Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1899
- Issue
- Heft 35 (11.11.1899)
- Date
- 1899-11-11
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 10. „Wahrheit." Nr. 35. Verschiedene Nachrichten. Wien. Sonntag, den 5. d. M. fand im LeopoldstädterTempel die Trauung der Tochter des Herrn Lector M. Friedmann, Fräulein Etty Friedmann, mit Herrn G. Borisewitz statt. Unter den Anwesenden bemerkten wir den Cultusvorsteher Bezirksschulrath Dr. Marcus Spitzer, Vertreter des Curatoriums und den gesummten Lehrkörper des Rabbinerseminars, die Rabbiner Dr. Ungerleider, Löwy, Sor, Dr. Templer, Religionsschulinspector Dr. Kanitz, Dr. Kahn und zahlreiche Besucher des Beth - Hamidrasch. Rabbiner Dr. Schmied! wies in seiner Ansprache an das Brautpaar auf die Heiligthümer des Judenthums hin: Gotteshaus, Lehrhaus, Familienhaus, durch deren Hoch Haltung das Judenthum sich seine Eigenart bewahrt hat. Die cantorale Function versah I. Cantor M. Blatt mit erhebender Weihe. Das Hochzeitsmahl erhielt durch mehrere geistreiche Tischreden besondere Würze. Wie«. Die Musikvereinigung „Harfe" sucht einen Cellisten als Mitglied. Anmeldung beim Vicepräses stack. mell. Hugo Alt, 1. Bezirk, Lazzenhof 1. Prag. Vor Kurzem ist in Habern der hochverdiente Lehrer und Cantor, Herr Moses Strünskh, nach beinahe 4Ojähriger Thätigkeit in dieser Gemeinde im Alter von 67 Jahren gestorben. An seinem Leichenbegängnisse nahm eine große Zahl von Leidtragenden theil. Am Grabe widmeten der Rabbiner Dr. Carl Thieberger aus Goltsch-Jenikau und Namens der Cultusgemeinde der Präses, Herr Dr. M. Lengsfeld, dem Verblichenen tief empfundene Abschiedsworte. GrStrehlitz. Am 22. October begingen Herr Cantor Steiner und Gattin die sünfundzwanzigste Wiederkehr ihres Hochzeitstages. Die Gemeinde benutzte die Gelegenheit, um ihre Liebe und Verehrung für ihren ersten Beamten in glänzender Weise darzuthun. Vorstand und Repräsentanten erschienen vollzählig in der Wohnung des Jubilars, um demselben unter Ueberreichuug einer kostbaren Schale zu beglückwünschen. In erhebenden Worten drückten ihre Sprecher, die Herren Rentier Burg heim und Kreisphhficus Sanitätsralh Dr. G r ä tz e r, ihr herzliches Vertrauen zu seiner Wirksamkeit aus. Mit Recht konnte der Gefeierte in seiner Erwiderung hervorheben, dass es ihn stolz mache, in einer Gemeinde zu wirken, wo das Verdienst des Beamten derart würdigend anerkannt werde und wo wahrend seiner 22jährigen Thätigkeit, dank dem Entgegenkommen der Mitglieder, stets volle Einmüthigkeit zwischen ihm und seiner Gemeinde geherrscht habe. Die schöne Feier wird allen Betheiligten nach lange in Er- - innerung bleiben. Von der allgemeinen Beliebtheit des Jubelpaares zeugen die unzähligen Glückwünsche und kostbaren Geschenke, die ihm von allen Seiten ohne Unterschied der Confession übermittelt wurden. Möge es dem Jubilar vergönnt sein, noch lange in frischer, ungebeugter Kraft in unserer Gemeinde zu wirken! Kanada, 30. September. Aus den jüdischen Colonieil kommen günstige Nachrichten, die Ernte ist im Gang und verspricht die beste zu werden, welche die Ansiedelungen bisher gehabt haben. Leider ist am 15. v. M. Prairiebrand ausgebrochen, der großen Schaden angerichtet hat; die Häuser und die Ernte in den Scheunen konnten zwar gerettet werden, aber auf acht englische Meilen in der Runde ist das Land verwüstet, alles Heu verbrannt und die Weide für das Vieh zerstört. Es wird den Colonisten nicht leicht sein, für ihre Thiere das Futter herbeizuschaffen. Jetzt sind auch die Schulen in den Ansiedelungen eröffnet; sie sollten nach den Intentionen der Jewish Colonisation Association unentgeltlich sein, allein die Negierung hat dies nicht genehmigt und bestimmt, dass ein Schulbeitrag von zwei Dollars pro Kopf von jedem Colonisten erhoben werden soll, der ein Haus besitzt. Die Schulen stehen unter der Direction des Herrn S. A. G o l dst o n e, den die Regierung übrigens auch zum Friedensrichter des Bezirkes ernannt hat. Literatur. DJ von P. Minko wski, Obercantor in Odessa. Eine beachtenswerthe, in geschicklem Hebräisch geschriebene Abhandlung über das Volkslied bei den verschiedenen Völkern, namentlich aber bei den Juden in alter und neuer Zeit. Mit der Fachliteratur gut vertraut, tritt der Verfasser der Meinung, als ob es nie eine originelle jüdische Musik gegeben hätte, energisch entgegen und stellt die wahrscheinliche Hypothese auf, dass die Scala E, f, gis, a, h, c, <1, e, der sogenannte N2N N2NX-Steig er, originell jüdisch sei, da diese Scala sich sonst nirgends findet. Für Fachmänner wird namentlich das letzte Capitel von besonderem Interesse sein, weshalb wir die Herren Cantoren auf diese Broschüre besonders aufmerksam machen. Betrachtungen über die Haftharas vom ganzen Jahre. Von Rabbiner Josef Nobel in Halberstadt. Bei I. Kauffmann. 