Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1899
- Issue
- Heft 36 (21.11.1899)
- Date
- 1899-11-21
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Die tDafyrrjt, Seite 4. Nr. 36. gefallene Plünderungen haftbar gemacht werden sollen, wäre allerdings den Plünderungen und deren Consequcnzen — dem Schießen dort Schranken gezogen, wo, wie z. B. in Hollefchau, die Stadtbehörde den Plünderern wohlwollend gegenüberstand, oder Aar mit denselben fraternisirte. Oft aber kann die Stadtbehörde beim besten Willen nichts thun. Und dann nicht in allen Städten sympathisirt die Ortsobrigkeit mit den Plünderern. Der Mob, der wohl keiner Stadt fehlt und zumeist aus halbwüchsigen Burschen zusammengesetzt ist, wird und kann mit Leichtigkeit oon der Stadtbehörde im Zaume gehalten werden. Dies wissen die blutdürstigen und beutesüchtigen antisemitischen Hetzer sehr gut und verlegen ihre agitatorische Thätigkeit auf das stäche Land, wo sie noch den Vortheil genießen, sich leichter der Controle entziehen zu können. Broschüren, Flugschriften und Lieder bearbeiten den Boden, Wirthshausgespräche vervollständigen die Saat. Der Dorfbewohner wird über das Wesen der Demonstrationen aufgeklärt, die darin gipfeln, dass man vom gedruckten Worte zur That übergeht. Denn nach den Druckschriften, die den Dorfbewohnern zu Händen kommen, ist ja das jüdische Eigenthum — weil unrechtmäßig erworben — vogelfrei. Dass dann F-lintenkugeln den Schlussrefrain bilden, wird wohlweislich verschwiegen. In Austerlitz zum Beispiel fand am 31. Octoüer eine Protestversammlung gegen die Aufhebung der Sprachenverordnung statt. Der Zuzug aus den umliegenden Ortschaften war, da die Versammlung nicht genügend vorbereitet wurde und auf einen Wochentag fiel, ein äußerst schwacher. Trotzdem war es nur einerseits der Wachsamkeit der Behörden, und andererseits den Juden selbst, die den Provocateuren sorgsam aus dem Wege gingen, zu danken, dass es nicht zu Ausschreitungen kam. Man sah allenorts bleiche, ängstliche Gesichter einherschreiten, weitaus der größte Theil der jüdischen Bevölkerung legte sich in dieser Nacht angekleidet zu Bette, und der geringste Lärm machte sie erbeben. Für den 19. d. M. ist abermals eine derartige Versammlung angemeldet. Die Städter verhallen sich demgegenüber ganz passiv, abgesehen vom Mob, der nichts zu verlieren hat. Jedoch ist es allbekannt, dass die Dorfbewohner der Umgebung sich zu einem regelrechten Angriff auf jüdisches Eigenthum vorbereiten. Kann man da bei eventuell vorkommenden Ausschreitungen der Stadtbehörde eine Schuld beimessen? Der Dorfbewohner bleibt dabei aber immer nur der Verführte. Da fällt uns auch ein Vorfall ein, der sich bei der „Zde“- Affaire in Gaja zutrug. Die Controlpflichtigen wurden durch Wort und Schrift aufgefordert, sich nur mit „Zde“ zu melden, was auch Einige trotz der Mahnung des die Controle vornehmenden Officiers thaten. Einer jedoch legte ganz einfach seinen Militärpass vor, meldete sich weder mit „Zde“ noch mit „Hier" und glaubte damit den goldenen Mittelweg zu wählen. Was ist die Lehr' von der Geschicht'? Dass der Betreffende sich ebenso sehr vor dem Terrorismus seiner Landsleute, als auch vor der Strafe der Militärbehörde fürchtete. Dieser Fall illustrirt am besten den Terrorismus der Hetzer und der Agitatoren. Angesichts dieser Thatsachen müssen wir uns fragen: Ist uns mit einem Gesetzentwürfe, wie ihn Herr Sigmund Mayer vorgeschlagen, geholfen? Wir glauben, auch wenn derselbe Aussicht hätte, zum Gesetze erhoben zu werden, was doch mehr als zweifelhaft ist, nur äußerst wenig. Was sollen wir also thun? Hierauf lautet unsere bescheidene