Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1899
- Issue
- Heft 36 (21.11.1899)
- Date
- 1899-11-21
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 10. „Wahrheit." Nr. 36. Wien. Herr Siegmund Mayer gibt öffentlich bekannt, dass er sich veranlasst sieht, von der Obmannsstelle des Rechtsschutz- und Abwehrcomitös der „Oesterreichisch-israelitifchen Union" zurückzutreten und gleichzeitig aus dem Vorstande dieses Vereines zu scheiden. Wie«. Einer althergebrachten Sitte gemäß wurden am St. Martinstage von der Pressburger israelitischen Cultusgemeinde die für Se. Majestät bestimmten Martinigänse Vormittags in der Hofburg abgeliesirt. Eine Deputation brachte die Gänse in die Hofburg, wo sie in der „Kammer" von einem Hausosficier übernommen wurden. Es waren zwei Prachtexemplare, die auf weißen Linnen lagen. Die Gänse sind mit Bändern und Maschen in den ungarischen Nationalfarben reich geputzt. Jgla«. Mittwoch, den 8. November d. I. starb der Ober-Cantor i. P., Herr Simon Löw, im Alter von 67 Jahren. Wohl war man auf den Tod des seit mehr als einem Jahre hoffnungslos Leidenden vorbereitet, und doch war Alles tief erschüttert, als sich am genannten Tage die traur'ge Nachricht verbeitete, Cantor Löw ist gestorben. Die ungemein zahlreiche Betheiligung an dem Freitag, den 10. d. M., 2 Uhr Nachmittags stattgefundenen Leichenbegängniffe gab Zeugnis, wie beliebt der Verstorbene gewesen. Cantor Löw war ein ehrenhafter Charakter, ein guter treuer Mann und Beamter, und die Armen verlieren an ihm einen wahren Wohlthäter. Der Verewigte versah in der hiesigen Cultusgemeinde durch vierzig Jahre das Amt eines Cantors in ausgezeichneter und vorzüglicher Weise. Beim Leichenbegängnisse waren anwesend sämmtliche Mitglieder der Cnltusgeineinde-Repräsentanz, die Tempelvorsteher, der Gesammtvorstand der „Chewra Kadischa", die Cultusbeamten und die Religionslehrer. Die Mitglieder des Cultus-Ausschuffes und der „Chewra Kadischa" trugen den Sarg vom Trauerhause in den Tempel, woselbst der Rabbiner Herr Dr. I. I. Ung er in einer längeren Trauerrede die Verdienste des Verewigten um die hiesige Cultusgemeinde feierte und besonders hervorhob, dass Cantor Löw durch die Macht seiner Stimme und die Innigkeit seines Vortrages die Gemeinde zur Andacht stimmte. Mit einem Gebete für das Seelenheil des Verstorbenen endete ini Tempel die Gedächtnisfeier. Nach derselben wurde der Sarg wieder von Mitgliedern der „Chewra Kadischa" auf den Leichenwagen gebracht, worauf der Trauerzug sich zum israelitischen Friedhöfe bewegte. Jur Trauerhausc, im Tempel und auf dem Friedhofe wurden die T-auergesäuge: ,,8estiu'isi, LI mole rachamim“ und „Joschew Vseser“ von unserem tüchtigen Ober- Cantor Herrn David Weiß in wahrhaft erhebender Weise zum Vortrage gebracht» letzterer war so ergreifend, dass kein Auge thräiienlecr blieb. — In der am Samstag, den 12. d M., 6 Uhr Abends abgehaltenenen Cultus-Ausschusssitzung fand ebenfalls eine Trauerkundgebung statt. Der allseits hochgeachtete Vorsteher der Cultusgemeinde, Herr Adolf Lieblich, widmete dem verstorbenen Cantor einen ehrenden Nachruf und hob die vielen Tugenden des Verewigten hervor. Die Ansprache des He.'rn Vorsitzenden machte aus alle Anwesenden den tiefsten Eindruck. Um das Andenken an den verewigten Cantor für immerwährende Zeiten zu ehren, wurde noch beschlossen, diese Trauerkuudgebung dem Sitzungsprotokolle einzuverleiben. Schließlich sei noch erwähnt, dass anlässlich des Ablebens des Cantors Löw viele Beileidskundgebungen von Nah und Fern, und zwar von Gemeinden, Cantoreu und Privaten an die Cultrrsgemeinde, ferner an die trauernde Cantorswitwe, Frau Julie Löw, gelangt sind. Ehre dem Andenken des Verstorbenen! Friede seiner Asche! Austerlitz. Donnerstag, den 2. November ist in Brünn der praktische Arzt, Herr Johann Medak, aus Austerlitz im achtzigsten Lebensjahre nach nahezu fünfzigjährigem ärztlichen Wirken gestorben. Derselbe war Armen-, Gemeinde- und gräflich Kannitz'scher Schloss- und Herrschaftsarzt. Die Leiche wurde von der Leichenbestattungs-Gesellschaft „Asyl" Sonntag, den 5. November nach Austerlitz überführt, um am hiesigen israelitischen Friedhofe zur ewigen Ruhe bestattet zu werden. Von der großen Beliebtheit des Verstorbenen zeugte die große Be'heiligung der hiesigen Bevölkerung ohne Unterschied der Confession und Nationalität. Alles, Alt und Jung, die obersten Schichten der hiesigen Gefellschastsclafse, säinmtliche Beamten drängten sich dazu, um dem nienschenfreundlichen Arzte das letzte Geleite zu geben, nach Tausenden zählte die Menge, die der Bahre folgte. Nachdem von Ober-Cantor Schön init dem vollständigen Tempelchore die Trauergesänge in