Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1899
- Issue
- Heft 37 (1.12.1899)
- Date
- 1899-12-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4. Die Wahrheit. Nr. 37. hat: meiner Mutter Söhne haben mir gegrollt." (Leliir hasch. 1., 6.) Ein Volk, das Jahrhunderte lang von Land zu Land, von Stadt zu Stadt, von Dorf zu Dorf verfolgt und verjagt, das unausgesetzt geplagt und gemartert wurde; ein Volk, dem Jahrhunderte lang alle Bildungsanstalten verschlossen, viele Erwerbszweige unzugänglich gemacht wurden; ein Volk, dem Jahrhunderte lang nicht gegönnt war, ein menschenwürdiges Dasein zu fristen, kann es dafür verantwortlich gemacht werden, wenn Einzelne Fehler und Mängel aufweisend Der Midrasch erzählt in Bezug auf den hier angeführten Vers aus 8cbir hascbir. folgendes höchst passendes Gleichnis. Einst erschien eine schwarze Magd (eine Negerin) am Brunnen und sagte zu ihrer Freundin: „Heute habe ich Dir eine sehr interessante Neuigkeit mitzutheilen! Höre und staune! Morgen wird mein Herr sich von seiner Gattin scheiden lassen, um mich zu heiraten." „Warum dennd" frug ganz erstaunt die Freundin. „Ja, weil er gestern bemerkte, dass ihre Hände von Kohlen geschwärzt waren." „Ei, Du Närrin", entgegnete ihr die Freundin, „wie kannst Du nur eine solche Thorheit sprechen I Ist es möglich, ist's denkbar, dass Dein Herr sich von einer Gattin, die voll Liebe, Güte, Milde und Zärtlichkeit ist, wird scheiden lassen, weil ihre Hände einen Augenblick von Kohlen geschwärzt waren, um Dich, die Du von Geburt durch und durch schwarz bist, zu heiratend" Die Fehler, die Ihr Antisemiten an Einzelnen unter uns entdeckt, sind nicht unverbesserlich und verdienen umsomehr nachsichtsvoll behandelt zu werden, als wir trotz der Ausnahmsgesetze, die Jahrhunderte hindurch uns zu Boden drücken und berechnet waren, uns zu demoralisiren, doch sittlich rein geblieben sind. Aber, Ihr Antisemiten, wie steht eS denn mit Euch? Sind nicht die Meisten unter Euch durch und durch schwarz d! Warum aber werden wir doch so sehr gehasst d Der Judenhass ist ein Erbstück aus grauer Vorzeit. Niemand weiß heute, warum er gerade den Juden hasst. Er hat diesen Hass ererbt, ja mit der Muttermilch eingesogen. Der Judenhass wurde ihm von seinen Eltern und Erziehern, die ihn ebenfalls von ihren Eltern und Voreltern ererbt, eingeimpft. Da man jedoch heute, in der aufgeklärten Zeit, gern als von der Cultur beleckt erscheinen will, so sucht man diesen unbegründeten, aus der finsteren Zeit des Fanatismus und Aberglaubens stammenden Judenhass zu beschönigen, zu vertheidigen und als vollkommen gerechtfertigt darzustellen, indem man falsche Gerüchte verbreitet und alte lächerliche Ammenmärchen auffrischt und auftischt. Warum aber wurden die Juden in grauer Vorzeit gehasst d Nun der damalige Judenhass war nicht ganz unbegründet. Durch die großen, erhabenen, Menschen erfreuenden und befreienden Lehren und Ideen, die schon die Patriarchen zu verbreiten berufen wurden, drohte der heidnischen Götterwelt die Gefahr, vernichtet zu werden, weshalb die Machthaber der damaligen Zeit, die alle dem Pharaonischen Grundsätze huldigten: Hcbbaä hoawaudob, der Geist des Volkes muss in der finsteren Nacht der Verdummung schmachten, weil ein aufgeklärtes, freisinniges, freiheitsliebendes Volk sich nicht despotisch regieren und beherrschen lässt, die Juden grimmig hassten und auf deren Vernichtung zielende Pläne schmiedeten. Je weniger sie den