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Die Wahrheit · 1899-11-11 · Heft 35 (11.11.1899) · page 11

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1899
Issue
Heft 35 (11.11.1899)
Date
1899-11-11
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 85. Die Wahrheit. und Emancipations-Zeit. Nirgendwo ist zu hell und zu dunkel gemalt. Der Leser erhält ein wahrheitsgetreues Bild und kann aus dem Buche solide Belehrung gewinnen und, wofern er die Vorbedingungen besitzt, sich für Judenthum erwärmen. Mit Geschmack ist auch die Auslese der im Anhänge gegebenen Literaturproben getroffen. So kann Levin's Buch zur Einführung nur warni empfohlen werden. F. Sitvche Schlomim. Die Vorschriften über das Schächten und die Untersuchung der Lunge, von R. Jakob Beck; neu herausgegeben und mit einer deutschen Uebersetzung versehen von vr. S. Gronemann, Landrabbiner zu Hannover. Frankfurt a. M. A. I. Hofmann 1899. — Das bekannte und viel verbreitete Büchlein des rühmlich bekannten Leipniker Rabbinatsbeisttzers liegt hier in correcter Recension und mit trefflicher, deutscher Uebersetzung vor. Hoffentlich wird diese letztere möglichst wenig benützt; überflüssig erscheint sie leider nicht. Selbst der im Hebräischen erfahrene Schochet wird sie mit Erfolg benützen. Namentlich der Abschnitt über „Bedikah" ist beherzigenswerth, da auf diesem Gebiete' viel gesündigt wird, oft durch falsch verstandenen Text des hebräischen Originalcodex. Die Schechitah wird in Cisleithanien zumeist nicht mit dem nöthigen religiösen Ernst gehandhabt und überwacht und die Rigorosität Deutschlands nur in wenigen Gemeinden angestrebt oder erreicht. — Dies bewog ja auch Herrn Gronemann zur Abfaffung seines Buches. Sehr lesenswerth ist auch das Capitel über „das Verhältnis der rituellen zur thierärztlichen Untersuchung". Unsere Schochtim streichen in der Regel die Segel vor dem Herrn SchlachthauS»Jnspector oder gar „Doctor", obzwar sie dazu nicht die geringste Veranlassung haben. Sie können aus Beck-Gronemann's Buch immerhin Gewiffenhaftigkeit und Selbstbewusstsein lernen oder wenigstens bestärken. F. Publikationen des „Oesterr.-rmg. Cantoren-Bereirres." Für die Hinterbliebenen des verstorbenen Vereinsmitgliedes Cantor I. Neu mann, St. Pölrcn, sind nachfolgende Pflichtbeiträge eingelaufen: Rausnitz, Gablonz, fl. 1.—; Hahn, Tetschen, fl. 1.—; Grünfeld, Wien, fl. 1.—; Schlesinger, Wien, fl. I.—; Popper, Eger, fl. 1.—; D. L. Rotter, Wien, fl. 1.—; Bauer, Wien, fl. 1.—; Singer, Wien, fl. 1. —; Bassl, Wien, fl. 1. - Blatt, Wien, fl. 1.—; Saller; Breitenbrunn, fl. 1.—; Reiser, Neuern fl. 1.—; Rotter, Przibram, fl. 1.—; Teltsch, Wien, fl. 1.50; Weiß, Tobitschau, fl. 1.—: Jellinek, Weißkirchen, fl. 1.— : Rosenfeld, Pisek, fl. 1.—; Rosenberger, Komotau, fl. 2.—; Lemberger, Wien, fl. 1.—; Lebowitsch, Nachod, fl. 1.—; Blum, Schlan, fl. 1.—; Lederer, Eger, fl. 1.—; Löwy, Neunkirchen, fl. 1.—; Friedländer, Silos-Bolhas, fl. 1.—. Die P. T. Mitglieder werden dringendst ersucht, die rückständigen Pflicht- und Vereinsbeiträge mit Rücksicht auf § 15, 3a der Statuten baldigst einzusenden. _ M. Blatt, Cassier. Spenden-Ausweis. In Folge des Aufrufes in Nr. 32 unsereres Blattes sind uns für die Hinterbliebenen des Cantors Neumann in St. Pölten durch Herrn Cantor K. Brunner in Jglau nachfolgende Spenden übermittelt worden: Chewra Kadischa-Jglau fl. 5.—, Herr Abraham Taussig-Jglau fl. 1.—, Herr Josef Grünfeld-Jglau fl. 1.—, Cantor Brunner-Jglau fl. 1.—. Summa fl. 8.—. Den geehrten Spendern sagen wir herzlichsten Dank. Der Nihilist. Ein Z e i t r o m a n aus dem russisch-jüdischen Leben. Von Moritz Scherbe!. (Nachdruck verboten.) (23. Fortsetzung.) „Und das Fäulein, das soviel Interesse für ihn hegt, war es inzwischen hier?" „Ich glaube, ja." „Wann das letzte Mal?" „Es werden wohl vierzehn Tage her sein." „Du kannst gehen," sagte hierauf der Vater barsch zu seiner Tochter. Diese entfernte sich. „Ihr seht", begann hierauf Aronson zu seinem Gaste, indem er aufstand, vor den Spiegel trat, den schütteren Bart bürstete und den Halskragen in die Höhe zog, „Ihr seht wie die Sache liegt, und wenn auch Euer Alexander aufgefunden