, wichtige Zeitfragen verhandelte die Conferenz zunächst über die vor zwei Jahren beschlossene Abfassung eines Religionsbuches. Der Referent der Commission, Dr. Cohn, berichtete in Stellvertretung des am 2. November amtlich nach München zurückberufenen Dr. Werner über den Fortgang der Arbeit, die Dr. Groß in nicht ferner Zeit fertigzustellen hoffe. Die bis jetzt vorliegenden Theile des Buches seien vorzüglich und entsprechen vollkommen dem von der Münchener Conferenz seinerzeit gegebenen Auftrag. Dr. Mayer referirte über die staatsrechtliche Stellung der Rabbiner und machte auf einige in der Praxis vorkommende Mängel aufmerksam, zu deren Beseitigung er entsprechende Anträge stellte. Er besprach die bereits in früheren Jahren angeregte Frage der Zugehörigkeit der Rabbiner zum Armenpflegschaftsrath und zur Local-Schulcommission u. s. w. Die Conferenz beschloss, nachdem einige Collegen von der Vorgesetzten B-. Hörde für die Aufrechterhaltung der Stiftungen verantwortlich gemacht wurden, die erforderlichen Schritte bei dem königlichen Staatsministerium zu thun, um den Rabbinern zu ermöglichen, ihrer Pflicht der Ueberwachung der Cultusstiftungen zu genügen. In Folge bekanntgewordener Missbräuchc sprach die Conferenz auf gegebene Anregung den Wunsch aus, dass die Vertretung bei Trauungen nur solchen Persönlichkeiten übertragen werde, die im Besitze einer Hattorath-Haurooh sind. Als „geeignete Substitute" bei Beerdigungen lim Sinne der Ministerial-Entschließung vom Juni 1863) können auch Lehrer angestellt werden. Dem Rabbiner steht selbstverständlich das Recht zu, die dem Lehrer einmal ertheilte Genehmigung wieder zurückzuziehen. Aus weitere Anftage wurde constatirt, dass auf Grund der gesetzlichen Bestimmungen die Lehrer nur mit Genehmigung des zuständigen Rabbiners religiöse Borträge in der Syimgoge halten dürfen. Der als Gast eingeführte Herr Dr. med. Münz-Nürnberg hielt der Conferenz einen Vortrag über die projectirte Gründung einer Kinderheilstätte in Kissingen und berichtete über die bisherigen Resultate seiner Enquete über die voraussichtliche Zweckdienlichkeit einer solchen Anstalt. Die Conferenz nahm von den Mittheilungen dankend Kenntnis; die Theilnehmer versprachen, durch Umfragen bei den Aerzten in ihren Kreisen die vorbereiteten Arbeiten zu unterstützen. Der geschäftsführende Ausschuss (Dr. Cohn-Jchenhausen, Dr. Werner-München, Dr. Neubürger-Fürth, Dr. Meyer-Regensburg, Dr. Ziemlich-Nürnberg) und die Lehrbuchcommission (Dr. Groß-Augsburg, Dr. Werner-München, Dr. Cohn- Ansbach) wurden wiedergewählt; an die Stelle des seligen Rabbiners Bamberger-Kissingen tritt, nachdem dessen Bruder, Rabbiner Bamberger-Würzburg, die auf ihn gefallene Wahl abgelehnt hat, Dr. Stein-Schweinfurt in den Ausschuss und in die Commission ein. Auf eine am ersten Consirenztag au Se. Kgl. Hoheit den Prinzregenten gesandte Huldiguugsdepesche traf beim Vorsitzenden folgende telegraphische Antwort ein: „Sc. Kgl. Hoheit der Prinz, egent entbieten den zur diesjährigen Conferenz in Nürnberg versammelten bayerischen Rabbinern für die Allerhöchstdemselben zum gestrigen Namensfest dargebrachte loyale Huldigung Ihren besten Dank. In: allerhöchsten Aufträge: Freiherr von Zoller, Generallieutenant, Generaladjutant." Paris. Auf Anregung des Grand-Rabbin von Frankreich hat der Aufsichtsrath des jüdischen Seminars beschlossen, in der Talmud-Thoraschule eine besondere Classe zur Ausbildung von Chasonim einzurichten. Die allgemeine wissenschaftliche und theologische Ausbildung sollen die Schüler dieser Classen in Gemeinschaft mit den übrigen Schülern erhalten. Außerdem werden für sie besondere Unterrichtscurse in der Musik, der Schechita und der Milah eingeführt. Beim Verlassen der Anstalt haben die Schüler eine Prüfung zu bestehen und erhalten ein Zeugnis über ihre Leistungen. Galatz. Jüdische Freiwillige