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Die Wahrheit · 1899-12-01 · Heft 37 (1.12.1899) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1899
Issue
Heft 37 (1.12.1899)
Date
1899-12-01
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 37. Die Wahrheit. Seite 5. geweckt werden? Man kennt sie bei uns nur zu gut, diese Dunkelgestalten, und kein Ungar wird den Blödsinn glauben. Die Charakterfestigkeit eines Andrässy konnte sich unmöglich so weit verirren, das wissen wir zu gut, als dass es hiefür besonderer Beweise bedürfte, aber trotzdem möge daran erinnert werden, wie er einer Deputation, die in den Sechziger-Jahren aus Anlass der Emancipation der ungarischen Juden bei ihm vorsprach, auf's Leutseligste versicherte, dass Ungarn hiemit nur eine Dankesschuld seinen treuen Söhnen abtrage, die sich dem Vaterlande zu allen Zeiten dienstbar gemacht haben. Er freue sich darüber außerordentlich, dass Ungarn mit Stolz darauf Hinweisen kann, den ungarischen Juden die ihnen gebührenden Rechte endlich verliehen zu haben, auf dass sie auf heimatlichem Boden ihre Kräfte zum Wohle des Vaterlandes entfalten können. Wer sich in diesem Sinne über Juden äußert, der konnte unmöglich in den Wahn verfallen, an Ritualmord zu glauben. Die ungarischen Blätter besprachen auch in längeren Spalten die bodenlose Lüge, und alle waren sie entrüstet über den Meuchelmord, den man an dem blanken Charakter eines Andrussy ausführen wollte. Wie arg muss es um die Wahrheit bestellt sein, wenn man selbst die Todten aus ihrer Ruhe aufscheucht und sich auch an das Heiligthum des Grabes heranwagt! Hier in Ungarn wagt es selbst der Antisemitismus nicht, einen edlen Charakter in den Koth zu zerren, um Schmach und Schande auf die Juden zu häufen. Das zeugt von einer Verrohung der Sitten, zu der kein Ungar herabsinken kann, und von solch' unlauterer Gesinnung, wie sie keinem Ungar eigen ist. Dunaföldvur (Ungarn). Rabbiner Samuel Par tos. Line Erklärung des Professors Masaryk. Professor Masaryk veröffentlicht eine Erklärung auf die gegen ihn inscenirten Demonstrationen, in welcher er ausführt, dass die Studentenschaft sicherlich das Recht habe, ihrer Meinung und ihrem Fühlen lebendigen Ausdruck zu verleihen, nur müsse ein Grund hiefür vorhanden sein. Wenn seine Broschüre über den Polnaer Mord Anlass dazu gab, müsse er wiederholen, dass er diese Studie deshalb unternommen habe, weil zahlreiche Personen den Polnaer Mord als Beweis sür ihren Glauben an den Ritualmord bezeichnet haben. „Aus Interesse für die Sache," fährt Professor Masaryk fort, „um mich zu überzeugen, habe ich sehr sorgfältig das stenographische Protokoll durchstudirt, einen Grund für den Glauben an den Ritualmord habe ich nicht gefunden, dagegen Gründe, welche das Gegentheil beweisen. Diese meine Ueberzeugung habe ich veröffentlicht. Hiezu fühle ich mich berechtigt und verpflichtet, und in diesem Rechte und in dieser Pflicht werde ich mich von Niemandem beeinflussen lassen. Man wirft mir vor, dass ich für deutsche Blätter schreibe. Ja, ich schreibe für deutsche Blätter und werde für dieselben auch weiter schreiben. Ich kann doch nicht für czechische Blätter schreiben, die über mich Jahre hindurch Lügen verbreiten. Das soll ich nun ruhig mit ansehen und mich todtschweigen lassen? Wenn ich chinesisch könnte, würde ich selbst für chinesische Blätter schreiben, um gegen unsere journalistische