Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1899
- Issue
- Heft 36 (21.11.1899)
- Date
- 1899-11-21
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 36. Die Wahrheit. Seite 11. Präsident, Dr. S. Stern (Saaz) als Cassier, vr. I. Hirsch (Karolinenthal) als Schriftführer, vr. M. Fischer (Prag) und vr. H. Baneth (Gablonz) als Beisitzer. Prag.Der Centralverein zur P flegejüdischer Angelegenheiten hielt am 5. d. M. seine ordentliche Generalversammlung ab. Der Obmann-Stellvertreter Herr vr. Ludwig Pick hielt einen Rückblick auf das abgelaufene Vereinsjahr. Der Geschäftsbericht constatirte eine rege Vereinsthätigkeit. Aus dem von Herrn Siegfried Lieb er s erstatteten Berichte der Handwerkersection ist zu entnehmen, dass der Verein 40 Lehrlinge in verschiedenen Handwerken heranbilden lässt; 11 Lehrlinge wurden freigesprochen, 3 sind bereits selbstständige Meister, die selbst Lehrlinge des Vereines heranbilden. Die Vorsitzende der Section zur Heranbildung israelitischer Krankenpflegerinnen Frau Julie Leisten berichtete, dass diese Section in weiterem Aufblühen begriffen ist und ständige Fortschritte auszuweisen hat; außer dem bereits bestehenden Pflegerinnenheim beabsichtigt die Section, nunmehr auch ein Pensionsinstitut in's Leben zu rufen. Das Referat über die von Herrn Wilhelm Wertheimer geleitete Studentenabtheilung constatirt die Zuweisung von 42 Stellen und appellirt an die Unterstützung der Mitglieder bei Besetzung von Hauslehrerstellen u. s. w. Der Vereinscasster Herr Heinrich D enh o f erstattete den Cassabericht. Die Einnahmen betrugen 4214 fl., die Ausgaben 4890 fl. und das Vereinsvermögen 18.091 fl. Das Deficit per 616 fl. ergibt sich in Folge des gesteigerten Aufwandes, welcher durch das im letzten Vereinsjahre in's Leben gerufene Lehrlingsheim erwachsen ist. Sämmtliche Berichte wurden von der zahlreich besuchten Versammlung mit lebhaftem Beifall ausgenommen und dem Vorstande sowie den Leitungen der einzelnen Sectionen Dank und volle Anerkennung ausgesprochen. Bei der Ergänzungswahl in den Ausschuss wurden die Herren Nvvr. Isidor Herrenheiser, Universitätsdocent in Prag, Marcus Popper, Kaufmann in Prag, und Philipp H e r s ch m a n n, Fabrikant in Beneschau, neu gewählt. Beneschau. Der hiesige Cantor und Rcligionslehrer Herr Gustav Reichner hat die Staatsprüfung für czechische Sprache mit sehr gutem Erfolge abgelegt. Tnnis. In Tripolitanien herrschte in Folge der Ankündigung des Weltunterganges, der durch den Zusammenstoß der Erde mit dem Biela'schen Kometen erfolgen sollte, eine unbeschreibliche Panik. Die Juden schickten ihre Frauen in die Synagogen, um zu beten und Todtenlichter anzuzünden; zahlreiche Arbeiter feierten und wollten sich absolnt nicht dazu verstehen, weiter zu schaffen, da es ja keinen Zweck mehr habe. Die Mohamedaner veranstalteten Processionen, denen die Marabuts mit den Standarten der Moscheen vorausmarschirten, dabei schaffen sie Flinten ab und trieben allerlei Unfug. Die Schuldner weigerten sich, ihre Gläubiger zu bezahlen, so dass der Handelsverkehr fast ganz stockte. Am Montag» den 13. d. M. hatte ein Araber einen Juden wegen einer Summe, die dieser ihm schuldete, vor den Friedensrichter der Eingeborenen geladen; der Jude erkannte die Schuld zwar an, verlangte aber für die Begleichung derselben eine vierzehntägige Frist, die der Araber absolut nicht gewähren wollte, und zwar mit der Begründung, dass das Ende der Welt vor Eintritt dieses Termines erfolgen würde; dem Richter blieb nichts übrig, als beii widerspenstigen Schuldner einsperren zu lassen bis das verhängnisvolle Datum verstrichen war. Der Nihilist. Ein Zeitroman aus dem russisch-jübischen Leben. Bon Moritz Scherbe!. (Nachdruck verboten.) (24. Fortsetzung.) „Schweiget, ich sage es nochmals, schweiget!" fuhr Wandelowicz in wilder Erregung auf. „Ruhig, mein Guter, es wird Euch nicht tödten, wenn Euch die unliebsame Lectüre noch einmal in's Gedächtnis gerufen