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Die Wahrheit · 1899-11-21 · Heft 36 (21.11.1899) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1899
Issue
Heft 36 (21.11.1899)
Date
1899-11-21
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 36. Die Wahrheit. nur die Bullen der Päpste und die Edicte der Herrscher, sondern auch die Processacte und Aussprüche hervorragender Zeitgenossen aus allen Berufsclassen behandelt werden, nach Thunlichkeit unter das Volk gebracht werden. Was frommt es uns, wenn nur wir diese Dinge lesen; können wir denn Denen, die die von den Lügen einer Schandpresse inficirt sind und an der Wahrheit derselben glauben, mit Worten beikommen? Der einfältige Leser eines „Deutschen Volkblattcs" ist dem gesprochenen Worte nicht so zugänglich wie dem gedruckten. Daheim in seinem Kämmerlein muss er das schwarz auf Weis; lesen, wenn eine Gegenagitation von Erfolg gekrönt sein soll. So wäre es auch, wenn man der Bevölkerung die Augen öffnete über ihre antisemitischen Verführer, indem man derselben die Strafen der bei der That ergriffenen oder nachgewiesenen Plünderer recht klar vor Augen führte und die Bedeutung und die eigentliche Ursache der Kugeln von Holleschau und Wsetin in Druck und Schrift plausibel machte. Es wären dann ihrer Wenige, die Steine auflesen würden, um sie in Judenhäuser zu schleudern, und für diese Wenigen, das sind Diejenigen, die nichts zu verlieren haben, reichen die Aufsichts-Organe jeder Stadt noch aus. Oesterr.-ilrael. llnion. Dienstag, den 14. d. M. hielt die „Union" im Hotel Continental eine zahlreich besuchte Plenarversammlung ab, welcher u. A. auch die Reichsraths-Abgeordneten Hofrath Kareis und vr. Straucher, sowie Gemeinderath Brunner beiwohnten. Nach Eröffnung der Versammlung durch den Vorsitzenden Dr. Eh rman n, der ein Begrüßungstelegramm des in Süden weilenden Vereinspräsidenten kais. Nath A n n i n g e r zur Verlesung brachte, erstattete der Bureauleiter Herr Siegfried Fleischer den Thätigkeitsbericht des Rechtsschutz- und Abwehrbureaus, das im laufenden Jahre sein Hauptaugenmerk der Affaire Polna und anderen Ritualmord-Affaireu widmen musste. Unter anderen Angelegenheiten von allgemeinem Interesse ist noch die Action zur Verbesserung der materiellen Lage der galizischen Inden zn erwähnen, welche durch Gründung von den Landesverhältniffen entsprechenden Industrien herbeigeführt werden soll. Hierauf hielt Herr Siegmuud Mayer folgenden Vortrag über „die Lage der österreichischen I u d e n s ch a f t": „Meine Herren! Wenn ich es übernommen habe, hier über die gegenwärtige Lage zu sprechen, so erwarten Sie nicht von mir, dass ich dieselbe in herzbrechenden Bildern zu schildern suche. Das ist in urrserem Kreise überflüssig. Wir alle kennen diese Lage, sie lässt sich in ganz wenigen Worten zusammenfassen. Die kleinen Existenzen in Galizien, irr Böhmen, in Mähren und auch in Wien, werden vernichtet, die mittleren Existenzen schwer bedroht — die großen reichen, gedeihen allerdings weiter, aber die errungene bürgerliche Gleichstellung, das bürgerliche Recht wird ihnen genau so geschmälert wie uns Allen, die Ehre wird uns Allen tagtäglich abgeschnitten. Und dieser Lage stehen wir seit Decennien ohne Schutz von oben gegenüber. Denn das kann man keinen Schutz nennen, wenn die böse Saat endlich in die Halme geschossen, wenn in Oesterreich, also mitten in einem civilisirten Land, nicht bei den Tactaren oder Kalmüken, geplündert wird, dass man dann, sage ich, schon weil man sich des Auslandes wegen schämt, auf die Leute schießen muss. Nicht von dieser Lage an sich möchte ich darum sprechen, sondern wie wir uns zu derselben stellen müssen. Unsere Deutschen wollen ein Oesterreich, nur wenn es deutsch, unsere Slaven, nur wenn es slavisch — die Feudalen, nur wenn es feudal — die Clericaleu, nur wenn es clerical ist. Wir Juden in Oesterreich sind die einzigen, die ein Oesterreich wollen saus pllrnstz, ein Oesterreich ohne Bedingungen. Zu dieser Thatiache kommt noch die weitere am schwersten wiegende, dass jede einzelne dieser Parteien, wenn sie sich auch alle gegenseitig bis zur Unvernunft, Seite 5. auf's Messer bekämpfen, dass, sage ich jede