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Die Wahrheit · 1899-11-11 · Heft 35 (11.11.1899) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1899
Issue
Heft 35 (11.11.1899)
Date
1899-11-11
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Hesterr.-ungcrr. Kcrrrtoren-Ieitung. ZTr. 35. Beilage zur Zeitschrift „Die Wahrheit". ^9. gahrg. Der Vorsällgerdieust -er Israeliten nach seiner geschichtlichen Eutwicklnng. V. Während nun Forkel der hebräischen Musik nur einen geringen Werth beilegt und der Meinung ist, dass sie weiter nichts als ein monotones Necitativ, ähnlich dem heutigen synagogalen und kirchlichen Psalmengesang gewesen, erheben sie Andere wieder über alle Maßen. Die Wahrheit liegt sicher in der Mitte. Musste sich auch dieselbe aus einfache Melodien beschränken, und vermochte sie sich auf die Höhe des Standpunktes der heutigen Musik nicht Zu erheben, so konnte sie doch ein bloßes Necitativ auch nicht sein. Ein solche Musik verlohnte der großen Einrichtung nicht, die man ihr zu Theil werden ließ, sie hätte im Gottesdienste die große Rolle nicht spielen können, die sie unzweifelhaft gespielt, sie Hütte nicht so oft bei traurigen und freudigen Ereignissen, im Dienste der Religion, wie in dem des geselligen Lebens benützt werden können, wenn ihre Anwendung und Gebrauch so einfach gewesen wären, vielmehr muss sie wegen der Wichtigkeit, die ihr beigelegt wurde, wohl auch auf eine höhere Stufe geführt worden sein, als die anderer Völker. Da nun die Geschichtsschreiber dieser Völker von der Wirksamkeit der Musik bei Thieren und Menschen so viele Erzählungen (wenn auch Fabeln) berichten, so kann der Einfluss, die Wirkung der hebräischen Musik angegebener Weise nicht so gar gering gewesen sein. Auch scheint eS nicht wahrscheinlich, dass sie auf ihren Instrumenten blos die Melodien gespielt und ihnen die Wirkungen der Harmonie unbekannt geblieben wären; denn selbst musikalisch ungebildete Personen verfallen schon durch Gefühl und Gehör auf mehrstimmigen Gesang (die sog. Bauernharmonie). Die Mannigfaltigkeit der Psnlmen-Ueberschriften und andere Ausdrücke, welche sich offenbar auf Musik beziehen, lassen uns eine bedeutende Vielseitigkeit der musikalischen Formen bei den Hebräern voraussetzen, sei es nun, dass sie einen Wechsel von Melodien, Tonarten, Instrumentalbegleitungen oder von Chor- und Sologesang bedeuten. Alles dieses beweist eine ziemliche Ausbildung dieser Kunst und eines feinen Gefühles für die Verschiedenheit des Vortrages und der wahrscheinlich nach dem Charakter des Liedes sich richtenden Wahl passender Instrumente zur Begleitung. Indessen konnte die Musik der Hebräer auch nicht die Vollkommenheit der heutigen erlangt haben, da derselben eine zusammengesetzte und in's Einzelne gehende Bezeichnung der Töne durch Noten fehlte. Gesang und Begleitung konnte sich nur durch Tradition fortgepflanzt haben, und musste darum unvollkommen sein. Wohl hat Anton — wie Saalschütz in der Zeitung des Judenthums, Jahrgang 1838 anführt — die Meinung aufgestellt, dass die Accente die Noten der alten Tempelmusik gewesen wären (wie auch die Griechen über den Gesangversen die Töne mit Accenten bemerkten) und demnach mit vielem Scharfsinn und theoretisch musikalischem Wissen versucht, die alten Choräle wirklich zu entziffern, aber auch ihm ist von Saalschütz Schritt für Schritt gezeigt worden, wie unsicher alle Stützen desselben sind. Die Aufschriften: Githit (Psalm 61), Allamoth, Schminith sind Bezeichnungen der Tonarten, ohne dass wir jedoch im Stande sind, etwas Näheres darüber angeben zu können. Auch zeigte man oft die Melodie durch die ersten Worte eines allgemein bekannten Liedes an. So werden die Worte: Muth Laben, Sehoschanim, Ajeleth, Haschachar al Taschscheth, erklärt. Diese Lieder waren dem Volke bekannt, wie heute z. B. der Schochen ad, Kadisch oder das Lied: Was ist des Deutschen Vaterland? und wurden nun dessen Anfangsworte über die Psalmen gesetzt, damit Jeder wisse, wie sie gesungen werden können. Wären die