Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1899
- Issue
- Heft 36 (21.11.1899)
- Date
- 1899-11-21
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6. Die Wahrheit. Nr. 36. zur Aufgabe gesetzt hat, erfüllt? Nein, meine Herren, diese Sache verlangte eine andere größere Auffassung — und andere, ganz andere, größere Mittel, wie man sie in Paris, Berlin, aber auch in Budapest zur Verfügung stellt. Nun frage ich Sie, meine Herren, für wen haben diese mährischen und böhmischen Juden geblutet? Haben sie das nicht für alle Juden! Wäre es nicht eine ganz bestimmte Pflicht auch aller Juden, diese Leute, welche ohne eigene Schuld für uns Alle die Opfer sind^ zu entschädigen? Wäre das nicht eine der ersten Aufgaben eines jüdischen Schutzvereines — w enn wir die Mittel hiezu zu beschaffen wüssten? Oder um noch eine andere Angelegenheit zu erwähnen, wir haben für Galizien eine eigene Aetion eingeleitet, um den dortigen Juden, die ständig verhungern, Arbeit und Brot zu schaffen. Die großen Kosten der Vorbereitung der Vorarbeit mussten wir aus Eigenem bestreiten. Auch hierüber muss ich mich aller Details enthalten, um nicht vorzeitig Opposition im Lande zu erwecken. Wir Juden leiden unter einer ganz merkwürdigen, optischen Täuschung, von welcher die ganze nichtjüdische Bevölkerung uns gegenüber geblendet ist. Dadurch, dass wir Juden nur im Stande waren, uns culturell zu assimiliren, dass wir aber durch die Geschichte und durch die Ehegesetze hüben und drüben nothwendig unsere äußere physische Stammeseinheit behalten haben, namentlich aber dadurch, dass die gesammte Judenschaft durch zwei Jahrtausende auf wenig Erwerbsarten — unter denen gerade die charakteristischeste, die agricole fehlt — zusammengedrängt waren, erscheinen wir den Christen fälschlich als eine einheitliche, gleichförmige Volksmasse. Und wie man zuvörderst, zumeist die aus der gleichförmigen Fläche hervorragenden Spitzen sieht, so beurtheilen die Christen unsere, der Juden ökonomische Verfassung blind nach den verhältnismäßig wenigen Namen, die ihnen jedesmal genannt werden, nach den einzelnen Erscheinungen, die am stärksten und am öftesten in die Augen fallen müssen. Und das ist natürlich ein hellloser und für uns verhängnisvoller Jrrthum. Die socialen Scheidelinien halten natürlich nicht inne vor den Thoren des Ghetto und gehen mitten durch die Juden hindurch, genau so scharf, wie durch die Christen, vom elendsten jüdischen Proletarier, gegen den der christliche noch ein reicher ist, durch die zahllosen Kleinen und Mittleren bis zu den financiellen Spitzen hinauf. Gewiss haben wir österreichischen Juden überall unsere Ober¬ und obersten Millionäre, dann die mehrfachen, einfachen und Halbmillionäre und den wohlhabenden Mittelstand, dann aber die breite Masse des kleinen Bürgerstandes, des kleinen Händlers und die riesige Masse des Proletariats, das stellenweise, wie in Galizien, in einer Verfassung lebt, gegen welche jene des christlichen Proletariats in Men geradezu noch ein Ideal ist. Und weil diese gewaltigen socialen Verschiedenheiten verdeckt werden durch die Gleichförmigkeit der äußeren Erscheinung, mitunter der Lebensstellung und Gewohnheit, werden wir insolange gegen den Willen der großen Mehrheit von uns, gegen unser Interesse, in der Gegenwart wie in der Zukunft nur als diese eine solidarische Masse erscheinen, solidarisch für die Angriffe der Gegner. Man macht uns solidarisch mit Elementen, die sich für uns nicht interesstren und für die wir uns umgekehrt noch viel weniger interessiren dürfen. Ihre Interessen sind durchaus nicht die unserigen. Sie haben die Angriffe des Abgeordneten Berner gehört. Er greift zuerst Rothschild und Gutmann an. Was sind uns, den jüdischen Mittelclassen, diese Beiden? Wenn die Nordbahn nicht verstaatlicht worden ist, haben die Holleschauer Juden die Actien? Wenn die Südbahn nicht leben und nicht sterben kann, haben wir kleinen Juden den Profit aus den Südbahnfonds gezogen? Wenn die Kohlen theurer werden,, haben wir kleinen Juden die Gruben, oder bekommen wir kleinen Juden die Kohlen zum alten Centnerpreis? Wenn die Creditanstalt heute antiquirte oder noch nicht existente Gründergewinne vertheilt, ist die Polnaer Judengemeinde der Großactionär? Aber weil es sich gerade sehr gut macht, ignorirt dieser