Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1899
- Issue
- Heft 37 (1.12.1899)
- Date
- 1899-12-01
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 87. Seite 11. Die Wahrheit. der schmählichen Verschwörung gegen Sie zu lösen?" „Es gab kein tief angelegtes Complot gegen mich," erwiderte Dreyfus. „Natürlich, die Thatsache, dass ich ein Jude bin, war eine Art Racen-Brandmal. Aber wenn ich in nachdenklicher Stimmung bin, glaube ich, dass ich mich gesellschaftlich nicht genug mit meinen Kameraden verband. Ich war vor allen Dingen ein „Stubenvogel". Ich zog mich gewöhnlich zehn Stunden im Tage zu einer schwierigen technischen Arbeit zurück, und ich mag eitel oder ehrgeizig erschienen sein. Ich war sehr gerad' heraus, selbst in der Gegenwart der Chefs. Selbst jetzt würde es mir schwer fallen, einem'Autrieb nicht nachzugeben, der mich den Verlust meiner Freiheit und ein Maß von Leiden gekostet hat, das so voll gerüttelt war, als es nur je einem menschlichen Leben zugemeffen worden ist." Ans dem Tone des ehemaligen Capitäns athmete jene Versöhnlichkeit, welche die goldene Frucht der Schuldlosigkeit eines Helden ist. Als der Correspondent zum Abschied aufbrach, ließ Madame Dreyfus noch ihre beiden Kinder, Pierre und Jeaune, aus dein Garten holen, um den fremden Gast gu begrüßen. Der Nihilist. Ein Zeitroman ans dem russisch-jüdischen Leben. Von Moritz Scherbel. (Nachdruck verboten.) (25. Fortsetzung.) „Es ist dies mein Sohn, Ivan", sagte Aronson — „mein Sohn, der es wieder einmal für richtig befunden hat, das mütterliche Haus aufzusuchen." „Wie? Wohnt er denn nicht bei Euch hier?" „Wenn er essen und schlafen will, sonst ist er überall anzutreffen, nur nicht hier." „Ich verstehe Euch nicht." „Mein Sohn ist mir nicht so eingeschlagen, wie ich es gewollt und gehofft. Was daran Schuld hat, wer kann es wissen? Ich bin sein Vater, allein ich muss es selbst sagen, ich finde bei ihm die Achtung nicht mehr, die mir gebührt, obwohl ich es an Zärtlichkeiten ihm gegenüber nie habe fehlen lassen." Er wollte weiter sprechen, als die Thüre sich öffnete und im Rahmen derselben der so wenig gepriesene Sohn sich zeigte. Eine höchst elegante Erscheinung, die man auch vornehm hätte nennen können, wenn es mit der Superbitüt der Garderobe abgethan gewesen wäre. „Mein Sohn", sagte Aronson, in einem Tone, dem man es nicht recht entnehmen konnte, ob Stolz oder Hohn aus ihm sprachen. Iwan war von schlankem Wüchse und ebenmäßigem Gliederban. Aber sein Gesicht zeigte mehr Blasirtheit als Geist, mehr eingebildete Vornehmheit als wirkliche Intelligenz. Die Art und Weise, wie er das Pincenez trug, sollte jedenfalls ein Stück hoher Bildung an ihm verrathen und seine Garderobe war die des ausgesprochenen Dandy. Er warf einen fragenden Blick auf Wandelowicz, worauf ihn der Vater mit diesem näher bekannt machte. Der junge Mann hatte mit einer gewissen Hast Hut und Stock von sich geschleudert: „Nichts als Aerger und wieder Aerger!" rief er dabei ans. „Aerger? — Vielleicht geschäftlich?", fragte der Vater. ,,Hm — geschäftlich — Du hast nichts weiter als das Geschäft im Kopfe," erwiderte der Sohn mit etwas Ungezogenheit und fuhr dann fort: „Nur das Geschäft, und was das gesellschaftliche Leben, die guten und bösen Erfahrungen, die man da macht, anbetrifft, so ist das Alles ein Nichts. Wir werden uns in dieser Beziehung niemals verständigen. Ich strebe nach Achtung und Ansehen im Verkehre und habe ein Recht darauf. Schon mein Auftreten sollte mir Beides sichern. Allein, Alles, was ich in dieser Beziehung auch thun mag, scheitert an dem unglücklichen Zufall, als Jude geboren zu sein. Was denkst Du wohl von dem gestrengen Herrn Secretär Kunowski, der kaum mehr als sein Christenthum gegen mich auszuspielen