wird, mir aber kann es von Nutzen sein. Also auf dem Papiere stand: „Herr Wandelowicz! Sie haben auf einen Wechsel über 20.000 Rubel meinen Namen gefälscht, das Papier ist in meinen Händen, und wenn Sie dasselbe nicht bis morgen Mittag eingelöst, so sind Sie dem Staatsanwalt verfallen. N. N.... l" „Ich trug diese Zuschrift zu Ihrer Frau und übergab ihr dieselbe. Die Arme hatte kaum die so schwerwiegenden Zeilen gelesen, als sie, einen Schrei ausstoßend, halb ohnmächtig in die Lehne des Stuhles zurücksank, auf welchem sie saß. Ich wartete ab, bis sie sich erholt hatte, worauf sie mich inständigst bat, zu ihrer Tante Deborah zu eilen und sie zu ihr zu rufen, denn diese allein, meinte sie, könne die Gefahr abwenden, die jetzt über ihrem Mann, über der Ehre ihres Hauses schwebe. Ich bin ein mitleidiger Mensch, der Jammer der vornehmen, aber nichtsdestowen'ger unglücklichen Frau ergriff mich und ich that, wie sie geheißen. Deborah Satrop kam, und da ihr reichliche Geldmittel zu Gebote standen, so half sie Euch glücklich über die gefählliche Lage hinweg. Mich aber ginget Ihr damals darum an, tiefe Verschwiegenheit über das Vorgefallene walten zu lassen." „Und habt Ihr Euere Verschwiegenheit nicht genügsam bezahlt erhalten?" „Pah — die fünftausend Rubel, die man mir damals dazu gegeben, dass ich mich von Mitau entfernen sollte — was war dieses im Vergleich zu dem, was ich zu leisten hatte? Ich bin sonst ein sehr genügsamer Mensch. Allein, da ich selbst damals mittellos war, konnte ich diese Gelegenheit, mir wieder auf die Beine zu helfen, nicht ungenützt vorübergehen lassen, ich verlangte mehr, aber man verweigerte mir es. Schließlich machte ich Euch noch einen Vorschlag, einen Vorschlag, der wohl eigenthümlich in seiner Art, nichtsdestoweniger aber für sich etwas Verlockendes, Verführerisches besaß, und Ihr ginget nach längerem Widerstreben darauf ein. Ihr solltet nämlich, wenn Zeit und Stunde da sein werden. Eueren Alexander meiner Rahel, die Beide damals freilich noch Kinder waren, zum Gatten geben. Die Schwächen, welche die Menschen besitzen, sind verschieden. Die meinige ist z. B. die, dass meine Kinder, mit solchen vornehmen Leuten verbunden, mir zu einem höheren Range verhelfen, da mein eigener Stammbaum leider nicht bis zu den Königen Israels zurückreicht. Und nun gar Euer Alexander. Weiß Gott, was ich an dem Jungen gesehen hatte! Allein er gefiel mir, gefiel mir außerordentlick als künftiger Schwiegersohn, wenn er das geworden, wozu ihn seine geistigen Anlagen, von welchen die ganze Stadt sprach, führen mußten. Genug, Ihr gelobtet mir unter dem Drucke der Verhältnisse das, worauf ich bestand, und ich zog von Mitau fort. Was geschieht nun jetzt? Alexander vergafft sich in ein anderes Mädchen und ich bleibe mit meinen Ansprüchen auf dem Trockenen sitzen." „Lasset doch Alles das jetzt noch auf sich beruhen", sagte Wandelowicz, der froh war, dass Aronson mit seinen Ausführungen zu Ende war. Jetzt kann es uns nur vor Allem daran liegen, zu erfahren, was aus Alexander geworden ist. Wisset Ihr genau, dass er sich nicht in den Händen der Polizei befindet?" „Soviel ich erfahren, sucht man ihn noch, also haben sie ihn nicht." „Hatte er nicht hinterlassen, wohin er sich begeben werde?" „Ich sagte Euch bereits, dass ich zur Zeit nicht zuhause war. Meine Tochter berichtete mir nur, dass er hier mit einer anständigen Dame eine Zusammenkunft gehabt habe. Meine liebe Frau, deren Aufsässigkeit gegen mich bereits stadtbekannt, ja sprichwörtlich geworden ist, verweigert mir absolut jede Auskunft darüber." „Jene junge Dame, wer ist sie, und wem gehört sie an?" „Wie mir Rahel sagte, ist sie die Tochter des reichen und angesehenen Kaufmannes Glanzberg, lebt aber mehr im Hause ihres Großvaters." In diesem Augenblicke ging draußen am Fenster ein junger Mann vorüber, Tritte, die man bald darauf vom Flur vernahm, bekundeten, dass er in das Haus getreten war. (Fortsetzung folgt.)