und in Sicherheit gebracht würde, so wäre er doch für mich eine verlorene Seite 11. Partie. Versteht Ihr mich?" sprach er, durch das Zimmer schreitend und seinen Höcker dabei mit einer Grazie tragend, als wäre er eine Verleihung für verrichtete Heldenthaten. „Ich weiß nicht, woran Ihr denkt", sagte Wandelowicz. „Woran ich denke? Nun wie, ist es etwa nothwendig, Euch daran zu erinnern, dass ich Euch Etwas in's Gedächtnis rufen kann, das alle möglichen Gefühle in Euch wachrufen, nur nicht das der Freude und des Stolzes? Es sind jetzt wohl neun oder zehn Jahre her und ich wohnte damals noch in Mitau. Zu dieser Zeit geschah es." „Aber, was wollt Ihr mit diesem Zurückrufen geschehener Dinge?" sagte Wandelowicz mit abwehrender Handbewegung. „Doch es ist nothwendig, um Euch an den Anspruch, den ich an Euch habe, zu erinnern, der Euch ganz aus dem Gedächtnisse gekommen zu sein scheint. Zu jener Zeit, von welcher ich spreche, befandet Ihr Euch in einer misslichen, ja verzweifelten Lage, aus welcher Euch zu retten ich zwar nicht die Macht besaß, von der mdes Mitwisser zu werden, der Zufall es gefügt hat. Euere Leidenschaft für das Spiel hatte Euch dahin gebracht, den Betrag von dreißigtausend Rubel, welcher bei Euch deponirt war, bis auf den letzten Kopeken durchzubringen, und um diese Veruntreuung zu verdecken, eine Wechselfülschung zu begehen. Also wisset Ihr, wozu Euch damals die Verzweiflung trieb. Wie ich selbst zur Kenntnis davon gelangt? Nun, der Zufall hatte es gewollt, wie ich Euch bereits bemerkt habe." Es war an einem finsteren Herbstabend, als ich, an Euerer Wohnung vorübergehend, ein plötzliches Jammergeschrei vernahm. Wir sind ja doch, wenn auch etwas weitläufig, verwandt mit einander, und dadurch schon angeregt, fand ich mich veranlasst, dem Orte zuzueilen, von welchem aus die Schmerzenstöne zu mir drangen. Die Thüre öffnend, hatte ich, der ich sonst gar nicht über schwache Nerven klagen könnte, einen Anblick, der mich doch einigermaßen aus der Fassung brachte. . ." „Aber — frage ich Euch nochmals — zu welchem Behufe erzählt Ihr mir das Alles, da ich selbst davon zur Genüge unterrichtet bin. Ich befehle Euch darüber zu schweigen." „So — Ihr vergesset wohl, dass Ihr Euch jetzt in meiner Behausung befindet, wo das Befehlen Euch schlecht ansteht. Uebrigens müsst Ihr mir zugestehen, dass die Wiederholung jenes Geschehnisses, wenn auch nicht in Euerem, aber doch in meinem Interesse liegt. Was ich sah, was mich so sehr erschreckte, als ich in das höchst komfortabel eingerichtete Zimmer trat, war ein am Fensterkreuz hängender Mann und neben demselben eine händeringende, elegant gekleidete Frau. Im ersten Augenblicke wohl etwas betroffen von der entsetzlichen Erscheinung, die sich mir darbot, fand ich doch bald heraus, was meine Menschenpflicht sei, umsomehr, als jenes junge Weib mich flehend darum anging, ihren Gatten zu retten. Ich besann mich nicht lange, schnitt schnell den hängenden Mann ab und hatte die Freude, zu gewahren, dass der Lebensfunke in ihm n>ch nicht erloschen war; es hatte sich hier nur um Augenblicke gehandelt. Ihr wisset, mein lieber Wandelowicz, dass jener Mann kein Anderer als Ihr selbst gewesen und werdet das Verdienst zu beurtheilen verstehen, dass ich mir damals um Euere liebe Person erworben habe. Ich trug Euch auf meinen Armen nach dem Schlafzimmer, wo die angestellten Wiederbelebungsversuche von dem besten Erfolg gekrönt waren. Ich überließ Euch darauf der weiteren Pflege Euerer Frau und entfernte mich durch das Zimmer, in welchem Ihr den Selbstmordversuch angestellt hattet. Durch dasselbe schreitend fiel mein Blick auf ein unter dem Schreibtisch liegendes Papier, welches ich alsbald aufhob. Von Natur schon ein wenig neugierig, aber durch die obwaltenden Umstände noch mehr gereizt, durchlas ich das Schriftstück, und was ich darin vorfand, reichte vollständig aus, um mir Eueren Fluchtversuch aus dem Leben erklärlich zu machen. Ich kann es mir schon nicht versagen, Euch mit dem Inhalte desselben, soweit ich ihn noch im Gedächtnisse behalten, bekannt zu machen." (Fortsetzung folgt.)

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