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Die Wahrheit · 1899-11-11 · Heft 35 (11.11.1899) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1899
Issue
Heft 35 (11.11.1899)
Date
1899-11-11
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 8. Nr. 35. Die Wahrheit. Bewegung der Statusquo-Gemeinden über kurz oder lang dem ganzen ungarischen Judenihum zum Heile gereichen wird, worüber wir mit Erlaubnis der Redaction demnächst referiren wollen. 8. Budapest. In der jüngst in Budapest stattgehabten Sitzung der zweiten Elaste der ungarischen Akademie der Wissenschaften hielt der Aegyptologe Docent vr. Eduard Mahler als Gast einen Vortrag, indem er sich mit der Feststellung der Identität jenes Pharao befasste, unter dessen Regierung der Auszug der Juden aus Aegypten erfolgt ist. Die frühere Annahme der Gelehrten ging dahin, dass jener König Pharao mit dem König Mernepta'k identisch gewesen sei. Es wurde jedoch vor einigen Jahren in Aegypten eine beschriebene Gedenksäule aus der Zeit Merneptas . entdeckt, auf welcher unter anderen asiatischen Völkern auch das Volk Israels erwähnt wird. Folglich waren die Juden zur Zeit Merneptak's längst nicht mehr in Aegypten. An der Hand wissenschaftlicher, chronologischer und auch meteorologischer Daten suchte der Vortragende nachzuweisen, dass der Exodus der Juden am 27. März 1335 v. Ehr., dem 15. Nissan, erfolgt sei, an einem Donnerstag nach dem Julianischen Kalender. Damals aber herrschte Ramses II., der von 1347 —1280 v. Ehr. regierte. Lackerrbach. Bereits vor zwei Jahren bekundete die Jugend in unserer Gemeinde ihre humane Gesinnung, durch Gründung eines Vereines, welcher unter dem Titel: „Jsr. wohlthät. Jugend- Verein ,Tifereth Bachurim'" die Unterstützung armer schulpflichtiger Kinder durch Beschaffung der Kleider und Schulrequisiten und die Unterstützung armer Kranker bezweckt. Nebst diesen humanen Zwecken, die eine allseits befriedigende Bethätigung gefunden haben, pflegt der . Verein auch die Hebung des jüdischen Geistes durch Veranstaltung von wissenschaftlichen und talmudischen Vorträgen. Da unser allseits hochverehrter Rabbiner vr. Ullmann durch stetes Unwohlsein verhindert ist, derlei Vorträge selbst abzuhalten, richtete er an zwei Talmide chachomim die Aufforderung, den Verein nach dieser Richtung zu fördern. Der erste Vortrag wurde am Sabbath Chol liamoed Sukkoth von Herrn M. Grünsfeld gehalten, der sich mit Recht den Ruf eines gewandten Redners erworben hat. Er verstand es, das zahlreich erschienene Publicum anhaltend zu fesseln, und Alles lauschte gespannt seinen exegetischen Erläuterungen. Nicht minder großen Beifall erntete Herr M. Beer, ein hochgeachtetes, besonders talmudisch gelehrtes Mitglied unserer Gemeinde, mit dem zweiten Vortrage, in welchem er durch scharfsinnige Auslegungen, manch dunkle Stelle der Liärali Toldos aufzuklären versuchte. Auch diesmal verließen die zahlreich Erschienenen höchst befriedigt den Vortragssaal, mit dem aufrichtigen Wunsche, dass es dem Vereine auch fernerhin gelingen möchte, tüchtige Kräfte für weitere Vorträge zu gewinnen. Wie wir vernehmen, ist dieser Wunsch bereits in Erfüllung gegangen, indem durch Vermittlung unseres hochverehrten Herrn Rabbiners die beiden Herren M. Beer und M. Grünsfeld abwechselnd jeden, zweiten Samstag ihr Möglichstes zur Hebung des jüdischen Geistes und zur Pflege unserer heiligen Thora beitragen wollen. 8. G. Heimweh. Erzählung von Eduard Kulke. (18. Fortsetzung.) Sie rief ihn. Er wendete sich um, winkte mit dem Tuche noch einen letzten Gruß zurück,, wendete sich wieder und schritt weiter. Sie wollte ihm nachlaufen, ihn halten, sich an ihn klammern, ihn schleppen, sie musste ihn ja mit nach Hause bringen. Wie Jehuda einst sich dem alten Patriarchen für seinen Lieblingssohn Benjamin verbürgt, ihn von Aegypten zurückzubringen, so hatte ja auch sie heute Morgen den Eltern ihr Wort verpfändet, sie hatte es verbürgt, dass sie ihn finden, dass sie ihn zurückbringen werden aber es hielt sie da mit geheimer Kraft am Boden fest, sie konnte den Fuß nicht regen, ihm nachzusetzen, sie blieb stehen, so lange sie ihn im Auge behalten