haben sich in größerer Zahl dort angeboten, um gegen die Leistung des Kriegsdienstes bei der englischen Armee in diesem Feldzuge das Recht zu erwerben, dass die Ueberlebenden in Cypern colonisirt werden. Es sollen 1000 junge Leute unter diesen Bedingungen sich angeboten haben, falls das ganze nicht ein Tric des Herrn Triesch, des Propagators der jüdischen Colonisation in Cypern, ist. Jerusalem. (Einwanderungs-Schwierigkeiten.) Der hiesige amerikanische Consul M. Mer ill hat in dem an seine Regierung erstatteten Bericht folgende Angabe über die Schwierigkeiten der Einwanderung in Palästina gemacht: „Die türkische Negierung verlangt, dass alle Fremden, die als einfache Besucher des heiligen Landes hier ankommen, sich verpflichten, in einem Monat, spätestens in drei Monaten, das Land wieder zu verlassen, aber cs ist keine Vorschrift darüber vorhanden, wie diese Abreise garantirt werden soll. Das Versprechen der Ankommenden genügt den Türken natürlich nicht, und so wird von ihnen eine Geldabgabe erhoben, die die verschiedensten Namen führt: Taxe, Abgabe, Depot, Contract oder ganz einfach Backschisch- Wer von den Einwanderern kein Geld dafür bezahlt, hat große Scherereien. In vielen Fällen wird der Consul angerufen, und da dieser die Leute nicht kann umkommen lassen und überzeugt ist, dass der Dampfer, der sie hergebracht, die Aermsten nicht ohne Bezahlung zurücknimmt, garantirt er mit seinem Wort dafür, dass die Fremden zur festgesetzten Zeit wieder abreisen werden. Amerikanische Juden, die als bona ücke-Reisende hier ankommen, haben keine größeren Umstände bei ihrer Landung als christliche Reisende. Nur die einwandernden russischen und polnischen Juden, von denen die, Regierung voraussetzt, dass sie im Lande bleiben und die Zahl der Colonisten vermehren wollen, haben unter den Maßregeln der Hasenbehörde zu leiden." Eine neue Religionsstatistik. Nach Professor Dr. Mirbt- Marburg, gestaltet sich zu Ende des neunzehnten Jahrhunderts das Verhältnis der verschiedenen Confessionen in folgender Weise. Gegenwärtig gibt es nach seiner Berechnung 555 Millionen Christen, 9 Millionen Juden, 245 Millionen Bekenner des Islam, 425 Millionen Buddhisten, Tavisten und Confucianer, 271 Millionen Hindus und 112 Millionen Heiden. Ein Besuch bei Dreyfus. Ein Mitarbeiter des Londoner „Daily Chroniclc" hat Dreyfus in Carpenttas besucht, um Alfred Dreyfus und se'ner Gattin eine Adresse des „Daily Chronicle" zu überreichen, für welche das Blatt 125.000 Unterschriften von englischen Frauen und Mädchen gesammelt hatte. Der Journalist führte mit Alfred Dreyfns ein langes Gespräch, lieber seinen jetzigen Gesundheitszustand befragt, sagte Dreyfus: „Endlich kann ich schlafen; ich glaube alle ärztlichen Schlaflosigkeits-Records geschlagen zu haben. Auch ein gewisser Appetit hat sich wieder eingestellt, aber leider nicht die Verdauung, die bei fast unausgesetzter Büchscnfleisch- Nahrung Schiffbruch gelitten hat." — „Ihre jahrelangen Leiden müssen bittere Erinnerungen und Gefühle erwecken?" — „Nein," versicherte Dreyfus „das ist Alles vorüber. Das vollste Maß menschlicher Tortur habe ich jenseits des Meeres erduldet. Bis zum Tage, an dem ich unschuldig angeklagt und aus einem Gefängnisse ins andere geschleppt wurde, mar ich ein verwöhntes Kind des Glücks. Ich liebte mein Weib und meine Kinder, und unsere Familie lebt in seltener Eintracht. Nun Hu ich wieder bei ihnen. Was meinen Namen betrifft, so kann er nur in Ehren genannt werden. Wahrheit und Licht sind unbesiegbar. Die ganze Welt hat sich vereinigt, um uns zu heilen und zu trösten. Von dem extremen Sectenhass gewisser Cliquen abgesehen, hat sich jede religiöse Ueberzeugung eingestellt." — Darf ich Sie fragen," ftrhr der englische Journalist fort, „ob Sie je versuchen werden, das Räthsel

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