Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1899
- Issue
- Heft 37 (1.12.1899)
- Date
- 1899-12-01
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8. Die Wahrheit. Nr. 37. israelitischen Humanitätsverein „Wien" (B'nai B'rith) bestimmte, unter Mitwirkung des „Vereines zur Unterstützung israelitischer Handwerker und Kleingewerbetreibender", den Verein für unentgeltlichen Arbeitsnachweis in's Leben zu rufen, der in erster Linie die unentgeltliche Aufsuchung von Arbeitsgebern für Arbeitsnehmer, überdies aber auch nach Maßgabe der vorhandenen Mittel und der Dürftigkeit der Arbeitsnehmer die Gewährung von Unterstützungen an letztere sich zur Aufgabe gestellt hat. Wir sind uns der vollen Größe dieser Aufgabe bewusst, und wenn wir den Muth haben, an dieselbe heranzutreten, so geschieht dies in der Ueberzeugung, dass alle edeldenkenden Israeliten sich uns in dem Bestreben anschlicßen werden, dem allgemeinen Ansturm zu begegnen, welcher nicht allein gegen die politische Gleichberechtigung der Juden, sondern auch gegen deren wirthschaftliche Existenz unternommen wird. Wir bitten Sie, uns Ihre Mitwirkung nicht blos durch Geldbeiträge, sondern ebenso sehr, ja noch mehr dadurch angedeihen zu lassen, dass Sie sich in allen Fällen, in denen es sich um Arbeitsvergebung handelt, vertrauensvoll an uns wenden. Lassen Sie uns hoffen, dass Sie sich nicht ausschließcn werden von dem Werke, welches wir zur Förderung des Gemeinwohles, insbesondere aber zur Unterstützung unserer nothleidenden Glaubensgenossen, unternommen haben! DerVorstanddesVereines für unentgeltlichen Arbeitsnachweis. Anmerkung: Die Mitgliedschaft des Vereines wird durch einen Jahresbeitrag von mindestens fl. 3 oder durch einmaligen Erlag von mindestens fl. 100 erworben. Gönner des Vereines wird Derjenige, der einen Jahresbeitrag von mindestens fl. 50 leistet. Devecser. Anlässlich des Chanukasestes spendeten die Herren V orsteher der Chewra Kadischah, Moritz Weiß und Sandor Fischer, der Gemeinde eine prachtvolle silberne Menorah, welche Sonntag Abends feierlichst eingeweiht wurde. Heimweh. Erzählung von Eduard Kulte. (19. Fortsetzung.) Wäre der Vater ein Kundiger der Mischna gewesen, er hätte ihr nicht so leicht geglaubt; denn er hätte gewusst, wie es in der Mischna heißt: Wer da spricht, ich habe gesucht und nicht gefunden, dem sollst Du nicht glauben! Reb Wolf war aber kein Kundiger der Mischna, sondern ein Ochsenhändler, und die Mutter, sie las wohl emsig und fleißig in ihrem dicken „Menorath-Hamor", aber was in der Mischna steht, wusste sie darum eben nicht so genau, und so glaubten ihr die Eltern, dass sie den Bruder wirklich nicht gefunden habe, obwohl sie des Morgens mit so viel Sicherheit verbürgt hatte, dass sie ihn finden und dass sie ihn bringen werde. Was blieb den guten Eltern unter solchen Umständen zu chun übrig? Der Vater konnte sich nur entschließen, selber den Sohn zu suchen — das war das Einzige. Suchen aber wo? Auf dem Dorfe draußen ist er nicht; sonst hätte ihn Finkel ja getroffen! Ein Dorf ist nicht so groß, dass man von ihm draußen nichts hätte erfahren sollen! Und wenn er in dem einen Dorfe nicht zu finden war, so ist er in den anderen benachbarten Dörfern ebensowenig zu finden! Warum wird er sich auch, wenn er von daheim wegläuft, auf ein Dorf hinaussetzen! Sicher ist er irgend wohingegangen, wo man ihn in der Menge nicht so leicht herausfindet! Kein Zweifel, er ist gewiss nach Brünn gegangen! Dort muss er sein! Und wenn man ihn finden will, dort muss man ihn aufsuchen! Und dabei blieb es auch. Reb Wolf Ochsenhändler ließ sich sein Zeugel anspannen und fuhr nach Brünn. Die Mutter schöpfte neue Hoffnung, als sie ihn auf den Wagen steigen sah; sic wusste, was er für ein Mann sei und was er alles durchsetzen könne; sie zweifelte fast nicht, dass es ihm gelingen werde, den Sohn zu finden, und bedauerte nur, dass er das nicht gleich Morgens gethan habe, ehe Finkel auf's Dorf hinausgegangen; denn das hätte man eigentlich voraussehen können, dass Jossef sich nicht auf ein Dorf hinaussetzen