konnte, und da er endlich ihrem Auge entrückt war, da rief sie ihm noch einmal nach: geh' hin unglücklicher Mensch! für uns bist Du nicht mehr auf dieser Erde! für uns bist Du gestorben, todt, todt für immer. Und mit diesen Worten raffte sie sich auf und schritt der Heimat zu. So waren Bruder und Schwester in unwiderruflicher Trennung auseinandergegangen; jener ging in's Dorf zurück, diese ging heim zu ihren Eltern. Honza und Brigitte steckten, als sie Jossef von Ferne kommen sahen, die Köpfe zusammen. Sie glaubten, der Bruder habe sich von der Schwester überreden lassen und kehre mit ihr zurück — sie hatten sich geirrt, sie hatten ihm zu wenig Festigkeit und Selbständigkeit zugetraut. Der alte Niederhuber aber ließ in Blicken und Mienen deutlich merken, dass seine Voraussicht weiter reiche, als die seiner Umgebung. Jossef hatte sich durch die Schwester von seinem einmal gefassten Vorsätze nicht abwendig machen lassen, er kam zurück, um seinen Entschluss auszuführen; die Probe, die dem alten Niederhuber so erwünscht gekommen, sie war bestanden und damit die Bürgschaft für das Glück seines Kindes gewonnen. Marie war wonnig beglückt; doch war die Sonne ihres Glückes und ihrer Freude von einer kleinen Wolke getrübt, die sich auf ihre schöne Stirne gelagert; es that ihr wehe, dass Menschen existiren, denen i h r höchstes Glück nur Qual und Leid bereite; das gute Mädchen hatte so viel des Glückes, dass sie davon gerne an alle anderen Menschen einen Theil hingegeben hätte! Alles sollte sich mit ihr freuen, dem war aber nicht so; da war eine Schwester ihres Geliebten, die war in Schmerz und Kummer von dannen gegangen, und den Eltern, zu denen sie ging, sie konnte ihnen nichts als Schmerz und Kummer mit nach Hanse bringen. Finkel brachte in Wahrheit nichts Anderes mit nach Hause. Zwar, wie die Sachen eigentlich stehen, sagte sie den Eltern nicht; den guten Eltern zu sagen, dass sie den geliebten Sohn unwiderbringlich verloren haben, verloren in einer Art, die ihnen ärger sein musste, als selbst der Tod des Einzigen; zu sagen, dass Jossef sie so schmählich verleugne, dass er aus dem Bund seiner Väter scheide, seine Familie verrathe und überträte zu einem anderen Glauben; solch' ein Leidwesen konnte sie den guten Eltern nicht zufügen; aber Schmerz und Kummer schon genug, wenn sie berichten musste, dass sie den Bruder gesucht und nicht gefunden habe. Hätte Finkel etwas weniger Zartgefühl besessen, hätte sie sich nicht davor entsetzt, den Eltern die erschütternde Nachricht mitzutheilen, hätte sie der Wahrheit die Ehre gegeben und rund ihnen herausgesagt, wie es um den Sohn stehe und welche Saat in seinem Herzen aufgegangen sei — wer möchte es entscheiden, wie sich die weiteren Schicksale des Sohnes gefügt hätten. Die guten Eltern hätten gewiss alles Mögliche aufgeboten, um den verlorenen Sohn wieder in ihr Haus zurückznführen; sicher wären Vater und Mutter wie sie da gingen und standen, sogleich hinaus auf's Dorf zu ihrem Sohne, und was der Schwester hartnäckig verweigert worden, wer will es behaupten, dass es den Ermahnungen und Bitten eines schwer gebeugten Vaters, den Thränen und dem Jammer einer zu Boden geworfenen Mutter nicht gelungen wäre! Jossef hätte sich vielleicht erweichen lassen, hätte dem Andringen der Eltern nicht widerstehen können, er wäre in's elterliche Haus zurückgekehrt, freilich nicht ohne eine tiefe Herzenswunde mit nach Hause zu bringen, aber die Zeit hätte diese Wunde allmälig geheilt und seine Eltern hätten ihm dereinst noch eine Gattin zugeführt, gegen die sich sein Herz nicht gesträubt hätte. Doch wozu diese Vorstellung eines Zustandes, zu welchem so ganz und gar keine Aussicht vorhanden ist. Es sollte ganz anders kommen. Finkel's Noihlüge, deren sie sich aus Schonung für ihre Ellern bediente, ging freilich aus der edelsten Gesinnung hervor, aber die Wirkungen derselben waren darum nicht minder unheilvoll. Gesucht und nicht gefunden! — sagte Finkel, da sie von ihrer Wanderung, die sie heute morgen unternommen hatte, am Abend heimgekehrt war: Gesucht und nicht gefunden! (Fortsetzung folgt.)

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