hat, nichtdestoweniger hält er es aber für angemessen, mir den Zutritt in seine Familie zu versagen! Vielleicht hätte er es nicht gethan, wenn er sich nicht an den Namen Aronson stieße." „Also hat er Dir sein Haus verboten?" fragte der Vater mit dem Ausdrucke des Aergers. „Wenn auch auf eine feine Art, aber er hat es gethan." „Aber warum suchst Du auch solche Häuser auf, wo Dir so etwas passiren kann? — Wie ist es übrigens mit der Getreidelieferung, warst Du beim Proviantmeister?" „Nein, ich kam nicht dazu." „Aber was hattest Du denn sonst zu thun?" Der Sohn blieb vor dem Vater stehen und musterte ihn mit einem Blicke, der Alles verrieth, nur nicht Achtung und Respect vor seinem Erzeuger. — „Du fragst, was ich zu thun hatte? Nun eben das, was ein junger Mann in meinen Jahren und in meinen Verhältnissen zu thun hat, will er den Ansprüchen, die das Leben an ihn stellt, gerecht werden." Er hielt inne und setzte das Pincenez zurecht, dann fuhr er fort: „Du weißt, dass ich nicht vor zehn Uhr Morgens aufstehe und bis um die Mittagszeit Toilette mache. Dann gehe ich aus, besuche den Billard- und Kegelclub, worauf ich dann noch von vieleir anderen dergleichen Dingen in der Weise in Anspruch genommen werde, dass es wohl fast immer vier Uhr wird, bevor ich dazu komme, Mittag zu speisen. Den Abend füllt mir meist das Theater aus." Der alte Aronson sah mit stillem Ingrimm auf seinen so viel und mannigfaltig beschäftigten Sohn hin. Er hielt indes in Hinblick auf die Anwesenheit seines Gastes mit jedem Ausbruch inne und nahm einen anderen Gegenstand auf. „ Ist Dir vielleicht die Familie Glanzberg etwas näher bekannt?" fragte er. „Ach ja, es ist ja jene Sippschaft, die, von Stolz und Hochmuth aufgeblasen, auf Andere mit Verachtung sieht, ganz, als ob sie von Adel wäre. Ich kenne den alten Glanzberg weniger, aber mit einem seiner Söhne, der Arzt ist, hatte ich heute ein Rencontre, weil er sich herausgenommen, mir gegenüber den Moralprediger zu spielen. Nun, ich habe ihm auch gebührend heimgeleuchtet." „Sind nicht auch Töchter bei Glanzberg's?" „Gewiss, ich glaube drei. Die Aelteste studiert in Petersburg, die zweite führt dem Großvater die Wirthschaft und die dritte ist im Hause." „Ist Dir etwas von Alexander Wandelowicz bekannt, der Dir durch Deine Mutter verwandt ist?" „Sie haben ein Interesse, das zu erfahren?" wandte sich sich Iwan an Wandelowicz. „Selbstverständlich, als Vater, und ich würde mich Demjenigen sehr verpflichtet fühlen, der mir über ihn Auskunft geben könnte." „Einstweilen ist mir nichts von ihm bekannt, aber ich will versuchen, etwas über ihn zu erfahren, was mir vielleicht möglich sein wird, da ich täglich mit höheren Polizeibeamteu zusammentreffe. " In diesem Augeblicke trat Frau Aronson ein und lud die Anwesenden zur Mittagtafel in das nächste Zimmer ein. Es war bereits drei Uhr. In der Erscheinung dieser Frau lag etwas, das schon auf den ersten Blick für sie einnahm. Es war nicht anmuthende Schönheit, die für sie sprach, denn Gramm und Kummer hatten ihre Wangen hohl, ihr Gesicht lang und hager gemacht, aber es war der Ausdruck innerer Würde, der sich an ihr zeigte, ein gewisser Adel der Gesinnung, der sich durch diese tiefblassen Züge durchwand und zur Achtung vor ihr aufforderte. Frau Aronson war in dieser Beziehung ganz das Gegentheil ihres Mannes und ihres einzigen Sohnes. Sie ist einfach und schlicht, klug in der Ueberlegung und zurückhaltend in der Sprache. Sie verstand sich wohl auf sich und wollte nie über ihre Verhältnisse hinaus, und was ihr Mann Aufsässigkeit an ihr nannte, war nichts Anderes, als die Zurechtstellung ihrerseits, wenn Mann und Sohn eine Vornehmheit sich vindicirten, die sie selbst für unangebracht hielt. «Fortsetzung folgt.)