Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1899
- Issue
- Heft 36 (21.11.1899)
- Date
- 1899-11-21
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 36. Die Wahrheit. Seite 7. Zwischen Deutschen und Czechcn lebhaft mitzuwiiken. Redner tritt schließlich für die Einigkeit aller jüdischen Organisationen ein, um insbesondere den armen und bedrängten Juden helfen zu können. Abg. Di-. Straucher widerlegte das Märchen von der sogenannten Solidarität der Juden. Eine hasserfüllte Atmosphäre gegen Die Juden herrsche im Parlament, es gibt daselbst keine antisemitische Partei, sondern vereinigte antisemitische Parteien von rechts und links. Der arme Jude wird erdrosselt, mit den großen Inden machen die Antisemiten Geschäfte. Redner tritt sodann für die Solidarität der Inden ein. (Lebhafter Beifall.) Es sprachen noch mehrere Redner, worauf die beantragte Resolution angenommen tvnrde. Den Vorkämpfern für Freiheit und Humanität P> ofessor M a s a r i k und vr. K r o n a w e t t e r wurde unter stürmischem Beisalle der Dank votirt. In vorgerückter Nachtstunde schloss der Vorsitzende Dr. Ehrmann' die Versammlung. Jus Ungar». Nachklänge zu dem Tode des Professors David Kaufmann. Kaum ein Vierteljahr ist verstrichen, seit die Leuchte Israels erloschen und der kraftstrotzende Stamm so jählings gefällt wurde, noch haben wir uns vom tiefen Gram nicht aufgerichtet, mit dem das Hinscheiden unseres geliebten Meisters uns erfüllte, und man ist schon auf der Suche nach einem Mann, der seinen verwaisten Platz würdig ausfüllen könnte. Die jüdische Literatur hat zwar in jeder Epoche Heroen erzeugt, doch einen Kaufmann zu besitzen, war nur diesem scheidenden Jahrhundert gegönnt. Ihn hat die Liebe zur jüdischen Wissenschaft frühzeitig gestählt, die Geistesschärfe mit den besten Waffen ausgerüstet, und wie leuchtende Blitze schoss es aus seinem Munde, wenn er über jüdische Geschichte oder Homiletik dissertirte. Die Schüler waren ganz Ohr, wenn er dieses oder jenes Thema behandelte, und wie edle Perlen reihten sich die Worte, wenn er begeistert über den alten, kräftigen jüdischen Stamm sprach. Aus längst verschütteten Gräbern erstanden neue, mächtige Säulen, die den Bau der jüdischen Geschichte aufführen halfen, und da verschmähte er keineswegs die kleinen Steinchen, er sammelte sie mit Ameisenfleiß, legte sie seinen Schülern hin, auf dass sie ihm beim Bau behilflich seien. Wie ergötzte sich das Auge, wie schwoll die Brust beim Anblicke dieses erhabenen Baues! Nie geahnte Dinge kamen da zum Vorschein. So lehrte und arbeitete Kaufmann emsig und unverdrossen. Und wer beherrschte noch die deutsche Sprache in dem Maße, wie Professor Kaufmann! Alle, die Gelegenheit hatten, zu den Füßen unseres geliebten Meisters zu sitzen, hatte sein deutscher Stil galvanisirt. Nicht gekünstelt und geschroben, sondern für jeden Begriff den treffendsten Ausdruck bei der Hand zu haben, das war Meister Kanfmann's eigenste Natur. Wer je ihn gehört, musste sich für die deutsche Sprache erwärmen, und keiner seiner Schüler verließ die Anstalt, der nicht wenigstens schriftlich sich correct deutsch auszndrückeu vermochte. Und das ist nicht gering anzuschlagen, wenn man bedenkt, dass er es oft mit Kernmagyaren zu thun hatte, die das Deutsche nicht so leicht sich zu eigen machen konnten. Von seinen zahlreichen Schülern wirken einige als Professoren an deutschen Rabbincranstalten, mehrere versehen das Predigeramt in deutschen Gemeinden, und sie alle fühlen sich auf dem deutschen Sprachgebiete ganz zu Hause. Das ist das eigenste Werk David Kanfmann's. Und