4°50 M. In glänzender Ausstattung bietet hier der Verfasser dem religiösen Publicum ein Werk dar, welches von Jedem nicht ohne Interesse wird gelesen werden können. Die Sprache ist ineist edel und der Inhalt belehrend und anregend. Nur stört die bei den Stockorthodoxen wohl übliche Bezeichnung Gottes durch Haschen: — solche Frömmigkeit ist denn doch ein wenig übertrieben! Auch vor sachlichen Fehlern hat sich Verfasser nicht in Acht genommen. Seite 18 heißt es: Zum ersten Schritt auf diesem Wege (Gottes) hat Abraham ausgeholt, als Terach in Charan starb und Haschen: (!) an dessen Sohn Abram das Wort richtete: Für Dich allein (?) u. s. w. — Hätte der Verfasser genau zugesehen, so würde er gefunden haben, dass Terach noch über 60 Jahre lebte, nachdem Abram ausgewandert war, wie schon Raschi zu Gen. 11, 32 richtig bemerkt! Auch sonst liebt es der Verfasser, der heiligen Schrift durch eigenartige Deutringen und Erklärungen fast Gewalt anzuthun. So soll die schöne Abischaj in dem Complot Adonias mitverwickelt gewesen sein! Die Höflinge hätten sie zu diesem Zwecke bei David — eingeschmuggelt! Dass bei solcher Erklärung die einleitenden Worte: „Man bedeckte ihn (David) mit Kleidern, aber es wurde ihm nicht warm" keinen Sinn haben, scheint Verfasser übersehen zu haben. — Aber trotz solcher Mängel dürfte dieses Werk sich viele Freunde erwerben. Rabbiner Dr. K a h a n. Lehrbuch der jüdischen Geschichte und Literatur. Von Dr. M. L e v i n. Dritte umgearbeitete Ausgabe. Berlin. Verlag von S. Calvary & Comp. 1900. — Das 389 Seiten umfassende Buch schließt sich würdig dem Lehrbuch der biblischen Geschichte und Literatur desselben Autors an. An guten Lehrbüchern auf diesem Gebiete ist trotz der starken Production gerade kein Ueberfluss. Die einen bieten zu viel, andere zu wenig; die meisten haben beide Mängel. Stylistisch sind besonders die für österreichische Schulen gebräuchlichen Bücher mit wenigen Ausnahmen nicht lobenswerth. Die Wiener Cultusgemeinde hat es für gut befunden, sich ein Lehrbuch der jüdischen Geschichte für Mittelschulen aus Breslau zu verschreiben. Ehrenhaft ist das nun für die inländischen Religionslehrer gerade nicht; man hat es nicht einmal versucht, einen zur Abfassung einzuladen oder eines der vorhandenen Lehrbücher — und es gibt deren genug — entsprechend umzuarbeiten. Man bequemt sich in Oesterreich eben die zollfreien Gedanken zu importiren. — Es handelt sich, da diese Bücher beim Religionsunterricht gebraucht werden sollen, nicht allein um die historische Richtigkeit und Wissenschaftlichkeit in der Behandlung des Stoffes, sondern um warmen und überzeugenden Vortrag; nicht nur um Geschichte, sondern um Heraushebung der für die Religion wichtigen Ereignisse, namentlich um treffende Charakteristik hervorragender Persönlichkeiten. Es soll doch erziehlich gewirkt werden. Vor vielen Fehlern hat sich Lev in gehütet, und sein Buch zeichnet sich durch gut angebrachte Präcision und richtige Ausscheidung des Wichtigen von minder Bedeutendem vortheilhaft aus, wobei keine Periode auf Kosten der anderen behandelt wird. Richtig und natürlich ist es, dass je mehr sich die Darstellung der Gegenwart nähert, umso ausführlicher die Erzählung wird. Da, wo der Verfasser die geschichtlichen Quellen sprechen lässt und Originalstücke in weiterem Umfange citirt, ist es wohl aus deren Wichtigkeit erklärbar; doch scheint die vollinhaltliche Wiedergabe nmncher Stücke, z. B. der Rede Agrippa's II. an das Volk, des Guten zu viel; wohingegen die Wiedergabe der Ansprachen Josephus', des Briefes Chasdai's an den Chazarenfürsten und dessen Antwort, Maimuni's Briefes, Mendelssohn's unvergesslicher Worte über Staat und Kirche, Gabriel Rießer's markiger Mannesworte, recht wohlangebracht erscheinen. Die Ergebnisse der kritischen Forschung werden überall stillschweigend verwerthet und manchmal gute Stücke aus den Werken bekannter Forscher wortgetreu wiedergegeben. Gelungen ist den: Verfasser die Darstellung der schwer zu behandelnden Tulmud-Periode, allerdings fehlt auch in diesem Buch eine treffende Charakteristik des Talmud; leicht ist-das nun freilich nicht, sollte aber bei der hohen Wichtigkeit nicht versäumt werden. Die charakteristischsten Gelehrten, wie: Hillel, Jochanan b. Sakkai, Akiba, Meir, Abba Areka, Mar Samuel, Juda Hanasst u. v. a. sind scharf ymrissen. Die schwarzen Blätter in der Geschichte der Juden aus den Zeiten des Mittelalters und der spanischen Schreckensperiode sind mit ebensolcher Ehrlichkeit geschrieben, wie die erfreulicheren der Aufklärungs-