Abgeordnete, der ein Socialdemokrat sein will, vollständig, dass diese sociale Schichtung auch unter den Juden besteht. Er sagt nämlich ganz allgemein: der Gegensatz zwischen Juden und Christen sei nicht nur jener der Race, der Confession, sondern auch der sociale der Classe — alle Juden gehören ihm zu einer Classe, er kennt keine jüdischen Proletarier, keine jüdischen kleinen Leute — und da ist es denn nur ein weiterer Schritt von ihm, wenn er unterschiedslos alle böhmischen und mährischen Juden als Ausbeuter hinstellt. Dieser socialdemokratische Abgeordnete, um mit ihm fertig zu werden, muss sich gefallen lassen, dass ich ihn vor die Alternative stelle: Entweder er — der selber ein Jude — hat wirklich von dieser socialen Schichtung unter den Juden keine Ahnung, dann ist er wie alle Halbwisser ein gefährlicher Ignorant; oder er kennt sie, und seine Ausführungen sind einzig der Ausfluss seiner Parteitaktik — dann ist nicht nur er um kein Haar besser, als jene von ihm bekämpften Elenden, welche den Nitualmord zu Parteizwecken ausschroten, sondern es wirst diese seine Rede bei der straffen Disciplin der Partei ein gefährliches Licht auf die politische, ja auf die Moral überhaupt seiner ganzen Partei. Der Mann selbst ist noch zu wenig gekannt, als dass ich mich für die eine oder andere Alternative entscheiden könnte. Mag er das selbst, mit ihm bin ich fertig. Aber welche Conclusion haben wir aus dieser seiner Rede für unser Verhalten zu ziehen. Ich denke, sie liegt sehr nahe. Diese optische Täuschung müssen wir zerstören. Wir müssen die socialen Differenzen auch bei uns aufzeigen, constatiren, lebendigmachen. Es gibt keine andere vernünftige Politik, als die der Interessen, und von hüben und drüben muss das Gemeinsame sich zusainmenfinden. Der christliche Proletarier muss wissen, dass ein jüdischer Genosse mit ihm Schulter an Schulter für das gleiche Interesse steht. Der kleine christliche Händler muss wissen, dass der kleine jüdische Händler genau dasselbe ist wie er, genau unter demselben wirthschaftlichen Drucke steht. Erst von dem Momente an, als vr. Lueger seine Parole der „vereinigten Christen", die nicht ziehen wollte, in das Schlagwort christlich-social umgewandelt, die Schaaren des „kleinen Mannes" um sich gesammelt hat, ist er sieghaft geworden. Redner schließt mit dem Appell, die Sache der böhmischen und mährischen Juden nicht im Stiche zu lassen (Lebhafter Beifall.) und beantragt folgende Resolution: „Die Oesterr.-israel. Union protestirt auf das Allerentschiedenste gegen die entweder kenntnislose politisch fraudulose Zusammenwerfung aller Juden als social nicht unterschiedene Classe und die Bezeichnung aller mährischen und böhmischen Juden als Ausbeuter, wie sie vom Abg. Berner gewagt worden ist. Wir missbilligen entschieden die Gleichgiltigkeit, welche die reichen jüdischen Classen in dem allen Juden aufgedrungenen Kampfe bisher bewiesen haben, wir erklären aber auch als Vertretung der jüdischen untersten und Mittelclassen, deren wirthschaflliche Interessen mit jenen der reichen Juden keineswegs solidarisch sind, unbeirrt von der Haltung der letzteren den Kampf gegen die Feinde des Judenthums mit aller Kraft fortsetzen zu wollen." G. R. Brunner sprach in schärfster Weise gegen die von Seiten der Christlichsocialen hervorgerufene Hetze mit Bezug auf das Blutrituale und widerlegte sodann den den Sozialdemokraten gemachten Vorwurf, dass sie eine Judenschutztruppe seien. Auf die Plünderungen in Böhmen und Mähren übergehend, meint Redner, dass sich eure Versicherungsgesellschaft gegen Plünderung und Raub bilden solle. Man werfe den Juden vor, dass sie sich isoliren. Das sei die größte Unwahrheit: „Man will uns isoliren, und nicht wir wollen uns isoliren." (Lebhafter Beifall.) Abg. Hofrath Kareis führte aus, dass wir leider heute von der Humanität über Nationalität zur Bestialität angelangt sind. Die Ereignisse in Mähren hätten nicht jenen Umfang angenommen, wenn die Behörden, an deren Spitze das Ministerium, die nöthige Umsicht bewiesen hätten. Derartigen Zuständen, wie sie jetzt in Böhmen und Mähren vorherrschen, könne nur die Beendigung des Nationalitätenstreites ein Ziel setzen. Heute werde die Nationalitätsduselei als ein gutes Geschäft betrachtet und Aufgabe der Juden sei es, an einem guten Einvernehmen