Corruption die Wahrheit zu vertheidigen. Kurz, ich lasse mich von Niemandem vergewaltigen und werde vor Lügen und unbegreiflichen Losungsworten niemals zurückweichen. Die Studentenschaft hat die Pflicht, zu denken und danach zu handeln. Ich bin überzeugt, dass die Mehrheit der Studentenschaft denken und überlegt handeln werde." Jonathan Eibenschitz. Bon Dr. M. 8. Stern. (Fortsetzung.) Wir haben über die gefeierten jüdischen Größen damaliger Zeit eine ganz andere Meinung, als sie Grätz in seiner „Geschichte der Juden" bekundet und können durchaus nicht über ein Urtheil eines Jakob Emden vornehm hinwegsehen. Wir müssen uns entschieden diesem Urtheile anschließen. Gleich Grätz müssen auch wir bekennen, dass sich alle diese fraglichen Amulete nur sabbathianisch deuten lassen. Anderweitige Auslegungen, welche Eibenschitz in seinem Vercheidigungswerke zu geben versucht, sind einfach unannehmbar. Dennoch können wir auch an Eibenschitz nicht zweifeln. Sein ganzer Lebensgang, seine Geistesrichtung, seine Lebenswerke, seine anerkannten Tugenden schließen jeden Zweifel aus. Das ist eben das Dilemma, welches wie ein Alp auf unserm Herzen drückt. Jakob Emden, Pne Jehoschua und alle andern heftigen Gegner, so maßlos sie auch in ihren Angriffen erscheinen, konnten, durften nicht um ein Haar anders Vorgehen, als sie eben vorgegangen sind, sie erscheinen uns vollkommen gerechtfertigt; dennoch ist ein edleres, besseres Herz, als das des R. Jonathan Eibenschitz, noch nie so blutig zerfleischt worden. Aber gerade so wie Jakob Emden den Schlüssel zum Lesen der fraglichen Amulete gab, so glaube ich den Schlüssel zum Herauskommen aus diesem fürchterlichen Dilemma geben zu können. Ich behaupte: Eibenschitz war einer der ersten Talmudkenner, kenntnisreich in vielen Wissenschaften, ein Meister im Predigen, aber in der Kabbalah ist er höchstens Dilettant gewesen. Mit der Kabbalah, zumal mit der Buchstabenmystik, hat er sich nie eingehend beschäftigt. Er konnte weder Sinn noch Zeit dafür haben. Sein Reich, seine Luft war die Logik, das Reale, nicht die Mystik. Mit jenen Amuleten ist er einfach einem Fälscher, einem Betrüger oder gar einem Unkundigen aufgesessen. Was er dafür hat dulden müssen, hat er für die leicht verzeihliche Eitelkeit gebüßt, sich einen Ruhm gefallen zu lassen, der ihm nicht gebührte, und auf den er ganz gut Hütte verzichten können. Für dieses scheinbare Paradoxon habe ich als Beweis anzuführen: Zunächst den „Jaroth Dewasch"! Sind von einem wirklichen Kabbalisten zwei Bände Predigten denkbar, die keine Spur dieser Mystik enthalten? Man lese nur Band I die erste Predigt, welche unser Achtzehngebet (Zokkmono Essreti) interpretirt, und vergleiche damit den ckabersiäur von Jacob Emden, das Volksbuch eines echten Kabbalisten, wie dort dasselbe Achtzehngebet interpretirt wird. Da wimmelt es in der That von Buchstaben, Zahlen und Begriffsmystik. Man lese ferner Luchoth Haeduth von Eibenschitz zur Rechtfertigung der Amulete. Das Höchste, wozu sich da der angeblich große Kabbalist emporzuschwingen vermag, ist die Buchstabenerklärung ,,B. B. A.“ mit den Anfangsbuchstaben der drei Bibelworte „Vresebitb Bara Elohim“, „Am Anfänge erschuf Gott" zu deutsch. Und noch eines: der je zweite Buchstabe von jedem Worte im Satze: „Keseheth Gribborim Chathim.“ Das ist aber auch Alles, und dazu bedurfte es noch

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