Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1899
- Issue
- Heft 37 (1.12.1899)
- Date
- 1899-12-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3062972-3062973-3063010--00529-3067044- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
AieWayvHsit Redaction u. Administration: Wien, U/l, Novaragaffe 21. Inserate 10 Kreuzer per Nonpareille-Zeile. Abonnements- und Jnjertionsbcträge sind in Wien zahlbar. K. k. österr. Postsparcassa Check-Conto Nr. 846.251. «abhängige Heiischrifi für Mische Erscheint jeden achten Tag. Motto: „Das Siegel Gottes ist Wahrheit! Bezugspreis: Ganzjährig.fl. 6.— Halbjährig.fl. 3.— Für Lnltusbeamte: Ganzjährig.fl. 5.— Für Ausland: Ganzjährig.12 Mark 6 Rubel oder 16 Frcs. Nr. 87. Wien» 1. Derembrr 1899. Inhalt: Der Judenhass. — Antisemitische Lügengewebe. — Eine Erklärung des Prosessors Masaryk. — Jonathan Eibenschitz. — (Gemeinde- und Bereinsbote. — Feuilleton: Heimweh. — Der Vorsängecdienst der Israeliten nach seiner geschichtlichen Entwicklung. — Verschiedene Nachrichten. — Feuilleton: Der Nihilist. Der Judenhass. Wenn wir einen Blick in die Geschichte Israels werfen, so gewinnen wir die Ueberzeugung, dass sie fast eine ununterbrochene Erzählung von Leiden, Qualen und Trübsalen ist. Von der Zeit der Patriarchen bis auf die Gegenwart bildete Israel sehr oft den Gegenstand des Hasses, der Verfolgung und Bedrückung. Bechol daur wodaur omdim olenu lechalausenn. In jedem Zeitalter versuchen unsere Hasser, ihre gefährlichen Geschosse gegen uns zu richten, allein der Allgütige, der nie schläft und nie schlummert, sendet uns seine Schutzengel, edle Fürsten, die durch ihren Machtspruch jenen Dunkelmännern, die angeblich „zur Ehre Gottes", thatsächlich aber, um ihren Ehrgeiz, ihre Herrsch- und Habsucht befriedigen zu können, uns vernichten wollen, Halt gebieten. Warum aber wurde und wird gerade Israel so sehr gehasst und verfolgt? Besteht denn das Judenthum aus lauter unwürdigen, sittlich und moralisch verkommenen Unholden? Sind sie nicht vielmehr eben solch' wackere Staatsbürger, als ihre nichtjüdischen Mitbrüder, sind sie nicht opferwillige Patrioten, stehen sie nicht mit Gut und Blut ein, so oft das Vaterland sie ruft? Haben nicht immer die Söhne Israels auf dem Felde die Ehre für Thron und Vaterland ebenso bereitwillig, wie der „Arier" ihr Leben geopfert? Sind die Juden nicht treue Gatten, opferwillige, zärtliche Eltern, theilnahmsvolle Geschwister? Blicket nur in die'Häuser, in die Familien, und Ihr werdet sehen, welche Liebe, Treue und Zärtlichkeit dort herrscht; Ihr werdet erfahren, dass dort äußerst selten das geheiligte Band der Ehe verletzt und entweiht wird; dass die Eltern, selbst die ärmsten, die größten Opfer für die Erziehung ihrer Kinder bringen; dass sie selbst gerne das Joch der Entsagung und Entbehrung tragen, um nur das geistige und leibliche Heil und Wohl ihrer Kinder fördern zu können. Blicket in die Gemeinden, und Ihr werdet sehen, welche Opferwilligkeit dort herrscht. Die Synagoge hat keinen Fond, aus dessen Zinsen der Cultns und die Cultusbeamten erhalten werden können, sondern sämmtliche Gemeinde-Institutionen und der Cultus verdanken ihre Existenz einzig und allein der Munificenz und Freigebigkeit der Gemeindemitglieder. Für die Armen und Dürftigen, für die Kranken und Leidenden und Dahingeschiedenen wird in jeder jüdischen Gemeinde hinreichend gesorgt, damit Niemand beschämt, gekränkt, zurückgesetzt oder beleidigt werde. Trotz der riesig großen Opfer, die jede jüdische Gemeinde für die Erhaltung ihrer rituellen Anstalten und humanitären Institutionen bringen muss, ohne von irgend einer Seite unterstützt zu werden, bleibt kein Jude zurück, so es gilt, die Noth Andersgläubiger zu mildern und zu lindern. Ja, es kommt nicht selten vor, dass so mancher Jude seine Munificenz und Toleranz in solch' eclatanter Weise bekundet, indem er sich drüben seinem intimen Feinde gefälliger und opferwilliger zeigt, als hier seinem Glaubens- und Stammesgenossen gegenüber. Trotzdem möchte man das Judenthum todt machen und begraben. Warum werden nun gerade wir so gehasst? Wohl versuchen es die Gegner Israels, diesen ungerechtfertigten Judenhass zu beschönigen, indem sie uns vorwurfsvoll zurufen: „Ihr Juden habt große Fehler und Schwächen, durch die Ihr Euch bei den Völkern so sehr verhasst machet. Das goldene Kalb wird heute noch von Euch abgöttisch verehrt, überdies seid Ihr zudringlich, unbescheiden, aufgeblasen, anmaßend und vorlaut." — Sind aber diese Vorwürfe auch gerechtfertigt? Wir geben zu, dass es Einzelne unter unseren Stammesgenossen geben mag, die mit Fehlern behaftet sind; darf man aber einzelner Menschen halber über die Gesammtheit den Stab brechen? Und selbst diese Fehler der Einzelnen sind ja nicht die Folgen des jüdischen Glaubens, der jüdischen Lehre und der jüdischen Race, sondern zumeist und zuvörderst des unsäglich schweren Druckes, unter dem das Judenthum Jahrhunderte lang geschmachtet. „O, blicket mich nicht so verächtlich an, denn ich bin nur deshalb so geschwärzt, weil die Sonne mich gebräunt