werde. Finkel sah dagegen den Vater mit Wehmuth scheiden; denn sie war von der Fruchtlosigkeit seines Unternehmens am besten überzeugt. Während nun Mutter und Tochter schweigsam im Hause umhergingen und keine von Beiden durch ein unzeitiges Wort den stillen Schmerz der Anderen stören wollte, fuhr der Vater über die vom magischen Mündlichte beschienene Landschaft dahin und eilte seinem Ziele zu. Hinter ihm, nicht hundert' Schritte weit, rollte ein zweites Wägelchen und folgte dem ersteren mit nicht minderer Eile in dieser sich mehr oder minder gleichbleibenden Entfernung. Wenn Derjenige, der darinnen saß, gewusst hätte, wer ans dem ihm vorauseilenden Wagen sich befinde, er hätte die Pferde minder angetricben, er würde es im Gegentheil zu vermeiden gesucht haben, mit Wolf Ochsenhändler zusammenzutreffen; und hätte dieser geahnt, wer Derjenige sei, der hinter ihm mit solcher Eile daherfahre, als würde derselbe ebenfalls einen verlorenen Sohn aufzusuchen sich ausgemacht haben, er wäre gewiss stehen geblieben, anstatt weiter zu eilen, und hätte Denjenigen, den er suchte, in seine Arme und an sein Vaterherz geschlossen; denn es war kein Anderer als Jossef, sein Sohn, der desselben Weges fnhr und ebenso wie der Vater nach der Landeshauptstadt eilte. Aber Sohn und Vater wussten von einander nichts, ahnten es nicht, wie nahe sie einander seien; so fuhr der Eine hinter dem Anderen in bald größerer bald geringerer Entfernung, ohne auf einander Rücksicht zu nehmen, fast die ganze Nacht, bis sie des Morgens in Brünn anlangten. In Brünn angekommen, ging Jeder seiner Wege; einen bestimmten Weg hatte der Sohn vor sich, einen unbestimmten aber der Vater. Der Sohn ging zu einem Geistlichen, an welchen er von seinem künftigen Schwiegervater gewiesen wurde, und trpg ihm sein Begehren vor, in den Schoß der katholischen Kirche ausgenommen zu werden. Der Geistliche ging bereitwillig auf den Wunsch des jungen Mannes ein und begann sogleich mit ihm den vorbereitenden Unterricht. Während Jossef nun in die Grundlehren der katholischen Kirche eingeweiht wurde, ging sein Vater auf die Kröna hinaus, wo er einen oder den anderen seiner Geschäftsfreunde und Bekannten zu finden und dessen Rath einzuholen hoffte. Er fing an, seine Untersuchungen anzustellen, er befolgte jeden Rath, den man ihm gab und der nur irgendwie zur Entdeckung des verlorenen Sohnes führen konnte. Er besuchte öffentliche Spaziergänge und Vergnügungsorte, dahin ihn die Neugierde sonst niemals getrieben hatte; er saß stundenlang in Localen, wo er vermuthen konnte, seinen Sohn plötzlich da eintreten zu sehen. Er ging in's Theater, nicht um das Stück zu sehen, das da aufgeführt wurde, sondern um den Sohn zu suchen. Er ging auf den Franzensberg, nicht um den Obelisk anzugaffen, in den Augarten, nicht um die Militärmusik zu hören, in den Bierkeller auf dem Dominikanerplatz, nicht um Bier zu trinken, in's Kaffeehaus zum Padowetz, nicht um Billard zu spielen, sondern um den verlorenen Sohn zu suchen — und so ging es hin und her, von einem Orte zum anderen, den ganzen Tag und die halbe Nacht — um den Sohn zu finden, und am anderen Tage fing er das Geschäft wieder von vorne an und suchte und suchte und fand den Sohn nicht. Ja, freilich, wie hätte er ihn auch finden sollen! Dieser saß in dem Winkel einer kleinen Stube und war damit beschäftigt, seinem Gedächtnisse die Lehre von der Dreieinigkeit einzuprägen. Er konnte diese zwar schwer begreifen und machte seinem geistlichen Lehrer auch kein Hehl daraus, allein dieser tröstete und belehrte ihn, wie dies ein unverstandenes Geheimnis sei, ein Mysterium, welches von keinem sterblichen Menschen mit dem gemeinen Verstände erfasst werden könne, und wie es gar nicht nöthig sei, dass man die Lehre von der Dreieinigkeit begreife, sondern nur dass man an sie glaube. Damit beruhigte sich dann der Schüler auch umsomehr, da es ihm ja nicht darum zu thun war, Christ zu werden um des Ehristenthums, sondern um Mariens willen, in deren Besitz er als Jude nimmer hätte gelangen können. (Fortsetzung folgt.)