Juden beizukommen vemochten, desto mehr hassten sie sie. In Folge dessen wurde schon in damaliger Zeit berathen, welche Mittel man denn anwenden müsse, um das Judenthum vernichten zu können. Pharao, der Vater des Antisemitismus, rief seinen' Rathen zu: howo nis’chakmo lau, wohlan denn, wir müssen diesem Volke durch List beikommen, worauf der Talmud ’ bemerkt: schlauscho hoju b’eausso ezah. Drei Männer wurden dieser Berathung zugezogen: Bileam, Hiob und Jetro. Während Pharao der Ansicht war, das Judenthum könne nur durch Bedrohungen und Verfolgungen vernichtet, aus der Welt geschaffen werden, rieth der schlaue Diplomat Bileam zur Nachsicht, indem er behauptete, dass das Judenthum sich nur durch den Scheinliberalismus berücken und verleiten lasse, seine Traditionen, seinen Glauben zu verleugnen. Und so wurden im Lause der Geschichte öfters beide Methoden angewandt, ohne dass die eine oder die andere etwas genützt. Das Judenthum kann weder durch Druck und Verfolgung, noch durch Freiheit und Emancipation vernichtet werden. In Aegypten hatte man die Juden mit Ausnahmsgesetzen zu Boden gedrückt, und was war die Folge dieser grausamen Verfahrungsweise d Kaascher jeaneli aussan, ken jirbe. Je mehr man sie bedrückte, quälte und folterte, desto glaubensstarker wurden sie. Der König von Moab befolgte Bileam's Rath, heuchelte Liebe und Freundschaft, lud die jüdischen Jünglinge zu Festgelagen ein, welcher Einladung thatsächlich viele Folge leisteten und dadurch ihrem Glauben abtrünnig geworden sind; allein der kräftige und mächtige Stamm Inda wurde nicht im Entferntesten erschüttert. Ein schöner, kräftiger, fest wurzelnder, edle, menschenerquickende Früchte tragender Baum wird, wenn die etwaigen vertrockneten und verkümmerten, nicht zur Reise gelangten Früchte welk zur Erde fallen, dadurch erst recht neu gestärkt und gekräftigt. Und weil alle diese angewandten Mittel fruchtlos blieben, wurde der Judenhass noch größer, ntensiver und vererbte sich fort bis auf die Gegenwart. Dies mögen sich nicht nur die grimmigsten Judenhasser, sondern auch die sogenannten „Ausnahmsjuden", die sclavenmäßig um die Gunst ihrer Feinde buhlen, wohl merken. Dr. M. H. Friedländer. Antisemitisches Lügengewebe. Nicht die ehrlichsten Waffen sind es, das ist wohl Jedermann bekannt, mit denen die Dunkelmänner kämpfen. Aus modererfüllter Rüstkammer werden die vom Rost zerfressenen Waffen hervorgeholt, frisch gescheuert und geschliffen, und der Kampf kann nun auf's Neue beginnen. Dass man auch die verwerflichsten Mittel nicht verschmäht, um dem Juden eins am Zeug zu flicken, hat der hochgeborene Antisemiten-Führer Prinz Liechtenstein wieder einmal so recht drastisch bewiesen. Dem edelgesinnten Staatsmanne Graf Andrassy legte der Judenfresser Worte in den Mund, die alle besserdenkenden Menschen auf's Tiefste empören müssen. An die Blutlüge von Tißa-Eßlar sollte dieser aufgeweckte, feinfühlende und über alles Niedrige hocherhabene Andrassy geglaubt haben! Das zu behaupten, kann nur ein hirnverbrannter Lügengeist sich unterfangen, dem eine große, gedankenlose Herde hinter dem Rücken steht, um auf den Wink des Leithammels in ein ohrenbetäubendes Geblöcke einzufallen. Warum wagt es Herr von Liechtenstein erst jetzt, nach dem Ableben des berühmten ungarischen Staatsmannes, mit seiner Entdeckung vorzutreten d Sind die Todten redseliger als die Lebenden? Oder soll mit dieser unsinnigen Lüge der entschlafene Antisemitismus in Ungarn