Worte dieser, später verloren gegangenen Lieder, Bezeichnungen der Jnstru- I mente, wie Einige glauben, warum werden solche nicht in anderen Aufschriften der Psalmen oder anderen Stellen der heiligen Schrift gefunden? Auch streitet der Sprachgebrauch gegen die Annahme, als seien es Instrumente gewesen, da bei diesen immer der Servil- Buchstabe 2 (mit) oder das Wort bv (auf oder nach) zugefügt wird. Ein musikalisches Wort war auch das Wort Sela, dessen eigentliche Bedeutung gleichfalls in Vergessenheit gerathen. Man findet es nur 69mal in den Psalmen und dreimal in Habakuk, am Ende, selten in der Mitte eines Verses, auch am Ende des ersten Absatzes und hält es entweder für ein Zeichen der Takt- Veränderung oder der Steigerung der Töne. Einige nehmen es für eine Abbreviatur, zusammengezogen aus: n'-arrr oder mbrrpt» rrar1? svo (d. i. da capo) Rosenmüller übersetzt es mit Pause, da er es identisch mit dem syrischen Worte hält, das ruhen und schweigen heißt. Munk in seinem „Palästina" führt die Erklärung eines Lords hierüber an, die wir ihrer Extravaganz willen hier mittheilen: „ David, dit-il inventait la maniere de filer les sons, ce qu’on appelait selah en hebreu et ce quon appelie en Italien smorzando. La devotion des Juifs redoublait a l’approche du selah, et les chanteurs unissaient lern* voix, et s’aeeordaient le rnieux qu:il leur etait possible, de l’executer de faoon ä penetrer les coeurs en charmant les adoucissaient ensuite par gradation. Cette tenue etait suivee d une pause. Le prophete Habakuk, touche des merveilleux effets que produisait de trouve plusieurs fois nomme dan son Chantique.“ Auf gleiche Weise sind in andern Werken ähnliche Uebertreibungen über die Musik der Hebräer zu finden. Wir ziehen es vor, unsere Unwissenheit darüber bescheiden zu bekennen; wir wollen die Phantasie unserer Leser nicht mit Bildern, die jeder Realität entbehren, anfüllen und durch Conjucturen, die an Charlatanismus grenzen, zu unterstützen. Da aber die hebräische Musik noch damals keine ermattende Kunst war, sie sich also umsomehr dem Schwünge des Herzens nähern konnte; da ferner der den Melodien unterlegte Text einen so begeisterten Inhalt hatte und die Töne der hebräischen Sprache im freiesten Rhythmus fließen, während die schweren Füße der deutschen Sprache, ihre harten, langen Silben ihr gegenüber im Staube gleichsam fortschleppen. Dort ein lustiges, klingendes Wort eine ganze Region macht, während man hier zehn nöthig hat, die zwar alles deutscher, aber auch viel schwerer sagen: so gestatte man mir, mit Herder anzunehmen, dass sie eine begeisternde Fülle, in so früher Zeit gehabt haben müsse, da der Effect noch wenig geregelt war, wenn, um Gottes oder einer allgemeinen Wohlchat willen, voll Nationalstolz und Nationalfreude ein versammeltes Volk sang. Zu unserer Zeit, in unserm Gemenge von Nationen, in denen wir kaum einen Gott, wenig allgemein Interesse nnd kein Vaterland haben, sehen wir nichts dergleichen. Dort kam es nicht auf künstliche, sondern auf begeisternde Musik und Sprache an; kein kalter Wohlstand fesselte, kein nordischer Himmel schlug Seelen und Töne zu Boden. Der Gesang Moses und Miriam, sagt Herder, Chorgesang eines erretteten Heeres vieler Tausende, die mit Paukenschall unter arabischem Himmel ihren Jehova priesen — wo ist ein emporfliegender Gesang wie dieser! Und er ward Vorbild der Gesänge Israels in späteren Zeiten. Auch ist aus den die Musik bezeichnenden Ueberschriften der Psalmen, wenn auch unsere mangelhafte Kenntnis des hebräischen Alterthums nicht den ganzen möglichen Nutzen davon ziehen lassen, doch dazu brauchbar, dass wir daraus die enge und glückliche Verbindung ersehen, in welcher Musik und Poesie bei den Hebräern gestanden haben. Aus ihnen folgt, dass sie sich mit andern alten Völkern darauf gelegt haben, jedem Instrumente seinen eignen Affect abzugewinnen und nach dieser Kenntnis für jedes Instrument besonders zu dichten und vorzutragen.

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