Antwort: Lernen wir einmal von unseren Feinden! Dieselben vertheilen unentgeltlich Broschüren, Flugschriften und Tractätlein, die zwar von Lügen strotzen, aber trotzdem ihre Wirkung nicht verfehlen. Können wir nicht ebenso gut unter den Schichten dieser verführten Bevölkerung Broschüren und Flugschriften vertheilen? Wir brauchen gewiss nicht zu befürchten, dass diese Broschüren der Confiscation verfallen werden, da durch dieselben der Bevölkerung in wahrheitsgetreuer Darstellung die Augen geöffnet und die Leute vor ihren Verführern gewarnt würden. Man wird wohl zur Antwort geben, dass dies Pflicht der Regierung sei, und fasst diesbezüglich Resolutionen in verschiedenen Tonarten, um die Negierung an ihre Pflicht zu mahnen; aber gleich dem Staatsgrundgesetz, das alle Staatsbürger ohne Unterschied der Consession gleichstellt, bleiben alle Resolutionen auf dem Papier und haben keinen praktischen Erfolg. Herr Dr. Fi alla illustrirte treffend unsere Lage mit den Worten: „Mit den Vorstellungen, Audienzen und Eingaben an die Negierung kann die Summe dessen, was der österreichischen Judenschaft zu thun obliegt, nicht erschöpft sein." Was uns zu thun obliegt, betonte Herr Gemeinderath Brunner. Jeder Eidzelne von uns ist verpflichtet, jedem Angriffe entgegenzutreten, und müsste er auch in die Cloake hinabsteigen, aus welcher diese Angriffe kamen. Als seiner Zeit Herrvr. Sieger ersucht wurde, den lügenhaften Wortverdrehungen des „Deutschen Volksblattes" entgegenzutreten, fühlten wir es ihm nach, dass es tief unter seiner Würde sei, sich mit diesem Blatte in eine Polemik einzulassen; aber der Leserkreis, der diese Lügen liest, glaubt daran, und darum sind wir verpflichtet, diesen Glauben zu zerstören. Wir müssen zur Selbsthilfe schreiten, da uns der Staat nicht schützt. Die jüdische Presse, in ihren Zielen höchst lobenswerth, kann sie allein die Mission der Ausklärung erfüllen? Rein! Sie bringt wohl zu Hunderten und tausenden Beweise, dass das Ritualmärchen eine der niederträchtigsten Lügen ist, die die Bosheit ersonnen hat; aber werden diese jüdischen Blätter von den breiten Schichten der Bevölkerung gelesen? Wir, die wir das lesen, wissen es und sind auch ohne diese Beweise überzeugt, dass der Jude den Mord aus rituellen Gründen nicht kennt, dass diese scheußliche Lüge nur ein Ausfluss menschlicher Niedertracht ist. Ja es werden die jüdischen Blätter auch von den lügnerischen Wortführern des verführten Volkes gelesen, die da wissen, dass sie Lügen colportiren und diesen ihre Erfolge verdanken. Sie lesen dieselben, um den Inhalt verdreht und verstümmelt wiedcrzugeben und ihren Lesern als sensationelle literarische Kost vorzusetzen; denn.selbst in Acten und Büchern vergangener Jahrhunderte zu suchen, reicht zu Oefterem ihr Geist nicht hin. Sollten wir annehmen, ein Di°. Baxa wisse nicht, dass der Ritualmord, gleich den Hexenproceffen, ein Product des mittelalterlichen Aberglaubens ist, auf welchem die Inquisition Orgien feierte? Wir können das doch nicht glauben, denn wie armselig bestünde es dann mit dem Wissen und der Bildung eines akademisch gebildeten Juristen? Aber die Lüge muss fructificirt werden, da es das Geschäft erfordert. Der Leserkreis der antisemitischen Zeitschriften, der durch die abscheulichsten Lügen verhetzt wird, liest aber nur diese Schandliteratur, und das Ucbrige thun Broschüren und Traetätlein, die en masse, zum größten Theil gratis, an das Volk vertheilt werden. Darum sollten volksthümlich abgcfasste Broschüren und Flugschriften in den verschiedenen Landessprachen, für den Leserkreis der antisemitischen Lügenpreffe berechnet, in welchem nicht