derselben uns Juden der anderen Partei als Futter zum F.aße vorwerfen, dass sie alle ohne jedes Gewissen uns Juden als Kanonenfutter verwenden wollen. Wir haben uns darum gegen alle Parteien zu wehren: Welche ernste Conclusionen haben wir aus diesen Thatsachen zu ziehen? Ich glaube eine sehr klare: dass wir Juden diesen fanatischen nationalen Kampf nicht mitmachen können, dass wir uns auf die Abwehr unserer Feinde beschränken müssen; und dass wir in dieser Selbstbeschrünkung verharren, insolange nicht die Staatskunst der österreichischen Staatsmänner das Mittel gefunden hat, die Völker Cisleithaniens zur Vernunft zurückzuführen und aus den rein nationalen rein politische Parteien zu machen; sei es, dass sie diese Umwandlung durchsetzen durch die Vernichtung der heutigen führenden nationalen Cliquen auf dem Wege des allgemeinen Wahlrechtes, sei cs auf einem anderen Wege, den zu errathen, ich nicht Witz genug habe. Nun Sie wissen, meine Herren, wir, die „Union", vertreten diese Ansicht schon lange, und von diesem Standpunkte aus hat auch Ihr Vorstand seinerzeit eine Abwehr organisirt und seine ganze polnische Thätigkeit auf dieselbe beschränkt. Hoffen wir — wünschen wir wenigstens das Beste. Aber nach einer Richtung habe ich schon lebhafte Besorgnis. Sie wissen Alle, meine Herren, zum Kriegführen gehört Geld. Und da verrathe ich Ihnen kem Geheimnis: wir, die „Union", haben kein Geld. — Redner erwähnt dann die von der „Union" eingeleitete Subscription und fährt fort: Bei unseren „Groß-Juden" haben wir auch mit diesem allgemeinen, Appell keinen Erfolg gehabt! Nicht nur dass ein Theil von ihnen auf die Aufforderung gar nicht reagirt hat — unO unter diesen befindet sich, charakteristisch genug, ein Mann allererster Vermögensclaffe, welcher allerdings nur mit seinem Namen, nicht mit seiner Thätigkeit an der Spitze einer großen Judengemeinde steht — sondern auch Diejenigen, welche sich gemeldet haben, mit einer einzigen anständigen Ausnahme, so lächerlich kleine Summen beigetragen, dass wir wohl sagen können, sie haben sich nur mit uns, d. h. den Juden, „a b f in den" w o l l e n; und zumeist haben sie es in einer Art gethan, welche dem Missvergnügen, bei dieser ganzen jüdisch gemeinsamen Sache überhaupt herangezogen zu werden, deutlich bekundet hat. Der Eine fügt seiner Sendung die unwirsche Bemerkung bei: „ein für allemal", d. h. ganz deutlich, man möge ihn nicht mehr belästigen, ein zweiter noch größerer, d. h. noch reicherer bedingt sich seine Verschweigung in der Liste, und so fort mit Grazie. Aber, meine Herren, auch mit den zweit- und drittclassigen, den armen, nur zwei-, einfachen und Halb- Millionären haben wir ganze schlimme Erfahrungen gemacht. Der Steuercataster der Cultusgemeinde weiß von einer überraschend starken Liste solcher Steuerträger zu erzählen. Nun, die Mehrzahl dieser Herren glänzt in unserem Verzeichnis durch die Abwesenheit, und die tbatsächlichen Beiträge der Anderen stehen gleichfalls in grellem Missverhältnis zu der Wichtigkeit der Sache, zu der Leistung, auf welche wir Hinweisen konnten, und in dem allerstärksten zu der financiellen Leistungsfähigkeit der Herren selbst; ist doch Jeder von ihnen gewohnt, für ungleich geringere, ja geringe Dinge, für eine Laune ganz andere Summen auszugeben. Was wir eingenommen, verdanken wir nahezu ausschließlich dem Verständnis und der Theilnahme unserer jüdischen Mittelclasse, und dem gerne gezollten Tribut vieler unserer kleinen Leute in Wien wie auch in der Provinz. Nur diesen Mittel- und kleinen Leuten danken wir es, dass wir schließlich eine Summe eingenommen haben, die uns in den Stand gesetzt hat, einen Vorschuss zurückzuzahlen, ohne welchen wir schon vor Jahr und Tag hätten unser Bureau auflösen müssen, den vielen Anforderungen, welche die letzten Monate uns gebracht haben, gerecht zu werden, und für einen weite: en geraumen Zeitraum unser normales Budget zu decken. Wohlgemerkt, das normale laufende Geschäft der Abwehr, das sich sozusagen, bei uns herausgebildet hat. Aber ist mit diesen normalen Angelegenheiten die Aufgabe einer Corporation, die sich die Vertheidigung der Juden

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