welch' ein liebevoller, fürsorgender Vater war er allen bedürftigen Schülern, wie ermunterte er sie, wenn sie erschlafften, wie stand er ihnen hilfreich zur Seite, wenn sie ihm ihr Weh klagten; über Alles und Jedes holte er genaue Erkundigungen ein, um liebevoll Allen beizustehen, bei dcwn dw Roth sich eingestellt. Auch hierin hat Professor Kaufmann eine Leere zurückgelassen, die nicht leicht auszufüllen ist. Weil man dies in der Rabbineranstalt zu Budapest eingesehen, dass der verwaiste Lehrstuhl nur schwer zu ersetzen ist, hat man einstweilen Umgang genommen, für dieses Schuljahr ihn zu ersetzen, und haben Professor Bacher und Professor Blau zur Aushilfe sich bereit erklärt. Am 16. Oetober l. I. wurde das Requiem abgehalten. Professor Blau, ein Schüler des Verstorbenen, würdigte in markanten Zügen die Leistungen unseres unvergesslichen Meisters. Von dem zweiten Vers des I I. Capitcls Jesaias ausgehend, schilderte er den durchdringenden Geist, den Alles zersetzenden Verstand, die gottbegeisterte Liebe des seligen Professors zum Judenthum und seinem Schriflthum. Und auf's Neue stand die Gestalt, die nunmehr verklärte, vor allen Anwesenden, Alles beweinte schmerzvoll den unersetzlichen Verlust, Alles gelobte, den Fußstapfen des geliebten Meisters zu folgen, hat er ihnen ja den Weg vorgezeichnet, der zur Glückseligkeit führt. Wir Alle werden ihm ein treues Andenken bewahren. Ungarische Prediger. Seit dem Bestände der Landesrabbiner-Anstalt zu Budapest hat die Predigt in Ungarn riesige Fortschritte gemacht. Früher waren nur in einigen größeren Gemeinden zur Hebung der Andacht Prediger angestellt, die zum großen Theile in ausländischen Seminarien ihre Studien vollendet hatten. Gemeinden mit geringen Mitteln konnten mit dem besten Willen sich diesen Luxus nicht gönnen, außerdem waren die hiezu befähigten Prediger nicht so leicht zu finden. Nach mehr denn zwanzigjährigein Bestände der Rabbinerschule hat jede halbwegs gut situirte Religionsgemeinde ihren Rabbiner, an dessen ungarischen Predigten die Gemeindemitglieder sich erbauen. Im orthodoxen Lager jedoch will man vom Fortschritt nichts wissen, dort hat noch immer der Jargon das Gotteshaus in Pacht genommen, hie und da hört man auch das deutsche Wort erklingen, und in neuester Zeit hat man nach großem Kampfe in einigen orthodoxen Gemeinden sogar ungarische Prediger angestellt. Nebst Miskolcz, Halas, Neutra, hat jüngst auch Balaffa-Gyarmat die Wahl eines ungarischen Predigers beschlossen. Ob der Beschluss auch zur Ausführung gelangen wird, das ist nicht zu entscheiden. In der am 29. Oetober abgehaltenen Ausschuss sitzung ging es ungemein heiß her. Einige unruhige Elemente hatten den greisen Rabbiner dazu bewogen, dass er mit einem Bannstrahl diejenigen belege, die für die Wahl eines Predigers gefrimmt. Trotz solcher Mittel hat die Majorität ihren angenommenen Standpunkt nicht verlassen, sie beharrt unbekümmert um den Cherem darauf, dass in ihrem Gotteshause ungarisch gepredigt werde. Es wird voraussichtlich noch eine Weile dauern, bis man den Mann ausfindig macht, der den dem Fortschritt Huldigenden als auch den Confervativen in jeder Beziehung entspricht, doch hat es schon viel zu bedeuten, wenn langsam im orthodoxen Lager Bresche geschlagen wird, wenn man auch dort für eine regelrechte Predigt sich begeistern kann. Schule und Haus sind längst von der Bildung der neueren Zeit durchträltkt, nur noch das Gotteshaus steht verwaist bei den orthodoxen Brüdern. Mit der Heranwachsenden Jugend werden die Thüren des Gotteshauses der ungarischen Predigt geöffnet, und