ergreifender Weise vorgetragen wurden, hielt der Rabbiner Dr. Weiß einen ergreifenden Nachruf, worauf Herr Oberlehreri. P., Herr Diamant, vortrat, um von seinem la-.gjährigen Frcuitdc Abschied zu nehmen und mit dem Schriftverse „Genesis" 31/40: „Tagsüber verzehrte mich der Sonne Glnth, Nachts der Frost", das Wirken des Verstorbenen zu schildern. Brannte die Sonne noch so sengend hernieder, nrochte der Nordwind noch so schneidend ihm entgcgenwehen, Nichts konnte ihn abhalten von der Ausübung seiner Meitschenpflicht, und fand einmal anr Krankenbette sein ärztliches Wissen eine Grenze, so goss er balsamischen Trost in die Wunde der das Sterbebett Umstehenden. Unter denr Eindruck dieser Worte blieb kein Auge thränenleer. Als der Sarg gehoben wurde und der Conduct sich in Bewegung setzte, folgte eine imposante Trauergemeiud', wie sie Austerlitz noch nicht gesehen, bis auf den Friedhof. Boskowitz. Am 5. d. M. fand in Boskowitz das Leichenbegängnis der im 67. Lebensjahre verstorbenen Witwe Elsa Frisch unter großer Betheiligung statt. An ihrem Sarge trauerten ein Sohn und eine Tochter, welch' Ersteier durch viele Jahre der Ernährer seiner Eltern war. Prag. Am 15. November fand hier die Beerdigung des Herrn Samuel Weiseles statt. — Tags darauf wurde hier der Großhändler Herr Rudolf Neach zu Grabe. getragen. An beiden Begräbnissen beiheiligten sich nebst den Angehörigen und Freunden auch die Vertreter zahlreicher Wohlthätigkeiks- Anstalten, deren opferwillige Mitglieder die Verstorbenen gewesen waren. Prag. (Rabbiner-Verband in Böhmen.) Am 1. und 2. d. M. fand die diesjährige Generalversammlung des „Rabbiner-Verband in Böhmen" unter Theilnahme von mehr als 20 Mitgliedern statt. Der Vorsitzende Herr Oberrabbiner Dr. Ehrenfeld eröffnete die Generalversammlung mit einer schwungvollen Rede, die in eine Kundgebung für den Monarchen ausklang. — In einem Rückblicke auf das verflossene Vereinsjahr gedachte der Präsident der beiden durch den Tod dahingerafften Verbandsgenossen, des greisen Rabbiners Schildloff in Tachau und des Rabbiners Dr. Samuel Back in Smichow, welch' letzterer seit dem Bestehen des Verbandes in diesem die Würde eines Vicepräsidenten innehatte. — Hierauf erstattete Dr. Stern (Saaz) ein beifällig ausgenommenes Referat über die zionistische Bewegung. Die Beschlussfassung über eine etwaige Resolution in Sachen des Zionismus, welche vornehmlich die humanitäre Seite desselben zu würdigen hätte, wurde jedoch der nächsten Generalversammlung Vorbehalten. Sodann wurde die „brennende Zeitfrage", die Polnaer Affaire, besprochen. Die Redner: Doctoren Ehrenfeld, Fischer, Kisch und Kurrein .(Teplitz) begnügten sich aber nicht mit flammenden Worten der Entrüstung über die dem Judenthume in dieser Affaire zugefügte Verunglimpfung, sondern regten auch die Ausarbeitung eines Memorandums für die Staatsbehörden an, damit endlich die Verbreitung der Blutlüge in Wort, Schrift und Bild als Beleidigung einer staatlich anerkannten Confession von den Behörden mit aller Strenge des Gesetzes hintangehalten werde. An der diesbezüglichen Debatte betheiligten sich außer den Genannten auch Dr. B i a ch (Brüx), Dr. Neumark (Rakonitz) und Dr. Schornstein (Leitmeritz). — In der Angelegenheit eines Normallehrplanes für den Religionsunterricht an Mittelschulen berichtet Dr. K u r r e i n, seine diesbezüglichen Ideen abermals vortragend, wonach mehr das gottesdienstliche und religiös-sittliche als das philologisch-historische Moment beim Religionsunterrichte in den Vordergrund zu stellen wäre (Gebetbuch, Bibellectüre u. s. w.). Die endgiltige Redigirung des Lehrplanes wurde dem Religionslehrervereine von Prag in Gemeinschaft mit dem Referenten übertragen. — Aus der Reihe der freien Anträge seien hervorgehoben der Antrag des Dr. Fis cher: jede Generalversammlung mit einem feierlichen Gottesdienste zu eröffnen und mit einem öffentlichen populär-wissenschaftlichen Vortrage zu beschließen, ferner der Antrag des Dr. Hirsch, betreffend die Gründung eines jüdischen Religionslehrer-Seminars und andere auf die Förderung des Judenthnmes und Hebung des Rabbinerstandes abzielende Anträge und Anregungen der Verbandsmitglieder Dr. Re ach (Raudnitz), Dr. Blitz (Laun). Galandauer (Soborten) u. s. w. — Schließlich wurde über Antrag des Präsidenten einem Ersuchen des Centralvereines zufolge beschlossen, in kleineren Gemeinden auf deren Wunsch durch Mitglieder des Verbandes von Zeit zu Zeit Gastpredigten abhalten zu lassen. — Für das Vereinsjahr 1899/1900 wurden in den Ausschuss gewählt: Oberrabbiner Dr. N. Ehrenfeld als Präsident, Dr. A. K u r r e i n (Tcplitz) als erster Vicepräsident, Dr. A. Posnanski (Pilsen) als zweiter Vice-